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Die 25.000-Euro-Frage Es gibt keinen Grund für eine Jahresendrally

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Anleger sollten Kasse halten, um bei möglichen Korrekturen preiswerter einsteigen zu können. 

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Plötzlich steigen die Aktienmärkte, ohne dass es dafür einen wirklichen Grund gibt. Vielmehr ist mit weiteren Zinserhöhungen zu rechnen, soll der Inflation der Garaus gemacht werden. Allzu optimistische Anleger sollten vorsichtig sein.

Seit seinem Tief Mitte Oktober ist der amerikanische S&P 500, der die 500 größten in den USA börsennotierten Unternehmen umfasst, um rund 13 Prozent gestiegen. Das entspricht dem Wertzuwachs, den die Wall Street üblicherweise in zwei ganzen Jahren schafft. Der Deutsche Aktienindex Dax hat sogar noch mehr zugelegt. Jetzt hofft der eine oder andere Anleger auf eine Jahresendrally. Doch hier sind Enttäuschungen vorprogrammiert.

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Andreas Enke zählt zu den Inhabern und Vorständen der Vermögensverwaltung Geneon Vermögensmanagement.

Die optimistischen Börsianer hoffen darauf, dass die amerikanische Notenbank Fed mit ihren Leitzinserhöhungen früher aufhört, als bislang erwartet. Möglicherweise könnte die Fed aufgrund der drohenden Rezession im kommenden Jahr sogar ihre Geldpolitik wieder lockern, um die Konjunktur zu unterstützen.

Nach der letzten Erhöhung der Leitzinsen liegen diese in den USA derzeit bei 3,75 bis vier Prozent. Die Aktienmärkte prognostizieren noch einen Anstieg auf 4,4 Prozent - dann soll Schluss sein. Doch die jüngsten Äußerungen von Notenbank-Chef Jerome Powell deuten in eine andere Richtung. Der Fed-Präsident sagte vor Kurzem: "Wir machen so lange weiter wie nötig, um die Inflation herunterzukriegen." Doch dieser Punkt ist längst noch nicht erreicht.

Zwar sank die Inflation in den USA zuletzt auf 7,7 Prozent. Wirklich nachhaltig kann die Fed die Teuerungsrate allerdings nur dann nach unten drücken, wenn die Leitzinsen die Inflation übersteigen. Da die Kerninflation, also die Geldentwertung ohne Energiekosten und Lebensmittel, zuletzt bei 6,3 Prozent lag, müssten die Leitzinsen noch in Richtung 7 Prozent steigen.

Keine schnelle Wirkung

Dazu kommt, dass die Geldpolitik mit zeitlichem Verzug reagiert. Eine Erhöhung der Leitzinsen verteuert in einem ersten Schritt Kredite, was die entsprechende Nachfrage sinken lässt. Das ist beispielsweise derzeit sehr anschaulich bei Hypothekendarlehen in Deutschland zu beobachten. Wenn das Kreditvolumen insgesamt schrumpft, kommt weniger neues Geld in Umlauf, dem ein unverändertes Angebot gegenübersteht. Das Resultat ist ein sinkender Preisdruck. Aber das alles braucht etwas Zeit.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Fed bei der Bekämpfung der Inflation nicht zu früh den Fuß von der Bremse nehmen sollte. Genau das ist zweimal in den 70er Jahren passiert. 1970/71 lag die Kerninflation in den USA bei 6,5 Prozent, also ziemlich genau auf dem Niveau von heute. Die Notenbank erhöhte den Leitzins auf 9 Prozent. Tatsächlich ging die Teuerungsrate dann zurück, was die Fed zu Zinssenkungen veranlasste.

Doch der erste Ölpreisschock trieb die Kerninflation im Frühjahr 1975 auf elf Prozent, worauf die Fed die Leitzinsen auf zwölf Prozent hochschraubte. Und wieder beruhigte sich die Geldentwertung, was die Fed erneut mit sinkenden Zinsen begleitete, bevor die Teuerungsrate dann im Frühjahr 1980 auf mehr als 13 Prozent emporschnellte. Diesmal reagierte die Notenbank mit rekordhohen Leitzinsen von mehr als 19 Prozent. Damit bekam sie zwar die Inflation in den Griff, sorgte aber auch für eine tiefe Rezession.

Natürlich sind die Entwicklungen von damals dem heutigen Fed-Chef Powell bekannt. Wenn er daraus gelernt hat, dürfte er vorerst weiter versuchen, mit einer restriktiven Geldpolitik die Inflation nach unten zu drücken und nicht vorschnell zu lockern. Für Anleger heißt das: Never fight the Fed. Sie sollten sich nicht gegen die amerikanische Notenbank stemmen. Steigende Zinsen sind Gift für die Aktienmärkte. Das sieht weniger nach einer Jahresendrally und eher nach einer erneuten Korrektur aus.

Die 25.000-Euro-Frage

Für Anleger, die vor dem Luxusproblem stehen, einen größeren Geldbetrag anlegen zu müssen - beispielsweise 25.000 Euro - bedeutet dies: Sie sollten nicht in den breiten Aktienmarkt investieren. Von Anlagen per Indexfonds (ETF) in Dax, Dow und Co. ist derzeit abzuraten. Falls dies doch gewünscht ist, sollten die entsprechenden Investments zumindest abgesichert sein.

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Ausgesuchte Anlagen in spezielle Themen können dagegen unabhängig vom derzeitigen Umfeld und Zeitpunkt perspektivisch interessant sein. Dazu zählen die Bereiche erneuerbare Energien, Energieeffizienz oder die Kreislaufwirtschaft, die allesamt von den gestiegenen Kosten für Energie und den Klimaschutzbemühungen profitieren. Die übrigen Mittel können in kurz laufenden Unternehmensanleihen geparkt werden, die zumindest einen kleinen Inflationsausgleich bieten. Außerdem sollten Anleger Kasse halten, um bei möglichen Korrekturen preiswerter einsteigen zu können.

Andreas Enke zählt zu den Inhabern und Vorständen der Vermögensverwaltung Geneon Vermögensmanagement. Der Diplom-Kaufmann verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden bei verschiedenen Großbanken.

Quelle: ntv.de

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