Bücher

Bücher vorm Kamin Lesen macht unwiderstehlich

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Herrlich gemütlich, so ein Feuerchen. Dazu Wein und Buch, perfekt.

(Foto: imago images/Westend61)

Es geht um Frauen. Geht es nicht immer irgendwie um Frauen? Schon, ja, aber es geht auch um Freiheit, Musik, Neuanfänge, Ängste und Kontrollverlust. Es geht um Spannung und darum, dass man ein Buch lesen will, weil man von anderen einfach gehört hat, dass es der Knaller ist und was soll man sagen? Es IST der Knaller und es liest sich innerhalb kürzester Zeit im Gehen, Stehen und Liegen einfach so weg. Diese Art zu lesen kennen die meisten doch nur noch aus der Kindheit - Zeit, sich mal wieder auf die Suche nach dem inneren Kind und ein bis zwei ruhigen Abenden vor dem Kamin - oder auch nur unter der Leselampe - zu begeben. Denn nichts ist unwiderstehlicher als eine gute Geschichte. Wir helfen Ihnen hier ein bisschen bei der Auswahl.

Emotionaler Scherbenhaufen

Vor 16 Jahren floh Matteo Zevi überstürzt nach Kalifornien, weil er einem Mann sehr, sehr viel Geld schuldete. Nun ist der Gläubiger tot und Zevi kann seine Füße wieder auf italienischen Boden setzen. Doch in Rom wird er nicht von allen mit offenen Armen empfangen: Seine beiden erwachsenen Kinder wollen nichts von ihrem unzuverlässigen Erzeuger wissen und sind eigentlich auch viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.

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Wo die Geschichte endet: Roman
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Sohn Giorgio fühlt sich damit überfordert, bald selbst Vater zu werden, versucht nebenbei als Sternekoch sein Szenelokal vor dem Ruin zu retten und wacht nachts von Anrufen auf, die nur er zu hören scheint. Tochter Martina hat sehr jung den Sohn einer angesehenen römischen Familie geheiratet, muss sich nun durch mondäne Feste lächeln und kriegt den Kuss mit ihrer Schwägerin nicht aus dem Kopf. Nur seine zweite Ehefrau ist Zevi wohlgesonnen und fiebert einem Treffen mit ihm entgegen. Über die Tatsache, dass in den USA Gattin Nummer vier auf die Rückkehr des Lebemannes pocht, blickt sie generös hinweg.

Es ist ein ziemlicher emotionaler Scherbenhaufen, von dem der italienische Autor Alessandro Piperno in seinem Roman "Wo die Geschichte endet" erzählt. Und gerade als sich die Koordinaten in dem komplizierten Familiengefüge ein wenig zu ordnen scheinen, lässt er die Realität mit brutaler Wucht in die Erzählung einbrechen - und nichts ist mehr, wie es einmal war.

Das Beeindruckende an dem Buch sind weniger die Geschichte oder deren Dramaturgie. Es ist die Art, mit der Piperno seine Figuren und ihre komplizierten Beziehungen zueinander beschreibt: Er seziert sie mit geradezu chirurgischer Präzision und der von ihm gewohnten sprachlichen Bissigkeit. (kse)

Kompletter Kontrollverlust

"An einem Nachmittag im April verkündete mir mein Mann kurz nach dem Mittagessen, dass er mich verlassen wolle. Wir räumten gerade den Tisch ab. Er sprach ausführlich über unsere fünfzehn Ehejahre und die Kinder und gab zu, dass er weder ihnen noch mir das Geringste vorzuwerfen habe. Dann übernahm er die volle Verantwortung für alles, zog behutsam die Wohnungstür hinter sich zu und ließ mich versteinert neben der Spüle stehen".

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Tage des Verlassenwerdens: Roman
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So beginnt der Roman "Tage des Verlassenwerdens" von Elena Ferrante, der 2002 erschienen ist und in diesem Herbst von Anja Nattefort neu ins Deutsche übersetzt wurde. Die 38-jährige Olga hatte sich immer für eine selbstbewusste und toughe Frau gehalten, die in einer glücklichen Ehe lebt. Dass ihr Mann nichts mehr von ihr wissen will, reißt ihr den Boden unter den Füßen weg. Die Kontrolle über ihr Leben entgleitet ihr komplett: Sie bringt die Kinder in Gefahr, vernachlässigt sich selbst und lässt den Hund qualvoll sterben.

