Bücher

Die ausgelöschte Zukunft Wie Russland die Hoffnung abhandenkam

imago63826903h.jpg

"Mutter Heimat ruft": Mit sowjetischen Plakaten unterstützen Demonstranten in St. Petersburg Putin, , hier im Februar 2015.

imago/Russian Look

Was ging da schief? Noch vor drei Jahrzehnten schien Russland sein totalitäres Erbe abzuschütteln. Doch die Freiheit währte nur kurz. Dies zeigt die Russland-Expertin Masha Gessen am Beispiel von vier jungen Menschen in ihrem faszinierenden Buch "Die Zukunft ist Geschichte".

Wenn im russischen Fernsehen Schwanensee läuft, ist das meist ein schlechtes Zeichen. So war es auch im August 1991, als viele Russen gebannt am Bildschirm verfolgten, wie Putschisten den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow für abgesetzt erklärten. Schon die siebenjährige Shanna verfolgte die Ereignisse genau. Gemeinsam mit ihrer Großmutter war sie krank vor Angst: Schließlich befand sich Shannas Vater zu dem Zeitpunkt im Weißen Haus in Moskau.

Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor
EUR 26,00
*Datenschutz

Das Ende der Geschichte ist bekannt: Der Putsch ging halbwegs glimpflich aus. Shannas Vater lebte noch etliche Jahre, bevor er eines gewaltsamen Todes starb. Und Gorbatschow wurde bald mit der Auflösung der Sowjetunion zu einem Herrscher ohne Land, während Russland zum entscheidenden Machtfaktor in der Weltpolitik aufstieg. Wie sich das Land dann entwickelte, beschreibt die vielfach ausgezeichnete russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen anschaulich in ihrem Buch "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor."

Dabei schildert Gessen, die in Moskau geboren wurde und später dort als Korrespondentin für eine US-Zeitung arbeitete, die Entwicklungen nicht allein aus Shannas Sicht. Vielmehr wechselt sie immer wieder die Perspektive und beschreibt die Umbrüche auch aus der Sicht dreier weiterer Kinder und junger Erwachsener: Mascha, Serjoscha und Ljoscha. An ihren Lebensläufen, ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, rollt Gessen die Geschichte des postsowjetischen Russlands auf und zeichnet ein faszinierendes Bild der russischen Politik und Gesellschaft. So unterschiedlich ihre Elternhäuser, so eint die vier Protagonisten doch einiges: Alle wurden sie in den 1980er-Jahren der Sowjetunion geboren. Das Chaos eines zerfallenden Imperiums prägt ihre Kindheit, Wladimir Putin ihr Leben als Jugendliche und Erwachsene.

Auch den Soziologen Lew Gudkow lässt Gessen in ihrem fast 600 Seiten dicken Buch immer wieder zu Wort kommen: Der Soziologe ist inzwischen Leiter des Lewada-Instituts, das regelmäßig unabhängige Meinungsumfragen durchführt und 2016 zum "feindlichen Agenten" erklärt wird. Gudkow beschäftigt sich, wie sein Mentor Juri Lewada, schon früh mit dem "Homo Sovieticus". Dieser Ausdruck bezeichnet jenen Menschenschlag, den die bolschewistische Revolution und die Zeit des Großes Terrors geformt hat. Die Verfolgung unter Stalin konnte jeden treffen, weshalb Anpassung und George Orwells Formel vom "Doppeldenk" zu einer notwendigen Überlebensstrategie wurden. 30 Jahre nach Stalins Tod geht allerdings Lewada davon aus, dass der "Homo Sovieticus" eine aussterbende Spezies sei - dem Untergang geweiht, wie auch die UdSSR.

Die Wiedergeburt des "Homo Sovieticus"

  Was die UdSSR angeht, stimmt die Prophezeiung. Der "Homo Sovieticus" allerdings erlebt eine ungeahnte Renaissance, wie es Gudkow zu seiner eigenen Überraschung bei seinen Umfragen im Laufe der nächsten Jahrzehnte ermittelt. Bereits 1994 glauben 75 Prozent der befragten Russen, dass die Auflösung der Sowjetunion mehr Schaden als Nutzen gebracht habe. In regelmäßigen Umfragen zu den "größten Persönlichkeiten aller Zeiten und Völker" steigt Stalins Popularität kontinuierlich, bis er 2017 an erster Stelle steht. Dabei lassen die Favoriten der Russen - zu denen außer Adolf Hitler und Napoleon kaum Ausländer zählen - eine Verehrung der Mächtigen und eine Fixierung auf Russland erkennen. Gudkows Studien zeigen ganz klar: Die Russen sind nostalgisch und richten ihren Blick gerne in die Vergangenheit. Für Botschaften, die die Gegenwart und Zukunft anbetreffen, können sie sich hingegen nicht erwärmen.

Dass viele Russen ihre neuen Freiheiten vor allem als beängstigend empfinden, ist im Chaos der Jelzin-Jahre wohl wenig verwunderlich: eine Zeit, in der Löhne monatelang nicht ausgezahlt werden, in denen Erpresser die Wohnung von Mascha und ihrer Mutter belagern, in der die Zukunft alles andere als überschaubar ist. Durch nun plötzlich mögliche Reisen ins Ausland müssen die Russen zudem feststellen: In fast allen Ländern westlich der ehemaligen Sowjetunion geht es den Menschen besser.

Erst mit dem Amtsantritt von Putin, der laut Gessen "die Welt mit seiner einfachen Diktion wieder verständlich erschienen ließ", und dem Rückgang der Inflation kehrt für viele wieder Stabilität ein. Dass Putins Herrschaft dabei zunehmend autoritärer wird - Gudkow sieht sogar alle Anzeichen eines totalitären Regimes -, ist die andere Seite seiner Politik. Der Druck auf die Medien wächst, Gouverneure werden nicht mehr gewählt, sondern ernannt, die ehemaligen Sowjetrepubliken heißen plötzlich "nahes Ausland", der Westen wird zum Feindbild.

Anfangs noch geht es Shanna, Mascha, Serjoscha und Ljoscha wie so vielen ihres Alters in der Sowjetunion: Die Politik spielt kaum eine Rolle. Sie haben mit ihrem eigenen Leben, mit Studium, Verlieben und Geldverdienen genug zu tun. Ljoscha wird klar, dass er sich für andere Männer interessiert - zum Entsetzen seiner Verwandtschaft. Mascha wiederum verliert ihre Mutter früh, studiert, heiratet, bekommt ein Kind und verdient schließlich mit dubiosen Geschäften viel Geld. Auch Shanna heiratet und stürzt sich in den Aktienhandel. Serjoscha wiederum zieht es, wie so viele damals, nach Kiew.

Doch die Politik holt sie alle früher oder später ein und wäre Gessens Buch ein Roman, könnte man sagen: Er nimmt kein gutes Ende. Denn in Putins Russland ist, wie es die Autorin detailliert beschreibt, jede Form des Protests und schon das bloße Anderssein gefährlich. Serjoscha, Mascha, Ljoscha und Shanna erkennen irgendwann, wenn auch auf jeweils andere Art: "Budushego net - es gibt keine Zukunft." Shanna erfährt dies auf die erschütterndste Weise: Am 27. Februar 2015 wird ihr Vater, der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, in Moskau erschossen - auf einer Brücke unweit des Kreml.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema