Politik

Parteien, Bündnisse, Strategien Wie wählen - und vor allem wen?

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(Foto: picture alliance / Boris Roessle)

Zwei Kreuze dürfen die Deutschen am 24. September machen. Das klingt einfacher, als es ist. Wo ist die eigene Stimme am besten aufgehoben? Eine kleine Entscheidungshilfe.

Die Wahlbeteiligung könnte bei der Bundestagswahl am 24. September so hoch sein wie lange nicht mehr. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa beziffert den Anteil der Nichtwähler und Unentschlossenen zurzeit lediglich auf 24 Prozent und damit wesentlich niedriger als in den vergangenen Jahren. Gut für die Demokratie - wenn es denn stimmt. Laut einer Studie von Allensbach ist es nämlich anders. Demnach weiß fast die Hälfte der Wahlberechtigten etwa einen Monat vor der Wahl noch gar nicht, wo sie ihr Kreuz machen soll. Wählen ist ein wertvolles Privileg, es kann aber auch eine Bürde sein. Gerade im Hinblick auf die möglichen Folgen der eigenen Wahlentscheidung kann der Wähler schnell die Orientierung verlieren.

Auf den ersten Blick ist es gar nicht so kompliziert. Auf dem Wahlzettel stehen Parteien zur Wahl. CDU oder CSU, SPD, die Grünen, FDP, Linke oder AfD - jeder sucht sich die Partei aus, bei der er sich politisch am besten vertreten sieht. Als Entscheidungshilfe können ihre politischen Ziele dienen. Nur können sie ihre Forderungen meist nicht allein, sondern nur in einer Regierung durchsetzen. Diese besteht in der Regel mindestens aus zwei Parteien und zwingt zu Kompromissen, die den eigenen Haltungen widersprechen können. Wie also vorgehen? Linken-Chef Bernd Riexinger sagt zwar: "Wer die Linke wählt, bekommt höhere Renten für alle." Das ist aber nur bedingt richtig. Egal ob die Linke bei der Wahl 9 oder 12 Prozent holt, dürfte sie aller Voraussicht nach nicht der neuen Bundesregierung angehören. Aus der Opposition heraus kann die Partei die Renten jedoch nicht erhöhen. Bringt es da überhaupt etwas, die Linke zu wählen? Viele Wähler fragen sich dies offenbar nicht. Sonst stünde die Partei in Umfragen wohl nicht so stabil bei 9 Prozent. Auch bei der AfD lassen sich die Wähler nicht davon abschrecken, dass die Partei keine Regierungsperspektive hat.

Wer die SPD wählt, kann Seehofer kriegen

Auch bei anderen Wählern kann es eine solche Nutzenabwägung geben. Kanzlerkandidat Martin Schulz fordert, die SPD zu wählen, damit diese stärkste Partei wird. Angesichts der Umfragen kann man das für sehr unwahrscheinlich halten. Ist eine Stimme für die SPD verloren, wenn die Sozialdemokraten eh nicht den Kanzler stellen werden? Das kann man so sehen. Treffender ist wohl eine andere Sicht: Jede Stimme für eine Partei erhöht ihren Einfluss, egal ob als Juniorpartner, Kanzlerpartei oder in der Opposition. Auch wenn die SPD nicht stärkste Partei werden sollte, gilt: Umso stärker sie abschneidet, desto mehr sozialdemokratische Forderungen könnte sie in einem Bündnis mit der Union durchsetzen.

In der Vergangenheit gab es noch eine andere Orientierungshilfe - strategisches Wählen. Die Leitfrage: Welche Koalition wünsche ich mir? Wer ein schwarz-gelbes Bündnis haben wollte, wählte CDU oder FDP. Wer eine rot-grüne Koalition vorzog, machte sein Kreuz bei SPD und Grünen. Aber das Parteiensystem hat sich verändert. Linkspartei und AfD erschweren die Mehrheitsfindung. Heute machen Koalitionen die Wahlentscheidung eher schwerer. Wer die CDU wählt, kann eine Große Koalition bekommen, theoretisch aber auch Bündnisse mit der FDP, mit den Grünen oder eben Jamaika, also mit beiden zusammen. Für die Grünen könnte sich das ungünstig auswirken: Wähler, die ihnen zwar nahestehen, aber auf keinen Fall Horst Seehofer und die CSU in der Regierung sehen wollen, könnte dies dazu verleiten, doch lieber eine andere Partei zu wählen. Ähnlich ist es bei SPD-Anhängern, die nicht erneut in eine Koalition mit der Union eintreten wollen. Kanzlerkandidat Schulz erklärt im Wahlkampf zwar: Wer Merkel wählt, kriegt Seehofer. Aber die Sozialdemokraten schließen ein Bündnis mit CDU und CSU keineswegs aus. Auch wer die SPD wählt, kann am Ende Seehofer kriegen.

Flexibilität zählt

Es ist kompliziert und die Parteien tragen selbst dazu bei. Noch bis vor einigen Jahren bekannten sie sich mehr oder weniger offensiv zu bevorzugten Bündnissen oder schlossen sie aus. Viele Wähler dürften dies als hilfreich empfunden haben. Die Koalitionsaussagen erleichterten die Entscheidung und reduzierten die Unsicherheit. 2009 sprach sich die FDP gegen eine Ampel aus, Peer Steinbrück vier Jahre später gegen Rot-Rot-Grün. Damit gewann der damalige Kanzlerkandidat die Stimmen derer SPD-Anhänger, die die Linke nicht für regierungsfähig halten. Er verprellte womöglich aber auch jene, die sich ein solches Linksbündnis gewünscht hätten, und beraubte sich noch dazu seiner einzigen realen Machtoption. Die Parteien haben aus solchen Erfahrungen gelernt und halten sich heute deshalb lieber viele Optionen offen. SPD-Kandidat Schulz ist kein großer Fan von einem Bündnis mit der Linken. Dennoch beerdigt er Rot-Rot-Grün nicht, denn vielleicht hat er am Ende keine andere Wahl. Auch CSU oder Grüne betonen regelmäßig ihre gegenseitige Antipathie, weiter gehen sie aber nicht. Flexibilität zählt.

Das Wählen ist schwerer und unübersichtlicher geworden. Wie gehen Wähler nun damit um? Helfen kann ein Blick auf die möglichen Bündnisse. Nach den aktuellen Umfragen sind Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün und Jamaika rechnerisch wahrscheinliche Optionen, eine Ampel oder Rot-Rot-Grün weniger aussichtsreich. Wer sich eher Schwarz-Gelb wünscht, geht mit der Wahl der FDP am ehesten auf Nummer sicher. Die Union könnte sich schließlich auch für die SPD oder die Grünen entscheiden. Auf die Grünen sollten jene Wähler setzen, die sich Schwarz-Grün wünschen. Wer die SPD wählt, erhöht derweil die Chancen für eine Große Koalition, was laut Umfragen das beliebteste Bündnis der Deutschen ist. Eine Stimme für die Unionsparteien ist vor allem für jene sinnvoll, die in erster Linie wollen, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt. Oder man geht bei der Wahlentscheidung einfach ganz klassisch vor und macht sein Kreuz bei der Partei, die einem inhaltlich am meisten zusagt.

Das Wahl-Navi finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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