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Die Lehren des 19. Spieltags BVB toppt Klopp, FC Bayern lernt zornig

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Da guckste: Jürgen Klopp ist nicht mehr der erfolgreichste Trainer des BVB - zumindest was den Punkterstand nach dem 19. Spieltag angeht.

(Foto: imago/DeFodi)

Der FC Bayern wankt gegen Stuttgart am 19. Spieltag kurz, siegt aber deutlich - und wertet das als wichtigen Lerneffekt. Borussia Dortmund ist historisch gut, treibt's mit der Demut aber auf die Spitze. Und Peter Bosz kann doch Fußball-Bundesliga.

1. Der BVB ist historisch gut - und historisch cool

Obacht, Lucien Favre! Seit Samstagabend ist der Trainer von Borussia Dortmund verantwortlich für einen Klubrekord. Nach 19 Spieltagen in der Fußball-Bundesliga steht der Tabellenführer nach dem 5:1-Erfolg über Hannover 96 bei 48 Zählern - das ist ein Punkt mehr als beim bisherigen Rekord aus der spektakulär-überraschenden Meistersaison 2010/11, als sich der BVB unter Coach Jürgen Klopp und mit Kevin Großkreutz, Lucas Barrios, Mario Götze, Shinji Kagawa und sogar Robert Lewandowski durch die Liga heavymetalte. Eine schöne Sache - für uns Medien. Denn das Thema lässt sich in alle Richtungen sehr hübsch ausschlachten: Der aktuelle BVB toppt Jürgen Klopp, ist da die emotionalste Botschaft - denn Klopp war mutmaßlich der emotionalste Trainer, den die Borussia je hatte. Dortmunds Neu-Rekord-Trainer Favre bewirbt sich eher für das gegenteilige Extrem, so wie er das schwarzgelbe Rasenspektakel an der Seitenlinie und in der Analyse begleitet. Mit der emotionalen Neutralität eines Schweizers erklärte er zur Punktbestmarke: "Für mich bedeutet das nicht viel, das ist nur eine Statistik."

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Ein souveräner Ansatz - und geeignet, um das miese Rekordkarma in Dortmund zu umschiffen. Denn alleine in der fürchterlichen vergangenen Saison durften sich zwei Trainer für ihre historischen Spitzenwerte feiern lassen: Peter Bosz, der den BVB defensiv zu einem absurd wackelnden Lämmerschwanz machte, hält noch immer den Klub-Startrekord in der Bundesliga. Sein Nachfolger Peter Stöger, dessen fußballerischer Ansatz in Dortmund wohl niemandem in Erinnerung geblieben ist, durfte sich für eine historisch lange Startserie (als Trainer) ohne Niederlage wertschätzen lassen. Nachhaltig war's nicht. Beides nicht. In Dortmund pflegen sie ohnehin die Maxime der kolossalen Demut - trotz eines gegen 60 Minuten lang starke Hannoveraner (die sogar einen nicht gegebenen Elfmeter zum möglichen 1:1 nach Foul von Thomas Delaney an Noah Joel Sarenren Bazee mit erstaunlicher Ruhe und Würde ertrugen) einmal mehr überragenden Marco Reus (Sahnetor zum 2:0). Trotz eines sensationell guten und aufmerksamen Achraf Hakimi (Tor und spektakuläre Balleroberung vor dem 2:0). Trotz eines wieder guten Mario Götze (zweites Saisontor erzielt). So sagte Phrasen-Team-Manager Sebastian Kehl im "Doppelpass" getreu der Vereinslinie: "Es ist noch nicht alles gut, aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Es ist noch einiges möglich in dieser Saison." Die Meisterschaft - mutmaßlich. Nur sagt's keiner. Im Gegenteil provozieren sie das Maximum an Gleichgültigkeit. Axel Witsel beispielsweise wollte am Sonntag nicht schauen, was die Bayern als immer noch härtester Verfolger machen. Er verbrachte lieber Zeit mit der Familie.

2. Der FC Bayern hat aus der Hinrunde gelernt

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Als der Stuttgarter Anastasios Donis am frühen Sonntagnachmittag in der 26. Spielminute ein wirklich sehr schönes Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich (1:1) gegen den FC Bayern erzielte, wähnten sich manche Bayern-Spieler schon wieder an so manche Bayern-Peinlichkeit aus der Hinrunde erinnert. Da wären beispielsweise die lässig verdaddelten Heimführungen gegen den FC Augsburg (1:1, Torschütze Götze) und gegen den SC Freiburg (1:1). Oder noch schlimmer: Die Lukebakio-Katastrophe (3:3 gegen Fortuna Düsseldorf), die im Verein kurzzeitig alles in Frage stellte, auf jeden Fall die Zukunft von Coach Niko Kovac. Einen erneuten #zsmmnbrch (berühmt geworden durch die DFB-Elf) samt schmerzhaftem Hieb für das Anschlussbemühen an Tabellenführer Borussia Dortmund und neue Diskussionen über Trainer, Kader und Umbruch (wie's mit dem Wunschburschen Callum Hudson-Odoi läuft, lesen Sie hier) verhinderten unter anderem der Pfosten (Chancen für Nicolas Gonzalez zum 2:2, 65. Minute) und die Bayern-Offensiven Serge Gnabry (55.), Leon Goretzka (71.) und Robert Lewandowski (84.).

