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Die Ausnahme Wie Tausende Juden der SS entkamen

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Deutsche Truppen feiern Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April 1940 mit einer Parade durch Kopenhagen.

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Es war ein einzigartiger Fall in der Geschichte des Holocaust. Im Oktober 1943 konnten sich Tausende dänische Juden durch eine Massenflucht vor der Deportation nach Theresienstadt retten. Noch heute stellt sich die Frage: Wie war dieses Wunder möglich?

Die  bürokratische Anweisung lässt das Ungeheuerliche nur erahnen: "Die Festnahme der zu evakuierenden Juden erfolgt in der Nacht vom 1. zum 2.10.43. Der Abtransport wird von Seeland zu Schiff (ab Kopenhagen), von Fünen und Jütland mit der Bahn Sonderzug durchgeführt". Mit dieser Mitteilung eröffnete Werner Best, SS-Obergruppenführer und Generalbevollmächtigter für Dänemark, die Jagd auf die dänischen Juden. Dänemark sollte endlich "judenfrei", die "Endlösung" auch hier durchgesetzt werden.

Gestapo und SS waren bestens vorbereitet. Ein Stellvertreter Adolf Eichmanns traf eigens in Kopenhagen ein, 300 Gestapo-Agenten befehligten die Aktion. Die Telefonverbindungen wurden gekappt, in Kopenhagen und kleinen Küstenorten starteten die NS-Schergen ihre Hatz. Überall zerrten sie Juden aus ihren Verstecken, von Heuböden, Kirchen oder von Booten, mit denen diese nach Schweden fliehen wollten. "Bei den Razzien in der vergangenen Nacht wurden Hunderte dänische Juden aus ihren Häusern verschleppt und auf Schiffe transportiert, die sie in den Süden, vermutlich nach Polen, bringen sollen", schrieb am 3. Oktober eine Untergrundzeitschrift.

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Tausende Juden entkamen über die Ostsee nach Schweden.

(Foto: Bo Lidegaard, Die Ausnahme)

Und doch war die Aktion alles andere als ein Erfolg für die SS, wie der Publizist Bo Lidegaard in seinem Buch "Die Ausnahme. Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger ihrer Vernichtung entkamen" zeigt. Lediglich einige Hundert Juden konnte die SS aus Dänemark ins KZ Theresienstadt abtransportieren. Die überwiegende Mehrheit tauchte unter, bei Freunden oder Fremden, in Krankenhäusern, Scheunen, Sommerhäusern. Tausenden gelang dann eine beispiellose Massenflucht. Mit Fischerbooten, Segelschiffen und Kuttern retteten sich mehr als 7700 Juden ins neutrale Schweden.

Eichmann empört

Adolf Eichmann, der Wegbereiter der Judenvernichtung, soll damals vor Wut getobt haben. Noch vor Gericht in Jerusalem konstatierte er 1961: "Dänemark hat uns mehr Schwierigkeiten bereitet als jedes andere Land."

Dänemark, dies zeigt Lidegaard eindringlich und anhand vieler Aufzeichnungen geflohener Juden, blieb in der Geschichte der Judenvernichtung ein Sonderfall. Eine Ausnahme, die sich auch in der Statistik niederschlägt: Wurden in Ländern wie Polen, Lettland oder den Niederlanden zwischen 70 und 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung ermordet, betrug der Anteil der ermordeten Juden in Dänemark weniger als 1 Prozent.

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Das Buch ist im Blessing-Verlag erschienen und kostet 24,99 Euro.

Wie konnte es zu diesem Wunder, wie es einige Historiker nennen, kommen? Lidegaard sieht mehrere Gründe, doch einen besonders großen Verdienst gesteht er den dänischen Politikern nach dem Ersten Weltkrieg zu. Diese hätten es geschafft, trotz Weltwirtschaftskrise in Dänemark die Fahne der Demokratie aufrecht zu halten und sich klar von jeder Form von Totalitarismus abzugrenzen. Die Formel hieß: "Wer ein guter Däne ist, der ist Demokrat." Nationalisten oder Kommunisten hatten hier kaum eine Chance, ebenso wenig wie Antisemiten.

Zugleich gelang es den dänischen Politiker, durch eine behutsame Politik und Sozialprogramme viele Randgruppen in die Gesellschaft zu integrieren und so ein starkes "Wir"-Gefühl herzustellen. Ein Gefühl, das wie selbstverständlich die Juden im Land mit einschloss und das sich auch nach dem deutschen Überfall am 9. April 1940 nicht änderte. Die Dänen ließen sich nicht spalten, im Gegensatz zu vielen anderen besetzten Ländern gab es hier nur wenige willige Helfer.

Die "Judenfrage" stellt sich nicht

Eine "Judenfrage" existierte aus Sicht der dänischen Regierung nicht, und je stärker die Juden in Deutschland verfolgt wurden, desto mehr wehrten sich die dänischen Politiker gegen jede Form von Rassismus. Anfang September 1941 äußerte sich Ministerpräsident Vilhelm Buhl besorgt beim dänischen König Christian X. über den Umgang der Deutschen mit Juden in den besetzten Ländern. Man müsse sich Sorgen machen, dass das Ansinnen der Judenverfolgung eines Tages auch Dänemark angetragen werde, sagte er: "Falls dies geschehe, müssten wir es dezidiert ablehnen, wie es der Schutz gebietet, den ihnen unsere Verfassung garantiert". Der König stimmte zu und machte noch einen Vorschlag: "Falls dieses Ansinnen vorgebracht wird, ist es die einzig richtige Haltung für uns alle, den 'Davidstern' zu tragen."

