Musik

Good Charlotte sind zurück "Miese Musik ist wie Fast Food: ungesund!"

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Good Charlotte haben ein neues Album.

(Foto: Ville Juurikkala)

Sie trugen Eyeliner und Gelfrisuren. Sie waren als Gemüse verkleidet und wollten einfach nur leben. Als Good Charlotte vor rund 15 Jahren der Durchbruch gelang, konnte man mit Rockmusik noch Chart-Erfolge landen. Ihre Hits "I Just Wanna Live", "The Anthem" oder "Lifestyle of the Rich and Famous" kennt jeder, der um 2010 herum Teenie war.

Wer nicht bis heute Superfan ist, dürfte die Band um die mittlerweile 39-jährigen Zwillingsbrüder Joel und Benji Madden etwas aus den Augen verloren haben - auch wenn sie nie ganz weg gewesen ist. Mit "Generation RX" erscheint nun ein neues Good-Charlotte-Album. Das macht nicht nur nostalgisch, sondern überrascht auch mit erstaunlich ernster Themensetzung. n-tv.de hat mit Sänger Joel Madden über psychische Krankheiten, Gewalt in den USA und überraschend viel Kindererziehung gesprochen.

n-tv.de: Good Charlotte sind also zurück und zwar mit hartem Tobak. Das "RX" in "Generation RX" steht für verschreibungspflichtige Medikamente. Über was für eine Generation sprechen wir hier?

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Good Charlotte adressiert jetzt ernstere Themen, erzählt Joel Madden.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Joel Madden: Eine, in der Schmerz und mentale Gesundheit eine wichtige Rolle spielen. Wenn ich die vergangenen 20 Jahre Revue passieren lasse, fällt mir auf, wie viel Leid ich aus nächster Nähe mitbekommen habe. Die Opiumkrise ist in den USA gerade ein wichtiges Thema. Die Menschen sind abhängig von Schmerzmitteln, so viele sterben. Aber was sind das eigentlich für Schmerzen, die sie mit den Medikamenten lindern wollen?

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Mensch sein ist schmerzvoll - für jeden von uns. Man ist geneigt, das Leben anderer zu betrachten und zu denken: Die haben es so einfach. Dabei empfinden diese Leute oft denselben Schmerz wie man selbst. Die meisten Schäden entstehen in der Kindheit. Da ist man noch zu jung, um zu verstehen, was emotionale Verletzungen überhaupt bedeuten. Das begleitet einen manchmal ein Leben lang. Es geht nicht einfach weg, es sitzt tief in uns drin. Deswegen ist es unsere Aufgabe, es auszugraben, uns damit auseinanderzusetzen und einen Heilungsprozess zu beginnen.

Wie kann man solchen Traumata begegnen?

Zunächst einmal müsste viel mehr darüber gesprochen werden. Psychische Leiden sind in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Wir erwarten von uns selbst und voneinander, damit einfach fertig zu werden. Dabei kann geteiltes Leid die Menschen zusammenbringen. Deswegen gibt es im Moment auch all diese Bewegung. Allerdings müssen wir aufpassen, dass sich keine Fronten bilden. Ich versuche, bei Meinungsverschiedenheiten immer erst einmal einen Schritt zurückzutreten und mische mich nur selten ein. Aber ich höre immer ganz genau zu und mich bewegen die Geschichten der Menschen. Ich möchte verstehen, was sie fühlen, um ihnen mit Empathie begegnen zu können.

Und gelingt Ihnen das immer? Auch bei Leuten, die Auffassungen vertreten, die den Ihren radikal widersprechen?

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"Generation RX" ist das neue Album von Good Charlotte.

(Foto: MDDN/BMG)

Selbst wenn mich jemand persönlich angreift, lasse ich die Person in der Regel gewähren und versuche, nicht defensiv zu werden. Ich möchte die Gefühle meines Gegenübers nie infrage stellen. Dazu gehört es auch, auszuhalten, wenn jemand sauer auf mich ist oder mit mir mal nichts anfangen kann. Wir sind alle miteinander verbunden - und wir müssen uns gegenseitig erlauben, zu sein, wie wir sind.

