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Eine serbische Familiengeschichte Bomben werfen für das "Vaterland"

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Die Mutter hat Angst vor terroristischen Racheaktionen. Jeden Abend stellt sie einen Schrank vors Fenster des Kinderzimmers.

(Foto: Nina Bunjevac / Avant-Verlag)

Der Großvater landete im KZ. Der Vater wurde zum Terroristen. Sie selbst wuchs zwischen Kanada und Jugoslawien auf. In der Graphic Novel "Vaterland" beschreibt Nina Bunjevac die bewegende Geschichte ihrer serbischen Familie.

Der Vater von Nina Bunjevac starb 1977 bei einer Explosion. Er hatte mit zwei Komplizen in einer Garage an einer Bombe gebastelt. Doch etwas ging schief, die Bombe explodierte zu früh und riss die drei Männer in den Tod. Sie waren serbische Nationalisten, Terroristen, die mit Gewalt im kanadischen Exil gegen Jugoslawien und den Kommunismus kämpften.

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Bunjevacs Mutter verlässt zusammen mit den Töchtern Kanada, um in Jugoslawien zu leben - der Sohn muss zurückbleiben.

(Foto: Nina Bunjevac / Avant-Verlag)

Nina Bunjevac war damals drei Jahre alt und lebte am anderen Ende der Welt, in jenem Jugoslawien, das ihr Vater Peter so verabscheute. Lange war er für sie nur eine ferne Erinnerung. Doch sie begab sich auf eine Spurensuche, sammelte Schnipsel und beschreibt nun in der Graphic Novel "Vaterland" das Leben ihres Vaters, erforscht aber gleichzeitig die Geschichte des Balkans im 20. Jahrhundert.

Zunächst zeichnet und beschreibt Bunjevac ihre eigene Geschichte. Sie wird 1973 in Kanada geboren. Zwei Jahre später erträgt die Mutter die terroristischen Aktivitäten ihres Mannes nicht mehr. Sie hat Angst vor Racheaktionen, Angst davor, dass jemand nachts eine Bombe in ihr Haus wirft und die ganze Familie auslöscht. Unter dem Vorwand eines Urlaubs besucht sie mit ihren beiden Töchtern ihre Familie in Jugoslawien. Eine Rückkehr plant sie nicht. Doch der Preis dafür ist hoch: Der Sohn muss zurückbleiben, weil der Vater nicht will, dass er in Jugoslawien der kommunistischen Propaganda ausgesetzt ist. Hass und Ideologie zerreißen die Familie.

Der Großvater kommt ins KZ

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Schon früh verliert der Vater beide Eltern. Er ist ein schwieriges, ein gewalttätiges Kind.

(Foto: Nina Bunjevac / Avant-Verlag)

Bunjevac wächst in Jugoslawien auf, die Erinnerungen an den Vater verblassen mit der Zeit. Irgendwann jedoch will sie mehr wissen. Sie befragt die Mutter und Angehörige und fügt die Informationen zu einem Panorama zusammen, das sie im zweiten Teil des Comics ausbreitet. Dabei geht es nicht nur um die Lebensgeschichte des Vaters. Anhand der Geschichte seiner Vorfahren umreißt sie auch die Geschichte des Balkans im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit.

Die Vorfahren von Bunjevac erleben die historischen Ereignisse immer wieder am eigenen Leib. Als Serben, die auf kroatischem Gebiet siedeln, sind sie im Zweiten Weltkrieg den Repressionen der kroatisch-faschistischen Ustascha-Miliz ausgesetzt. Der Großvater zum Beispiel stirbt in einem berüchtigten Konzentrationslager. Auch die Machtübernahme durch die Kommunisten nach 1945 prägt die Familie: Bunjevacs Vater gerät als junger Mann in die internen Machtkämpfe, wird inhaftiert, flieht schließlich aus Jugoslawien und geht ins kanadische Exil. Dort radikalisiert er sich und wird selbst zum Gewalttäter, zum Terroristen.

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"Vaterland", Avant-Verlag, 156 Seiten im Hardcover, 24,95 Euro.

In recht nüchternen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Bunjevac diese Familiengeschichte. Die einzelnen Panels wirken bildhaft, symbolisch aufgeladen. Ihre Lebendigkeit erhalten die realistischen Zeichnungen vor allem durch die Schraffur, die mal grob, mal ganz fein gearbeitet ist. Das gilt auch für die Figuren, die ansonsten wenig dynamisch ausgearbeitet sind. So wirken sie mitunter etwas steif, als hätten sie keine Chance, ihrem Schicksal zu entgehen.

Die Katze im brennenden Ofen

Gewalt bestimmt dieses Schicksal, sie zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Der Vater erlebt als Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs und die kommunistischen Säuberungsaktionen. Schon früh wird er selber gewalttätig: In einer Schlüsselszene zeigt Bunjevac, wie er eine Katze in einen brennenden Ofen steckt. Weil er kaum zu bändigen ist, wird er auf eine Militärschule geschickt. Doch dann folgen Gefängnis, Flucht und Exil. Bunjevac rekonstruiert das Leben ihres Vaters aus Schnipseln, aus Momenten. Doch sie schafft es, daraus eine spannende Geschichte zu formen.

Es sind jene persönlichen Momente, die Bunjevacs Buch so bewegend machen. Sei es die Geschichte des Vaters, seien es die Erzählungen der Großmutter, die als Partisanin kämpfte oder die Gespräche mit der Mutter am Küchentisch: Hier wird Geschichte lebendig erzählt. Die immer wieder parallel montierten historische Exkurse stören dagegen den Lesefluss. Bunjevac möchte die Ereignisse ausgewogen darstellen, keine Seite bevorzugen. Doch die Menge an Namen, Fakten und Entwicklungen wirkt eher verwirrend.

Immer dann, wenn die Autorin zu weit von der Geschichte ihres Vaters abschweift, wenn sie die Erlebnisse der Vorfahren beschreibt oder historische Entwicklungen darstellt, verliert der Comic seine emotionale Dramatik. Weniger Hintergrund, mehr persönliche Geschichte hätten dem Comic gut getan. Denn um zu zeigen, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist, braucht man manchmal keine Geschichtsbücher. Da reicht eine Familiengeschichte wie die von Nina Bunjevac.

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Quelle: n-tv.de

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