4:1 - klingt gut, macht aber nur bedingt glücklich. "Wir haben stark angefangen, dann aber einen Gang runtergeschaltet. Das war nicht so gut", analysierte Goretzka. Der zornige Coach Kovac fand sogar, dass seine Elf "35 Minuten gar nicht stattgefunden" habe. Aber (jetzt wieder Goretzka): "Positiv ist, dass wir noch deutlich gewonnen haben. In der Hinrunde wäre so ein Spiel vielleicht unentschieden ausgegangen. Da gibt es den richtigen Lerneffekt." Bedeutet für den Meisterschaftskampf? "Wir werden unermüdlich weitermachen und versuchen, Druck auszuüben." Sieben Bundesligasiege in Serie sind zumindest mal ein taugliches Mittel - auch wenn der BVB trotzdem noch sechs Bundesligapunkte entfernt ist.

3. Peter Bosz kann wohl doch Bundesliga

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Hier sitzt ein sehr zufriedener Trainer.

(Foto: imago/Hübner)

Den Trainer Heiko Herrlich nach zwei Siegen zur Winterpause zu entlassen, das war eine kreative Idee. Sie wurde noch deutlich kreativer, indem der Degradierte durch Peter Bosz ersetzt wurde, der in der Liga ja für die spektakulärste Helden-Tragödie der vergangenen Jahre steht: Auf den Rekordstart bei Borussia Dortmund mit anarchisch-erfolgreichem Angriffsfußball folgte der Rekordabsturz zum verunsicherten Panik-Patienten, das denkbar denkwürdigste Derby-Drama inbegriffen. Und nach seinem spektakulär-unglücklich vergeigten Debüt als Chef der rheinischen Fußballer gegen Borussia Mönchengladbach (0:1) zum Rückrunden-Auftakt gab's tatsächlich Zweifel an der generellen Bundesligatauglichkeit des aggressiv auf Angriff ausgerichteten Bosz-Systems.

Nun ist es aber so: Funktioniert der Torabschluss, ist das Bosz-System sogar herausragend tauglich für die Liga. Stand gegen Gladbach bei 22 teilweise allerbesten Chancen noch die Null, hübschte die Bayer-Elf ihre Effizienzwerte gegen den VfL Wolfsburg dramatisch auf - 23 Abschlüsse, drei Tore, kein Gegentreffer und nach neun vergeblichen Anläufen endlich mal wieder ein Ligasieg für den Niederländer. So sagte er dann auch: "Hier sitzt ein zufriedener Trainer" - mit lediglich ein paar klitzekleinen Unzufriedenheiten. So bemopperte er die aus seiner Sicht trotz drei Auswärtstoren weiterhin mangelhafte Chancenverwertung und leichtfertige Ballverluste, sagte aber gnädig: "Aber wenn das alles besser wird ...". Den Satz brauchte er nicht zu beenden. Denn es ist unübersehbar: Bringt Bayer sein Offensivtalent mit Leon Bailey, Kai Havertz, Julian Brandt und Kevin Volland auf den Rasen und steht stabil, dann kann's noch ganz weit nach oben gehen. Den nächsten Stress-Test für die Tauglichkeit des Bosz-System gibt's übrigens am kommenden Samstag - wenn der FC Bayern kommt.

4. Beim FC Augsburg brennt der Baum

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Wütend auf die Schiedsrichter: Manuel Baum.

(Foto: imago/Krieger)

Manuel Baum ist eher so der Typ "sachlich". Aber Manuel Baum kann auch den Typen "eskalativ". Als Reiz, der diese bislang gut versteckte Seite des Augsburger Trainers zum Vorschein brachte, diente Schiedsrichter Harm Osmers im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach (0:2). Anlass für Baums amtlichen Wutausbruch war das Tor zum 0:1 durch Gladbachs Rekord-Schweden Oscar Wendt (78.), das die Niederlage einleitete. Wendts Mitspieler Lars Stindl stand beim Torschuss wohl eher im aktiven als im passiven Abseits. So sah es auf jeden Fall Baum: "Ein Skandal! Was ist mit diesem Schiedsrichter los? Ein Witz ist das!", brüllte der Trainer nach dem Spiel. Osmers und seine Assistenten seien "Dilettanten ohne Ende, die ihre eigenen Regeln nicht kennen. Der Linienrichter hat es angezeigt, der Schiedsrichter war zu faul, aus Köln kam nichts. Unfassbar." Dass die Szene diskutabel war, fand auch Ex-Referee Markus Merk bei Sky. Dass sie ohne den vorherigen bitteren Patzer des ansonsten bockstarken FCA-Neukeepers Gregor Kobel gar nicht entstanden wäre, ging im Tohuwabohu unter.