Das klingt jetzt aber ganz schön gelassen. Sie müssen doch auch mal wütend werden! Nutzen Sie vielleicht Musik als Ventil?

(lächelt) Ich habe das Glück, dass mir genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Ich kann eine Therapie machen oder Seminare besuchen, um zu lernen, mit meinem eigenen Schmerz umzugehen. Es war allerdings durchaus kathartisch, das neue Album aufzunehmen. Mir ist dabei vieles bewusst geworden.

Was denn zum Beispiel?

Früher habe ich Konfrontationen immer vermieden. Ich hatte panische Angst davor, jemanden zu verärgern und einen Einlauf zu bekommen. Ich war so unsicher. Wenn heute jemand ein Problem mit mir hat, bleibe ich gelassen und sage: "Hey, was ist los? Es tut mir leid, dass du so fühlst." Manchmal ergeben sich dabei tolle Gespräche.

Verraten Sie, welche Erfahrungen Sie auf dem neuen Album verarbeitet haben?

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Hinter "Actual Pain" verbirgt sich eine sehr persönliche Geschichte.

Das Musikvideo zeigt einen kleinen Jungen und seine Mutter zunächst glücklich, dann wird die Szenerie zunehmend von den Zusammenbrüchen der Frau überschattet.

Niemand erklärt Kindern, was psychische Krankheiten sind. In der ersten Phase ihres Lebens wachsen sie mit jemandem auf, dessen Krankheit sie nicht verstehen. Sie wissen nicht, dass die Person sich das nicht ausgesucht hat. Sie werden immer verschlossener und verlieren jede Hoffnung. Das Video zu "Actual Pain" ist eine sehr bildliche Umsetzung dessen, was der Song beschreibt. Man könnte sonst auch ganz leicht denken, es gehe darin um eine Liebesbeziehung. Aber ich wollte, dass die Leute sehen, welche Auswirkungen es auf Kinder hat, mit jemandem aufzuwachsen, der psychisch nicht gesund ist.

Wie kann man mit Kindern über psychische Krankheiten sprechen?

Meine Tochter Harlow ist jetzt zehn und mein Sohn Sparrow neun Jahre alt. Wir können sie nicht mehr von der Welt abschirmen. Das mit den Massenschießereien in den USA haben sie zum Beispiel mitbekommen. Sie wollten wissen, wieso solche Dinge passieren. Also habe ich versucht, ihnen den Stellenwert von mentaler Gesundheit zu erklären. Bei uns zu Hause wird zum Beispiel Wert auf gesundes Essen gelegt – dafür ist vor allem meine Frau (Designerin Nicole Richie; Anm. d. Red.) verantwortlich, ich bin darin nicht so gut. (grinst) Ernährung, aber auch Bewegung und Hygiene sind wichtig. Das wissen unsere Kinder. Da ist es gar nicht so schwierig, zu vermitteln, dass man sich auch um seinen Geist kümmern muss.

Sie sind mit Good Charlotte bei einer Veranstaltung zum Gedenken der Schießerei in der Redaktion der Zeitung "Capital Gazette" in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland aufgetreten. War das ein politisches Statement?

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Joel Madden und Nicole Richie sind seit 12 Jahren ein Paar.

(Foto: imago/Future Image)

Ich weiß nicht, ob es dabei unbedingt um Politik gehen muss. Mein Bruder Benji und ich haben lange in Annapolis gelebt. Meine Schwester wohnt noch dort. Wenn man die Straße kennt, in der so etwas passiert, verändert das die Perspektive. Mich hat das zutiefst erschüttert. Das war ein Angriff auf die Pressefreiheit! Es zeigt, in was für einer Lage sich unser Land derzeit befindet. Wie konnte es so weit kommen?

Was genau meinen Sie?

