Fußball

Die Lehren der Saison Der FC Bayern zerstört die aufgeteilte Liga

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Niemand stoppt den FC Bayern.

Die längste Saison der Bundesliga-Historie ist zu Ende, Zeit für eine Bilanz. Der FC Bayern macht vieles kaputt, außer sich selbst. Borussia Dortmund hilft beim Schritt zur Weltklasse. Dazu kommen Rassismus-Lernprozesse und ein Torjäger, der Gerd Müller nacheifert.

Der FC Bayern zerstört alle Hoffnungen

Kurz durfte die Bundesliga hoffen, dass nach sieben Jahren endlich mal wieder etwas anderes als "FC Bayern München" auf der Meisterschale eingraviert werden könnte. Dann kam Hansi Flick. Der löste Niko Kovac nach dem zehnten Spieltag als Cheftrainer ab und verbot es seiner Mannschaft schlicht und ergreifend, Fußballspiele sieglos zu beenden. Nach zwei 1:2-Pleiten gegen Leverkusen (13. Spieltag) und in Mönchengladbach (14. Spieltag) kurz nach Flicks Amtsantritt klappte es dann auch mit der konsequenten Umsetzung. Das 4:0 beim VfL Wolfsburg mit eingerechnet, gewann der FC Bayern seitdem 19 von 20 Spielen und holte 58 von 60 möglichen Punkten. Der Rekordmeister dominierte, der Rest der Liga streckte sich vergeblich und muss am Ende doch wieder anerkennen: Wenn bei den Münchnern nicht über lange Strecken gewaltig etwas schiefläuft, geht der Titel immer an den FC Bayern.

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Nach dem verpatzten Start und deshalb wachsenden Unmut einte Flick die Mannschaft, gilt längst als Spielerflüsterer. Der kleine Kader ermöglichte Spielanteile für fast alle Profis, Thomas Müller erwachte aus dem Kovac-Schlaf, Unruhe zwischen Trainer und Team kam nicht auf. Manuel Neuer regte sich zwar auf, allerdings eher über Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der seinen vermeintlichen Nachfolger Alexander Nübel verpflichtete. Neuer machte seinen Anspruch auf die Nummer eins deutlich, Flick pflichtete ihm bei. Leon Goretzka machte den nächsten Schritt zum Führungsspieler, Joshua Kimmich füllt diese Rolle längst aus, nicht nur wegen seines wegweisenden Traumtores im Topspiel bei Borussia Dortmund. Diese fortwährende Dominanz des FC Bayern führt dazu, dass an der Säbener Straße inzwischen mehr Bundesliga-Meisterschalen lagern als im Rest der Republik. In 57 Jahren seit Gründung der Eliteklasse stand der FCB am Saisonende 29-mal auf Rang eins, alle anderen Klubs 28-mal.

Die Bundesliga zu gewinnen, das ist längst mehr Pflichtaufgabe als echte Herausforderung für den FC Bayern. Zu weit enteilt ist München nicht nur sportlich, sondern besonders finanziell. Dafür sorgt vor allem die Champions League, in der seit Jahren dieselben immer reicher werdenden Klubs den Titel unter sich ausspielen - und die Einnahmen unter sich aufteilen. Wohin diese Entwicklung führt, zeigt nicht nur die Bayern-Dominanz in der Bundesliga. In Italien ist Juventus Turin auf dem Weg zum neunten Titel in Serie, in Frankreich hieß der Meister in sieben der vergangenen acht Jahre jeweils Paris Saint-Germain, in Spanien teilen sich Real Madrid und der FC Barcelona die Ehre. In Deutschland ist der größte Konkurrent des FC Bayern die eigene Nachlässigkeit, das zeigte auch der letzte Spieltag. Während die Münchner in Wolfsburg ein für sie bedeutungsloses Spiel dominierten, verweigerte der vermeintlich schärfste Verfolger Dortmund beim 0:4 gegen Hoffenheim jegliche Leistung, es hätte auch doppelt so hoch ausgehen können.

Dortmund ist noch immer das beste Sprungbrett für Jungstars

Auch wenn die Dortmunder im Meisterschaftskampf den Bayern mal wieder den Vortritt lassen mussten, dürften sie sich über die Saison gefreut haben. Drei Jungstars sind der Grund dafür: Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Erling Haaland. Sancho ist mit 34 Scorerpunkten der Drittbeste der Liga in dieser Kategorie, der von Real Madrid ausgeliehene Hakimi lief auf der Außenbahn in der Bundesliga wie in der Champions League so ziemlich allen davon - und Erling Haaland kam, traf und steigerte seinen Marktwert noch mal ins Unermessliche. Nachdem die jungen Topspieler Mario Götze und Robert Lewandowski beim BVB durchstarteten und zum FC Bayern wechselten, dann die Pierre-Emerick Aubameyangs, Ousmane Dembélés und Christian Pulisics zu ausländischen Topklubs abwanderten, machte die nächste Youngster-Riege beim BVB in der Saison 2019/20 diesen wichtigen nächsten Schritt auf dem Weg zur Weltklasse.