Letztlich kam es nicht dazu. Weder der König noch die Juden in Dänemark trugen je einen gelben Stern. Durch das völlige Negieren einer "Judenfrage" blieben die dänischen Juden auch in der Zeit der deutschen Besatzung lange vor Verfolgung geschützt; die "Nürnberger Gesetze" galten nicht, Pogrome gab es nicht. Die Politiker in Kopenhagen hatten den deutschen Besatzern klargemacht, dass eine Verfolgung der jüdischen Bevölkerung viel Widerstand hervorrufen würde und bemerkten auch, wie es Ministerpräsident Thorvald Stauning 1940 feststellte: "dass die Deutschen immer einen Rückzieher machen, wenn wir entschlossen auftreten".

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1943 wuchs die Erbitterung in Dänemark über die deutsche Besatzung.

(Foto: AP)

Dass sich die Deutschen so lange dem Willen der dänischen Politiker beugten, hing Lidegaard zufolge auch mit dem besonderen Status des Landes zusammen. Die "friedliche Okkupation" Dänemarks galt als ein Modell für künftige "Musterprotektorate", die nach dem "Endsieg" in Europa entstehen sollten. Dabei ließen die Deutschen den Dänen weitgehende Freiheiten und verzichteten auf Repressalien, die Dänen ihrerseits kooperierten in einem gewissen Umfang mit der überlegenen Besatzungsmacht, lieferten Nahrungsmittel und machten ihnen so das Leben leicht. Gerade mal 20.000 Soldaten hatte die Wehrmacht in Dänemark stationiert, größere Formen des Widerstands blieben lange Zeit aus.

Mit zunehmenden Sabotageakten endete allerdings am 29. August 1943 schlagartig diese Politik des Gebens und Nehmens – und damit auch die Zeit des Friedens für die dänischen Juden. Die Deutschen riefen den Ausnahmezustand aus, am 17. September befahl Adolf Hitler, die "Endlösung" in Dänemark in Angriff zu nehmen.

Der "Führerbefehl" rief bei vielen deutschen Besatzern, die bis dahin relativ friedlich mit den Dänen zusammengearbeitet hatten, allerdings keine große Begeisterung hervor, wie Lidegard anhand zahlreicher Dokumente darstellt. Selbst SS-Obergruppenführer Best, einst als "Bluthund von Paris" verschrien, hielt sich zurück und vollführte eine Gratwanderung zwischen verbalem Gehorsam und einer Politik des Wegschauens. Die Verfolgung der Juden überließen die meisten deutschen Besatzer lieber der angereisten Gestapo oder eingefleischten SS-Männern. Oft genug marschierten deutsche Soldaten und Polizisten einfach an Bahnhöfen und Häfen voller Flüchtlingsfamilien vorbei. Zum einen dämmerte es vielen Deutschen, dass die Judenverfolgung das Verhältnis zu den Dänen schlagartig verschlechtern würde. Zum anderen zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Niederlage Deutschlands ab, und so mancher versuchte für die Zukunft vorzubauen.

"Das Unheil ist nun da"

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Duckwitz wurde in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1971 als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet.

(Foto: Bo Lidegaard, Die Ausnahme)

Und dann gab es noch Deutsche wie den Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz, der sich, so schrieb er damals in sein Tagebuch, "höheren Gesetzen" unterwarf. Der Parteichef der dänischen Sozialdemokraten, Hans Hedthoft, erinnerte sich nach Kriegsende, wie Duckwitz ihn und andere führende Sozialdemokraten am 28. September 1943 traf. Kreideweiß vor Empörung und Scham habe er die Dänen gewarnt: "Das Unheil ist nun da. Alles ist bis auf das kleinste Detail geplant. Im Hafen von Kopenhagen werden Schiffe vor Anker gehen, auf die Ihre unglückseligen jüdischen Landsleute von der Gestapo gebracht werden sollen, um einem unbekannten Deportationsschicksal entgegenzusehen."

Duckwitz’ Warnung, besonders aber der massive Widerstand fast der gesamten dänischen Bevölkerung gegen die Judenverfolgung verhinderten in letzter Minute das Schlimmste. Viele Dänen, die bis dahin völlig unpolitisch gewesen waren, boten spontan ihren verfolgten Landsleuten Hilfe und Unterschlupf an oder versuchten sie – oft unter Lebensgefahr - über das Meer nach Schweden zu bringen. Bischöfe, Industrielle, Politiker protestierten lautstark gegen die Verfolgungen und setzten sich für die Verhafteten ein. Der Großteil der dänischen Juden konnte so gerettet werden, etliche auch noch nach ihrer Deportation nach Theresienstadt, auf das hartnäckige Betreiben dänischer Politiker hin.

Gewiss ist die Geschichte der Rettung der dänischen Juden, wie es "Die Ausnahme" klarmacht, "nur ein winziger Teil der gewaltigen Geschichte der Shoah". Vieles, was in Dänemark funktionierte, war in andern Ländern so nicht möglich gewesen. Und doch, so zeigt es Lidegaard plausibel in seinem lesenswerten Werk auf, erteilt die dänische Geschichte uns heute eine wichtige Lehre: "Die Politik kann etwas bewirken." Es gibt Spielraum – auch in Zeiten, in denen dies kaum mehr vorstellbar zu sein scheint.

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Quelle: n-tv.de

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