Fußball

Sechs Lehren des 33. Spieltags Guardiola blitzt ab, Dutt der Seuchenvogel

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Das waren Zeiten: Jupp Heynckes im Jahr 2013.

(Foto: imago sportfotodienst)

Spannend ist in der Fußball-Bundesliga allein der Abstiegskampf, die Eintracht dreht an der Uhr, Werder hat Fin Bartels - und der VfB hat Robin Dutt. Derweil muss der FC Bayern seine Meisterschaft leider alleine feiern.

1. Ist das spannend!

Wunderbare Fußball-Bundesliga: 297 Partien sind in dieser Saison absolviert und nun, in den letzten neun Begegnungen des 34. Spieltags, entscheidet sich am kommenden Bundesliga-Samstag alles. Dann trifft Bayer Leverkusen auf den FC Ingolstadt. Und es geht - um nichts. Den Leverkusenern ist Platz drei nicht mehr zu nehmen, sie dürfen demnächst wieder in der Champions League mitmachen und der Aufsteiger aus Ingolstadt hat sich das Ticket für ein weiteres Jahr in Liga eins längst gesichert. Bei der Partie der Dortmunder Borussia gegen den 1. FC Köln geht es - ebenfalls um nichts. Der BVB ist der beste Tabellenzweite der Geschichte, der Effzeh bleibt der Effzeh. Hm, wer trifft sich noch? Der FC Augsburg und der Hamburger SV. Auch hier gilt: keine Relevanz, beide Mannschaften sind gerettet.

Quiz-Elf zum 33. Spieltag
Die Trauer über das Ausscheiden aus der Champions League überwindet der FC Bayern München mit dem vierten Meistertitel in der Bundesliga - ein Rekord in der deutschen Fußballgeschichte. Doch auch andere Klubs können Einzigartiges vollbringen.

Der deutsche Rekord-Rekordmeister, der FC Bayern, spielt gegen den Absteiger Hannover 96 - wie aufregend. Das gilt auch für die Partie des SV Darmstadt 98, der den Klassenerhalt sicher hat, gegen die Mönchengladbacher Borussia, die sich auf Platz vier für die Champions League qualifizieren darf. Und beim Spiel zwischen der TSG Hoffenheim gegen den FC Schalke 04 geht es ebenfalls - um nichts. Die Kraichgauer bleiben erstklassig, die Gelsenkirchener treten in der Europaliga an, ebenso die Mainzer und die Berliner, die gegeneinander spielen. Wichtig ist für einen Europaligateilnehmer allerdings, ob er das als Tabellenfünfter oder Tabellensiebter tut. Der Fünfte startet direkt in der Gruppenphase, die beiden anderen Teams müssen sich erst qualifizieren. In Mainz wissen sie das nur zu gut, schließlich sind sie daran zweimal kläglich gescheitert. Was aber bleibt, sind zwei Partien, bei denen es am letzten Spieltag wirklich um etwas geht: Wolfsburg gegen Stuttgart Bremen gegen Frankfurt. Womit wir beim Abstiegskampf sind.

2. Die Eintracht dreht an der Uhr

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Wundermann? Niko Kovac.

(Foto: REUTERS)

Vor dem 33. Spieltag befand sich Eintracht Frankfurt gedanklich nicht im Abstiegskampf des Mai 2016, sondern des Jahres 1999. Denn 1999 - das bedeutete Hoffnung. Damals schienen die Hessen schon abgestiegen und schafften mit vier Siegen in den letzten vier Spielen noch eine der wundersamsten Rettungen der Ligageschichte. Nach dem 33. Spieltag 2016 steht fest: Die Hessen drehen weiter fröhlich an der Uhr. Mit dem unverhofften 1:0 über Borussia Dortmund, immerhin bester Vizemeister aller Zeiten, feierten die schon abgeschriebenen Frankfurter von Retter-Trainer Niko Kovac den dritten Sieg in Folge. Ihre Rettung haben sie plötzlich wieder selbst in der Hand, auch wenn das - eine Skurrilität dieses Abstiegskampfs - für den letzten Gegner Werder Bremen ebenso gilt, der den Hessen bereits in Person von Willi Lemke nicht weniger als ein "Spiel des Jahrzehnts" ankündigt hat. Euphorie verbieten sie sich deshalb in Frankfurt, Zuversicht nicht. "Die letzte Schlacht muss noch geschlagen werden. Aber die Mannschaft zeigt so viel Leidenschaft - damit können wir es schaffen", bilanzierte Kovac, nachdem seine Eintracht ihre frühe Führung gegen den BVB mit Kampf und Glück und einem überragenden Torwart Lukas Hradecky als Frankfurter mit den meisten Ballkontakten vornehmlich am und im eigenen Strafraum bis zum Schlusspfiff verteidigt hatte. Ein Remis in Bremen (35 Punkte) würde Frankfurt (36) nun zum Klassenerhalt reichen, selbst bei einer Niederlage wäre der Eintracht zumindest die Relegation sicher - falls dem VfB Stuttgart in Wolfsburg nicht ein ähnliches Wunder gelingt wie einst der Eintracht beim 5:1 über Kaiserslautern. Sie wissen schon: damals, 1999.

