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"Sing meinen Song" mit Plewka "Das Virus ist die sichtbare Globalisierung"

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Jan Plewka hatte in Südafrika die schönste Zeit seines Lebens.

Ab 5. Mai sendet Vox jeden Dienstag um 20.15 Uhr die neuen Folgen von "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert", die vor der Corona-Krise in Südafrika aufgezeichnet wurden. Mit dabei sind dieses Mal neben Gastgeber Michael Patrick Kelly noch Max Giesinger, Nico Santos, LEA, Rapper MoTrip, die Niederländerin Ilse DeLange und Jan Plewka.

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Plewka, LEA, Santos, Kelly, MoTrip, DeLange und Giesinger (v.l.)

Plewka ist Sänger der Band Selig, die am 13. März ihr neues Album "Selig macht selig" veröffentlichte und damit eigentlich im Sommer auf Tour gehen wollte. Auch ist der 49-Jährige seit Jahren mit Songs von Rio Reiser in kleineren Clubs unterwegs. Aufgrund der Pandemie wird aus den Plänen für die künftigen Monate aber erstmal nichts. ntv.de hat mit ihm über seine Erkenntnisse in der Isolation und die Bedeutung der Krise für ihn als Mensch und Künstler gesprochen.

ntv.de: Jan, wie geht es dir in Quarantäne?

Jan Plewka: Ich war noch nie so ruhig. Es ist wie ein Sog, der einen ins Hier und Jetzt stürzt. Aber man entdeckt die ganzen Schätze um sich herum. Die Familie, ungelesene Bücher ... Ich entdecke auch gerade meine innere Unendlichkeit. Das ist ein guter Zustand, mich macht es sehr ruhig. Das würde ich jedem wünschen. Wenn man jetzt panisch wird, das bringt gar nichts.

Einigen scheint das nicht zu gelingen, wenn man sieht, wie viel draußen auf den Straßen und in den Parks trotz Kontaktverbot los ist. Würdest du dir eher strengere Maßnahmen als erste Lockerungen wünschen?

Ich finde, dass die Solidarität, die gerade so gepredigt wird, Normalität sein sollte. Hygienemittel, Masken, Abstand. Dass man versteht, dass es nicht nur für einen selbst ist, sondern auch für die anderen. Für die Alten, die Schwachen und die Kranken. Abstand ist das neue Miteinander. Ich finde, dass man damit gut umgehen sollte.

Siehst du auch irgendetwas Positives in der Krise?

Ich glaube, es ist eine historische Zeit, die der Planet durchmacht. Die Krise war ja vorher auch schon da. Die Wälder brannten, die Lunge der Welt brannte, die Pole schmelzen, sodass man neue Weltkarten zeichnen muss. Ich denke, dass das ein Schuss von Mutter Natur vor den Bug ist, dass wir unser System mal überdenken können und Gerechtigkeit neu definieren. Und ich sehe es positiv. Ich meine auch draußen zu schmecken, dass die Luft klarer wird, der Himmel ist ohne Kondensstreifen und die Natur fängt wieder an, mit einem zu sprechen. Darauf sollten wir hören.

Du hättest ja jetzt eigentlich noch ein paar Rio-Reiser-Konzerte gehabt plus die bereits verschobene Selig-Tour. Wie fühlt sich das gerade an? Vermisst du es?

Ich war in meinem Leben mehr auf der Bühne als im Bett. Und erstmal gehen die Kinder wieder zur Schule, dann fährt die Industrie wieder hoch, aber wir Live-Performer stehen da ganz hinten dran. Mir blutet das Herz. Mal sehen, wie wir damit umgehen, wir planen aber auch Online-Konzerte. Doch das Sinnliche bei einem Konzert oder einem Theaterstück ist ja, dass Menschen sich die Zeit nehmen, anderen auf einer Bühne etwas vorzuspielen sowie der Funke, der ins Publikum überspringt. Das wird lange nicht mehr so sein. Wenn das alles vorbei ist, der Spuk verschwunden, dann wird echt gefeiert. (lacht)

Glaubst du, dass wir den emotionalen Schalter dann einfach so wieder umlegen können?