Auch wenn Hakimi wohl zu Real Madrid zurück und schließlich zu Inter Mailand geht und Sancho vielleicht doch noch für eine absurde Millionensumme in die Premier League wechselt: Das Signal, das der BVB an Toptalente weltweit aussendet ist laut und deutlich: Bei uns könnt ihr den Durchbruch schaffen, kommt lieber zu uns als bei Manchester City mehr zu verdienen, aber auf der Bank zu versauern. Der BVB hat so angeblich auch schon den Kampf um das nächste große Talent aus England für sich entschieden, Jude Bellinghams Wechsel soll fast perfekt sein. Und dann ist da noch Haaland. Der 19-Jährige zog die Schwarz-Gelben anderen Topklubs vor, erzielte seit der Winterpause 13 Tore in 14 Bundesligaspielen - und wird, laut eigener Aussage, dem BVB noch ein wenig erhalten bleiben. Einen Vertrag bis 2024 besitzt der Norweger immerhin schon mal, aber auch ihn wird irgendwann der nächste Jungstar ersetzen. Zum Beispiel Giovanni Reyna, der 17-Jährige ist schon jetzt fester Bestandteil des Kaders.

Die Bundesliga lernt mit Rassismus umzugehen

Als Weston McKennie, Jadon Sancho und Achraf Hakimi auf dem Rasen gegen den Mord an George Floyd durch weiße Polizisten und gegen Rassismus demonstrieren, verfällt der DFB zunächst wieder in klassische Muster: Das Vergehen, Botschaften auf der Unterwäsche sind nicht erlaubt, wird überprüft und es wird über eine Strafe beraten. Immerhin hat auch der Verband dazugelernt und unterlässt eine Bestrafung - auch wenn es ein weitaus stärkeres Zeichen gewesen wäre, die Aktion für mehr Menschlichkeit direkt gutzuheißen. Die weltweiten Proteste gegen Rassismus machen auch in anderer Form - zum Glück - nicht vor der Bundesliga halt, viele Profis nehmen in den sozialen Medien an Anti-Rassismus-Aktionen teil oder sprechen sich vor der Kamera deutlich gegen Diskriminierungen aller Art aus. Das war beileibe nicht immer so. Aber das muss auch dauerhaft so bleiben und darf nicht nur ein trendiges "Mitmachen" gewesen sein.

Dass in der Bundesliga noch viel zu tun ist im Kampf gegen Rassismus, wird auch in der Saison 2019/20 wieder deutlich: Herthas Jordan Torunarigha wird im DFB-Pokal von Schalke-Fans rassistisch beleidigt, es kommt mangels Beweisen nicht zu einer einzigen Verurteilung und der Zuspruch für den Verteidiger ist nicht annähernd so groß wie der, den Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp erfährt, als er mit Schmähplakaten beleidigt wird. Auch Schalke-Boss Clemens Tönnies darf trotz rassistischer Aussagen weitermachen als wäre nichts gewesen - auch er bekommt viel Unterstützung von den Bundesliga-Größen. Es bleibt also die Hoffnung, dass durch den grausamen Mord an Floyd und den darauffolgenden weltweiten Massenprotesten der Fußball in Deutschland strukturellen wie direkten Rassismus deutlicher wahrnimmt und klarer verurteilt als bisher. Mündige Profis müssen beweisen, dass sie Diskriminierung nicht nur im Internet entgegentreten, sondern auch auf dem Platz und in der Gesellschaft.

Robert Lewandowski ist der beste Torjäger seit Gerd Müller

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Nur vier Minuten fehlen Robert Lewandowski zu Gerd Müller. Seit der polnische Ausnahmestürmer im Sommer 2010 in die Bundesliga wechselte, trifft er im Schnitt alle 109 Minuten. Besser ist in der Historie der höchsten deutschen Fußball-Liga seit deren Einführung 1963 nur Rekordtorjäger Gerd Müller. Der traf zwischen 1965 und 1979 alle 105 Minuten. Der nächste Spieler in der Rangliste der effektivsten Angreifer, der eine vergleichbare Anzahl an Spielen wie Lewandowski (321) und Müller (427) aufweist, ist Mario Gomez - der allerdings schon eine halbe Stunde länger pro Tor brauchte. Es ist nicht die einzige Statistik, in der Lewandowski auf den Spuren des "Bombers der Nation" wandelt: Müller wurden siebenmal Torschützenkönig, Lewandowski fünfmal, niemand anderes öfter als dreimal. In der gerade beendeten Saison traf Lewandowski 34-mal, besser war nur Müller, der einmal 40, einmal 38 und einmal 36 Tore erzielte.