Wie schon in "Frau im Dunkeln" erzählt Ferrante, die mit ihrer Neapel-Tetralogie Weltruhm erlangte, von einem weiblichen Höllentrip. Die unter Pseudonym publizierende Autorin lässt sowohl sprachlich als auch inhaltlich keine Härte aus und beschreibt äußerst beklemmend Olgas an Wahnsinn grenzende Wut und Verzweiflung. (kse)

Keine Leiche, kein Motiv, viele Rätsel

Jedes Jahr am 10. Oktober kramt Kommissar William Wisting die Akten im Fall Katharina Haugen hervor. Das Verschwinden der Norwegerin konnte nie aufgeklärt werden. Keine Leiche, kein Motiv, dafür viele Rätsel: Im Flur des Hauses fanden die Ermittler 14 rote Rosen und auf dem Bett einen halbgepackten Koffer. In der Küche lag ein Zettel mit einem mysteriösen Zahlencode, den niemand knacken konnte.

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Wisting und der Tag der Vermissten: Kriminalroman (Cold Cases, Band 1)
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Was hat das alles zu bedeuten? An jedem 10. Oktober hofft Wisting, ein bisher übersehenes Detail in den Ermittlungsunterlagen zu entdecken. Außerdem pflegt er ein weiteres Ritual: Er besucht Martin Haugen, den Ehemann der Vermissten und damaligen Hauptverdächtigen. Doch am 24. Jahrestag ist der plötzlich spurlos verschwunden. Zeitgleich stößt der Spezialist einer "Cold Case"-Einheit in einem alten Entführungsfall auf Fingerabdrücke von Martin. Um sich der Wahrheit zu nähern, gehen die Ermittler ungewöhnliche Wege.

Jørn Lier Horst lässt in seinem Krimi "Wisting und der Tag der Vermissten" einen erfahrenen Kommissar, einen aufsteigenden Karrieristen und eine Journalistin in Elternzeit nach der Lösung gleich zweier Fälle suchen. Der norwegische Autor hat selbst lange Zeit als Kriminalhauptkommissar gearbeitet, bevor er sich ausschließlich der Verbrechensaufklärung auf dem Papier widmete. Detailreich und ohne große Action beschreibt er die Polizeiarbeit. Und die ist, genau wie das Buch, sehr unterhaltsam - aber nicht atemlos spannend. (kse)

I've been looking for Frieden: Eine deutsche Geschichte in zehn Songs

Jeder Mensch kennt Songs, die für eine bestimmte Zeit im eigenen Leben stehen - die Lieder, die die Familie immer laut im Auto mitgesungen hat bei der Fahrt in den Urlaub; die Hits der Jugendzeit; die Songs, die Paare an die Anfangszeit ihrer Liebe erinnern. Maik Brüggemeyer, Musikredakteur beim "Rolling Stone" und Autor von "Pop - eine Gebrauchsanweisung", hat anhand beispielhafter Songs die deutsche Geschichte nachvollzogen. "Lieder helfen, das Land besser zu verstehen", meint Brüggemeyer. Und er hat zehn ausgewählt, in denen sich wichtige Momente, Strömungen und Ereignisse der letzten sieben Jahrzehnte zeigen - von den 1950ern bis heute.

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I've been looking for Frieden: Eine deutsche Geschichte in zehn Songs
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Viele der Lieder sind weithin bekannt - wie das der "Capri-Fischer", das schon 1943 entstand, vom NS-Propagandaministerium aber verboten wurde, da die US-Armee damals bereits auf Capri gelandet war. Es wurde dann in den 50ern populär, stand exemplarisch für die Sehnsucht der Nachkriegszeit nach einer heilen Welt und nach dem Süden. (Der Text stammt übrigens von Ralph Siegels Vater Ralph Maria Siegel.)