3. Dutt etabliert sich als Seuchenvogel

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Es gibt sie immer wieder mal in der Bundesliga, die Seuchenvögel. Als Jürgen Klopp noch beim BVB wirkte, machte er sich mit Vollgasfußball ebenso unsterblich wie mit einem legendären Interview-Monolog mit SWR-Reporter Stephan Mai. Berichtete der von einem Auswärtsspiel mit Beteiligung einer Klopp-Mannschaft, gewann die Klopp-Mannschaft einfach nicht - weshalb der ein Interview mit den Worten einleitete: "Leck mich am Arsch, wirklich, ohne Witze. Dir ein Interview zu geben, da hab ich Bock drauf wie Zahnweh. Dass du vorm Spiel auch noch so blöd lachst. Musst du hierher oder was? Seuchenvogel."

Zu wenige Siege, dieses Problem plagt in dieser Saison auch Werder Bremen und den VfB Stuttgart. Der Seuchenvogel ist in beiden Fällen, man muss es leider so sagen, die eigene Mannschaft, Resultat: akute Abstiegsangst. Die wird in Bremen noch dadurch geschürt, dass mit Fin Bartels ein veritabler Abstiegsexperte in den eigenen Reihen kickt. Holstein Kiel, Hansa Rostock (2x), FC St. Pauli, sie alle stiegen mit Bartels ab - weshalb sie in Bremen vielleicht nicht ganz so traurig sind, dass Bartels seinen Einsatz im großen Abstiegsendspiel gegen Eintracht Frankfurt "verklatscht" hat. Wegen höhnischen Applauses Richtung Schiedsrichter Felix Zwayer handelte er sich eine Gelbsperre ein. Damit läuft alles darauf hinaus, dass am 34. Spieltag ein Ex-Bremer zum Seuchenvogel der Saison avanciert: Robin Dutt, der einst erfolgreich den SC Freiburg trainierte und seitdem erfolglos zwischen Trainer- und Funktionärsamt vagabundiert – und in dieser Saison den VfB in die zweite Liga mitzureißen droht. Nur ein 1999er Wunder kann dem VfB noch die Rettung bescheren, wahrscheinlicher sind angesichts suboptimaler Punktausbeute und miserabler Tordifferenz der direkte Abstieg oder zumindest die Relegation. Der Verein, beteuert Dutt nach dem dramatischen Absturz von Rang 10 am 21. Spieltag auf Rang 17, sei auf den "worst case" vorbereitet. Was er nicht extra sagen musste: Seinen Posten als erstklassiger VfB-Seuchenvogel wird Dutt in der Zweitklassigkeit verlieren.

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4. Heynckes feiert nicht mit dem FC Bayern

In München geben sie sich Mühe, nach dem Aus in der Champions League, in der sie ja immerhin das Halbfinale erreicht hatten, den Gewinn der vierten deutschen Meisterschaft hintereinander gebührlich zu feiern. Trainer Josep Guardiola hatte am Samstag nach dem Sieg in Ingolstadt mit einem untrüglichen Gespür für Pathos und Anstand daran erinnert, dass es sein Vorgänger Jupp Heynckes war, der 2013 den ersten dieser vier Titel geholt hatte. Es sei so, "dass ich diesen Titel mit Jupp Heynckes teilen möchte. Für mich ist es eine große, große Ehre, diese vier Titel mit Jupp Heynckes zu gewinnen". Dass das das Jahr war, in dem Heynckes mit dem FC Bayern auch noch den DFB-Pokal und die europäische Königsklasse gewann und ihm, also Guardiola, damit ein arg schweres Erbe hinterließ, hat der Spanier dann nicht explizit erwähnt. Jedenfalls hatte Guardiola, der im Sommer zu Manchester City geht, Heynckes, der mit seinen 71 Jahren seinen Ruhestand genießt, vorgeschlagen, am kommenden Wochenende gemeinsam in München zu feiern. Doch Heynckes mag nicht. "Vielen Dank für die Einladung. Aber das Fest gehört Pep. Nicht allein wegen der vier Meisterschaften, sondern weil es sein Abschied ist", sagte er der "Bild"-Zeitung. Er habe zu den vier Meisterschaften "nur eine beigetragen, also ein Viertel, drei holte Pep, und das ist eine großartige Leistung", führte Heynckes im "Kicker" aus. Aber: Er habe sich über die Worte Guardiolas "sehr, sehr gefreut. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben uns sofort verstanden und uns über viele Dinge des Fußballs ausgetauscht". Er würde sich deshalb "sehr freuen, wenn wir uns wieder einmal sehen würden".