Konkurrenz erwächst Lewandowski seit dem Winter bei seinem Ex-Verein, bei Borussia Dortmund. Erling Haaland traf in nur 15 Einsätzen 13-mal. Umgerechnet auf Spielminuten pro Tor war der Norweger exakt so effektiv wie Lewandowski, beide standen für jeden ihrer Treffer 81 Minuten auf dem Platz. Der 19-Jährige wirkt dabei bisweilen wie ein Heranwachsender, der seine eigene Stärke noch nicht ganz bändigen kann. Immer wieder zwickt der Körper bei Haaland, der daher immer wieder Pausen braucht und nicht einmal die Hälfte seiner Spiele über die volle Distanz absolvierte. Lewandowski dagegen stand in 29 von 31 Fällen 90 Minuten auf dem Platz.

Im Schatten dieser beiden Ausnahmeprofis bewegte sich auch Timo Werner in historischen Dimensionen. Der Noch-Leipziger und Bald-Londoner traf 28-mal, mehr Tore erzielte ein deutscher Stürmer zuletzt 1981: Damals war es Karl-Heinz Rummenigge, der sich mit 29 Treffern die Torjägerkrone aufsetzte. Dass der FC Chelsea bereit ist, Werner zum teuersten deutschen Fußballprofi zu machen, klingt daher wie die logische Konsequenz. Wobei dieser Titel schon in wenigen Wochen an Kai Havertz übergehen könnte, den die Aussicht auf ein weiteres Jahr Europa League in Leverkusen nicht allzu sehr euphorisieren dürfte. Was nicht an Havertz lag, der in der Rückrunde mit zehn Toren und fünf Vorlagen alles dafür tat, seine Mannschaft noch zurück in die Champions League zu führen. Auch an ihm soll - neben anderen großen Namen - der FC Chelsea interessiert sein.

Die Teilung der Bundesliga schreitet voran

Der Blick auf die Abschlusstabelle offenbart: Die Bundesliga ist eine Mehr-Klassen-Gesellschaft. An der Spitze dreht der FC Bayern einsam seine Kreise, entscheidet allein darüber, ob er die Meisterschaft gewinnt oder nicht. Dahinter folgt Borussia Dortmund, das gerne ernster Herausforderer wäre, aber nicht nur an der Übermacht des Branchenprimus scheitert, sondern auch an eigenen Mentalitätsproblemen. Rasenballsport Leipzig schickt sich auch dank eines laut eigener Aussage "völlig üblichen" Schuldenschnitts von 100 Millionen Euro durch Geldgeber Red Bull an, die Nummer zwei zu werden. Im ersten Jahr unter Trainer Julian Nagelsmann fehlte es dafür schlicht an Heimsiegen - Leipzig spielte in der eigenen Arena öfter unentschieden (achtmal) als es gewann (siebenmal).

Dahinter folgen Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen, die zwischen Champions League und Europa League pendeln und so zwar deutlich über dem Rest der Liga stehen, die großen Drei aber auf lange Sicht nicht herausfordern können. Denn die Kluft zwischen beiden Wettbewerben ist riesig, Gladbach darf als Vierter im Vergleich zum Fünften Leverkusen mit mindestes 20 Millionen Euro zusätzlichen Einnahmen rechnen.

Damit sind fünf der sechs Europapokalplätze sicher vergeben. (Sofern nicht wie in diesem Jahr zwei bereits qualifizierte Teams ins Pokalfinale einziehen.) Um den einzig verbliebenen Rang, der in den internationalen Fußball führt, streiten sich derzeit zumeist die TSG Hoffenheim, der VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt, nachdem sich der FC Schalke bis auf Weiteres in die sportliche Bedeutungslosigkeit - die gerade wohl das geringste Problem des Vereins ist - verabschiedet hat. Kleinere Überraschungen wie den SC Freiburg in diesem oder Werder Bremen im vergangenen Jahr ausgenommen, beginnt dahinter der (erweiterte) Abstiegskampf.

Quelle: ntv.de