Nun, es ist auch meine große Angst, dass die Konzerte andere sein werden. Stagediving, man umarmt sich, das angenehme Gedränge und Gepoge. Ist das jetzt die alte Welt gewesen? Ich weiß es nicht. Ich versuche, die positiven Sachen zu sehen, die Stille, die sich auf die Welt gelegt hat. Aber wir müssen auch aufpassen, denn es ist auch ein guter Grundboden für Diktaturen gerade. Meine Angst ist, dass üble Leute mit ihrer Gier sich daran bereichern und versuchen, ihre Macht auszuspielen. Das ist unsere Chance, endlich mal wieder was ins Gleichgewicht zu bringen. Denn immer wenn etwas aus dem Gleichgewicht ist, wird es krank. Und das wars. Ich stand schon so oft vor dem Burnout. Und wenn man sich keine Pausen gönnt, dann verpulvert man sich. Und dank der Raserei, in der wir waren, ist es jetzt ein kollektiver Burnout. Wir müssen uns alle mal beruhigen und besinnen. Das Virus ist die sichtbare Globalisierung.

Man kann jetzt vielleicht dankbar sein, keine 20 Jahre mehr zu sein und die "alte Welt" erlebt zu haben?!

Der Mensch an sich ist ja kreativ. Da werden dann andere Formen der Freude und des Zusammenseins entwickelt. Aber klar ist es irre, wenn man denkt, das war es jetzt, nun kommt die neue Welt. Wir werden es aber schaffen, uns auch da zu amüsieren. (lacht)

Apropos amüsieren. Du hast bei "Sing meinen Song" mitgemacht. Was hat dich dazu bewogen?

Der Anruf kam, und es ist eine sehr große Ehre gewesen, wenn man die Liste der Sängerinnen und Sänger sieht, die da schon mitgewirkt haben. Jetzt steht mein Name auch da drunter. Das ist wie ein Ritterschlag.

Waren dir alle Künstler mit ihrem musikalischen Werk vorher bekannt?

Ich kannte Max Giesinger, aber ansonsten tatsächlich niemanden, weil ich zu Hause nur Bossa Nova höre. (lacht) Aber das war irre. Wir sind alle vom Flughafen mit einem Van zum Camp gefahren, nur Michael Patrick Kelly war noch nicht da. Die Tür ging zu, ohne Kamerateam. Und es war von Anfang an klar, dass das eine der geilsten Zeiten unseres Lebens wird. Es war sofort ein totales Urvertrauen untereinander da.

Das braucht es vermutlich ja auch. Einen Song wegzugeben ist doch wie das eigene Kind abzugeben?

Es geht bei der Show viel um Respekt. Die tollste Erfahrung war für mich, dass da sechs Kolleginnen und Kollegen zusammenkamen, die alle irgendwann mal dieses Erweckungserlebnis gehabt haben: Ich möchte singen. Das ist etwas ganz Besonderes, denn Sänger sind ein besonderer Menschenschlag, mit dem selbst andere Musiker nicht immer so klarkommen. Dieses Urvertrauen zueinander hat uns am schönsten Ort der Welt vereint - das waren mit die schönsten Tage meines Lebens.

Kannst du sagen, was für dich musikalisch die größte Herausforderung war?

Das war MoTrip, der ist ja nun mal Rapper. Er hat gesungen, die ganze Zeit, und ich dachte nur: Was ein geiler Typ. Der hat mich dann mal zur Seite genommen und meinte: "Lass doch mal rappen." Das war die größte Herausforderung, ich habe kläglich versagt.

Es wird also kein Hip-Hop-Album vom Jan Plewka geben?

Ich interessiere mich mittlerweile für dieses Genre und finde meine Wege langsam dorthin. Eines Tages werde ich MoTrip vielleicht live mal einen präsentieren. (lacht)

Du hast ja gerade viel Zeit zum Üben. Kannst du abschließend zu den vorhin angesprochenen Online-Auftritten schon etwas Konkretes sagen?

Wir sind am 12. Mai beim "#keinerkommt - alle machen mit"-Festival dabei. Und dann im Sommer, wenn alles gut geht, machen wir mit Selig ein akustisches Konzert mit einer ausgewählten Setlist von unseren Liedern. Leo am Cello, Christian am Klavier, ich nehme auch mal die Gitarre in die Hand. Sicher ist, dass im Mai die neue Selig-Single kommen wird!

Mit Jan Plewka sprach Nicole Ankelmann

"Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" läuft ab dem 5. Mai immer dienstags um 20.15 Uhr bei Vox und ist auch bei TVNOW abrufbar.

Quelle: ntv.de