5. Nagelsmann rettet die TSG - und knurrt

Die großen Worte wählte Julian Nagelsmann nicht, nachdem er am Samstag "um 17.21 Uhr und 20 Sekunden" Historisches erfahren hatte: Nämlich, dass er nun auch der jüngste Retter-Trainer der Bundesliga ist. Und zwar der von 1899 Hoffenheim. Als er den Hopp-Klub Anfang Februar vorzeitig übernehmen musste, weil das Herz von Huub Stevens den Mühen des Abstiegskampfes nicht mehr gewachsen war, begleiteten den 28-Jährigen erhebliche Zweifel ins Kraichgau. Der Trainer zu jung, die Mannschaft als Tabellenschlusslicht zu schlecht, die Moral inexistent, die Lage hoffnungslos. Nun, einen Spieltag vor Ultimo, sind die Hoffenheimer vorzeitig gerettet - ein Ereignis, das Nagelsmann angesichts des 0:1 bei Absteiger Hannover 96 nicht richtig schmeckte.

Er sei "nicht der glücklichste Mensch auf der Welt", knurrte Retter Nagelsmann so schön wie einst Vorgänger Stevens, denn er sei "total ehrgeizig und total unzufrieden mit dem, was wir abgeliefert haben". Es könne aber schon sein, fügte er später an, "dass ich ein Bier trinken werde auf den Klassenerhalt". Na immerhin! Die Lobeshymnen überließ er anderen und die ließen sich nicht lange bitten. Mittelfeldspieler Eugen Polanski nannte Nagelsmanns erste Ansprache entscheidend für den Klassenerhalt und es "bemerkenswert, in welcher Art und Weise er uns gepackt hat. Er hat uns sehr viel Mut zugesprochen." Und dabei offenbar die großen Worte erfüllt, die er sich nach Erreichen des großen Ziels Klassenerhalt dann verkniff.

6. Ein Hoch auf die Aufsteiger

Sieh an, beide Aufsteiger gerettet, prima. Vorausgesagt hatte das so kaum einer. Die Ingolstädter hatten sich bereits am drittletzten Spieltag gerettet, die Lilien zogen nun am Samstag mit dem 2:1 bei der Hertha nach - und hatten mithin allen Grund zur Freude. Am ausgiebigsten freute sich Sandro Wagner, der mit seinem 14. Saisontreffer sieben Minuten vor dem Ende der Partie den Sieg perfekt gemacht hatte. Danach war er in Richtung Ostkurve gestürmt, dort im Olympiastadion stehen die treuesten der Berliner Anhänger. Die brachte Wagner ein wenig in Rage, indem er seinen rechten Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen legte und mit der linken Hand auf das Darmstädter Logo auf seinem Trikot pochte. Sagen wir es so: Das war jetzt nicht die schlaueste Aktion. Aber abkönnen müssen die Fans der Hertha das. Taten sie aber nicht, zumindest einige von ihnen. Und das wirkte schon sehr mimimi. Als Wagner nach seiner Gelb-Roten Karte in der 88. Minute in die Kabine ging, stürmten sie am Sicherheitsdienst vorbei und wollten dem Stürmer, der von 2012 bis 2015 in Diensten der Berliner eher glücklos agiert hatte, an die Wäsche.

Wagner erklärte sein Verhalten hinterher so: "Da sind viele Emotionen dabei. Ich wurde hier nicht so schön weggeschickt." Ansonsten sei es so: "Das war nicht böse gemeint. Gerade die Ostkurve hat mich unterstützt. Aber oben gab es einige, die mich immer ausgepfiffen haben und meinten, ich sei ein Blinder."

Quelle: ntv.de