Viele können heute noch "99 Luftballons" von Nena mitsingen, den Hit von 1983, aus der Zeit des Wettrüstens und der Friedensbewegung; im Jahr zuvor hatten Nicole und Ralph Siegel mit "Ein bisschen Frieden" den ESC gewonnen. Fast ebenso bekannt: "Macht kaputt, was euch kaputt macht" der Band Ton Steine Scherben mit Frontmann Rio Reiser - der Aufruhr-Kracher wird heute noch gern und oft gehört bei linken Demos. Es steht für die Zeit Anfang der 70er mit dem Untertitel "Wie sich die deutsche Linke zerlegte". Und natürlich ist der im Buchtitel etwas abgeänderte Song "Looking for Freedom" von David Hasselhoff dabei, der seit dem Herbst 1989 bis heute zur stampfrhythmischen Untermalung der damaligen Ereignisse herangezogen wird. Er dient Brüggemeyer als musikalischer Aufhänger für das Jahr der großen Demonstrationen in der DDR, des Mauerfalls, der Wende - der erkämpften Freiheit.

 

Es sind aber auch nicht so bekannte Songs dabei wie das für die Zeit der 68er stehende "Father cannot yell" der Band Can. Die einzelnen Kapitel befassen sich aber ohnehin nicht nur mit dem jeweils namensgebenden Lied, sondern auch mit vielen anderen aus der Zeit, die ebenso prägend und wichtig waren - nachzuvollziehen anhand vieler Zeilen-Zitate. Das alles ist eingebettet in den Strom der historischen Ereignisse der jeweiligen Zeit, mit Daten, Fakten, Erinnerungen und Anekdoten. "I've been looking for Frieden: Eine deutsche Geschichte in zehn Songs" liest sich wie ein unterhaltsamer Geschichtsunterricht. (abe)

Schlaflos

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Drei
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Du hörst, dass das neue Buch des israelischen Autoren Dror Mishani einfach Bombe ist. Du fängst an zu lesen. 50, 100, 130 Seiten. Denkst, gut, ein bisschen modernes Beziehungswirrwarr, geschiedene Frau, Online-Dating, Sehnsucht nach dem Ex, Unsicherheit beim Neuen und so weiter, also ganz schön shalevi insgesamt. Denkst unterwegs, ich lese jetzt noch die drei Seiten des ersten Drittels und fertig für heute und dann stehst du plötzlich senkrecht im Bett und an Schlaf ist nicht mehr zu denken, schon gar nicht in einem Hotel. (sla)

Ein Jahr der Frauen

Als 1919 beginnt, sind die Deutschen entschlossen, das Jahr als Glücksjahr zu nehmen. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, der Kaiser hat abgedankt, jetzt könnte es klappen mit der Demokratie. Doch es könnte natürlich alles auch noch viel schlimmer kommen, das weiß man nicht an diesem ersten Januartag.

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1919 - Das Jahr der Frauen
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Vor allem für die Frauen ist das Jahr voller Chancen, die Autorin Unda Hörner hat deshalb ihr Buch "1919. Das Jahr der Frauen" genannt. Sie dürfen am 19. Januar das erste Mal wählen und sind mehr als bereit, auf allen Gebieten der Geschichte ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Chronologisch folgt Hörner dem Jahr von Januar bis Dezember und in jedem dieser Monate spielt eine Frau eine besondere Rolle.

Gleich im Januar wird Rosa Luxemburg zusammen mit Karl Liebknecht verschleppt und im Hotel Eden brutal verhört. Luxemburg ist auf einen erneuten Gefängnisaufenthalt eingestellt, doch im Auto fällt ein Schuss. Erst im Mai wird ihre Leiche im Landwehrkanal gefunden. Kurz darauf erfindet Coco Chanel das weltberühmte Parfüm Chanel No 5. Marie Juchacz spricht als erste Frau vor dem Parlament, Hannah Höch macht ihre erste Dada-Collage. Schnell gehen zwölf Monate ins Land, an deren Ende die Hoffnung steht, dass nun wirklich vieles besser wird. Ein faszinierender Perspektivwechsel. (sba) 

Quelle: ntv.de