Es fehlt die Menschlichkeit! Überall schreien sich die Leute einfach nur noch an. Viele Konflikte sind anonym geworden - auch weil sie online stattfinden. Wenn einem die Meinung des anderen nicht passt, schreibt man: "Fuck you. Dein Profilbild ist hässlich." Und damit ist die Sache getan. Aber das ist sie eben nicht. Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer nur mit dem Finger auf andere zeigen und sie beschimpfen. Aber genau so ist der Ton im Land. Wer da nicht mitmachen will, muss in Aktion treten und Gutes tun. Ich glaube, auch "Generation RX" ist eine gute Sache. Wir wollten nicht einfach ein Hit-Album rausbringen und Geld verdienen. Haben wir auch schon gemacht, war okay. Aber es ist 2018 und wir wollen Teil der Lösung sein. Es gibt einfach zu viele Songs, die sind … Ach, Sie wissen schon!

Ein bisschen inhaltsleer?

Ich will das eigentlich gar nicht schlecht machen. Kürzlich hat mir mein Sohn ein Lied vorgespielt und wollte meine Meinung hören. Und ich habe mich gefragt, wie ich ihm jetzt antworte, ohne zu sagen, dass das kompletter Müll ist. Also habe ich gesagt: "Solche Musik ist wie Fast Food. Zu viel davon ist ungesund!"

Hat er das verstanden?

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Papas Musik muss Joel Maddens Sohn nicht gut finden. Aber er soll bitte nicht nur eintöniges Zeug hören.

(Foto: Ville Juurikkala)

Wir haben einen Plan geschmiedet! Ich habe ihm einen Spotify-Account eingerichtet und ihm vorgeschlagen, eine Playlist zu erstellen, die er für vielseitig hält und die Songs beinhaltet, von denen er glaubt, dass sie Tiefgang haben oder musikalisch komplex aufgebaut sind. Nicht nur "fuck this, fuck that" und ein bisschen Beat. Er hat echt interessante Sachen ausgegraben. Einen Song aus einem Musical zum Beispiel! Ich möchte ihm da keine Vorschriften machen, nur neue Perspektiven eröffnen. Als Elternteil versucht man sein Kind ja darin zu bestärken, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Muss man als Rockstar heute eine Botschaft haben?

Bin ich heute noch ein Rockstar? Vielleicht war ich das mal. Ich fühle mich so nicht mehr. Ich bin Vater und Ehemann. Und es gibt Leute, die kennen meine Band oder so. Ich habe meinen Platz gefunden und der ist bei meiner Familie. Mein Bruder Benji wohnt mit seiner Frau (Hollywoodstar Cameron Diaz; Anm. d. Red.) in derselben Straße wie wir. Unsere Frauen sind beste Freundinnen.

Das klingt alles so beschaulich …

Es hat sich so entwickelt. Als meine Frau und ich uns vor 12 Jahren kennengelernt haben, waren wir jung. Wenn Sie Anfang 20 und erfolgreich sind, leben Sie einfach ihr Leben, Privatsphäre gibt es nicht und die ist auch nicht so wichtig! Aber dann wurde unser erstes Kind geboren. Wir mussten lernen, Berufliches und Privates zu trennen. Ich würde am liebsten den ganzen Tag Fotos von meinen Kindern auf Instagram posten, weil ich so stolz auf sie bin. Alle Eltern wollen ihr Kind zeigen! Aber wir leben in einer zynischen Welt und die Absichten der Leute sind nicht immer gut. Davor müssen wir unsere Kinder beschützen - so gut es geht.

Wie reagieren Sie, wenn Paparazzi auftauchen?

Wir versuchen, so schnell wie möglich an ihnen vorbei zu kommen. Für unsere Kinder ist das eine komische Situation. Sie fühlen sich nicht wohl dabei. Wir nehmen uns dann als Familie vor, uns nicht aufzuregen. Die meinen es ja nicht böse. Wenn man etwas nicht verändern kann, dann eben Augen zu und durch.

Mit Joel Madden sprach Anna Meinecke.

Quelle: n-tv.de