Apropos diskutabel: Schlicht indiskutabel ist die sportliche Situation beim FCA: Zehn Spiele in Folge hat die Mannschaft nicht mehr gewonnen - und der Trainer dabei an Rückhalt verloren? Abwehrspieler Martin Hinteregger jedenfalls urteilte nach der Gladbach-Pleite: "Man sieht, dass wir noch tiefer im Sumpf stecken, da geht gar nichts. Wir betteln ums Gegentor. Das ganze Jahr 2018 ist die Kurve nach unten gegangen. Ich kann nichts Positives, aber auch nichts Negatives über den Trainer sagen." Das darf man ungewöhnlich nennen - und dürfte für Baum ein neuer Reiz sein.

5. Was Thomas Doll für seine Mission wissen muss

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Die Position des obersten Klassenerhaltkämpfers war bei Hannover 96 nur kurz vakant. Aufstiegsheld André Breitenreiter wurde nach einer Woche nahe am Mobbing und der 1:5-Packung beim BVB am Sonntag entlassen und wenig später durch Thomas Doll ersetzt. Eine schnelle Lösung für den Tabellen-17. musste her, denn schon am Freitag gibt's wieder Klassenkampf - gegen das formstarke RB Leipzig (Stichwort: Wuchtsieg gegen Fortuna Düsseldorf). Was Doll für seine mutmaßliche "Mission impossible" auf jeden Fall wissen muss: Der 96-Kader ist teuer, aber nicht unbedingt wertvoll. Der Klub-Boss will den Verein nahezu komplett übernehmen und hat sich mit den Fans überworfen, was sehr viel Unruhe und wenig Stimmung mit sich bringt. Innerhalb der Mannschaft gab's in der Hinrunde atmosphärische Störungen. Und das Thema Neuzugänge ist sensibel zu behandeln - pressiert aber angesichts der Schließung des winterlichen Transferfensters am Donnerstag. Also: Wie lautet der Doll-Plan? Nun, aus Sicht von Manager Horst Heldt ist er nicht sonderlich komplex: "Als ehemaliger Fußballer weiß Thomas, wie die Spieler ticken. Er ist bekannt als akribischer Arbeiter mit einer klaren Ansprache. Wir sind fest davon überzeugt, dass er der Mannschaft mit all seiner Erfahrung genau das vermitteln kann, was sie benötigt, um die Wende zu schaffen." Klingt fast zu einfach.

6. William hat die Seuche, Grujic das Erfolgsgen

In so einer Spieltagsstatistik verbergen sich feine, bisweilen tragische Geschichten. Eine erzählt der wilde Brasilianer William vom VfL Wolfsburg. Zweimal ist er mit seinem Klub in der Rückrunde angetreten, zweimal hat seine Mannschaft verloren. Zweimal hat William einen Elfmeter ausgelöst, das ist fast schon Abwehrpech Naldo'schen Ausmaßes, denn es führte zweimal zum folgenreichen 0:1. Gegen den FC Schalke 04 (1:2) foulte er Alessandro Schöpf bereits nach fünf Minuten, gegen Bayer Leverkusen (0:3) nun erwischte er Kevin Volland zu vehement am Bein. Ohne Namen zu nennen, war Coach Bruno Labbadia mächtig verärgert: "Der Spielverlauf mit dem Elfmeter kurz vor der Pause war eine Katastrophe. Das hat mit Übereifer zu tun." Schon in der Hinrunde leistete sich William mehrere Aussetzer, die zu Toren führten. Und so gilt er als akuter Streichkandidat für die Wolfsburger Startelf.

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Herthas "Wir-verlieren-nicht"-Garantie: Marko Grujic.

(Foto: imago/Eibner)

Ganz anders liest sich die Geschichte von Herthas Liverpool-Leihgabe Marko Grujic. In neun Spielen mit Grujic hat Berlin nicht einmal verloren - in den übrigen zehn Ligapartien gab's fünf Watsch'n. Und weil das schmerzhafte Duell mit Schalke zur Eröffnung des 19. Spieltags ein Abnutzungskampf bis zum Abpfiff war, wollte Coach Pal Dardai seinen Spielmacher nicht vom Feld holen - auch wenn der gerade erst von einer Verletzung zurückgekehrt war. "Wir müssen langsam ein Funkgerät bestellen. Ich habe ihn alle fünf, sechs Minuten gefragt: Geht's noch Marko?" Ging, gut sogar. Und ging 2:2 aus.

Quelle: n-tv.de

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