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Lehren des Bundesliga-Auftakts Wenn der FC Bayern vor Stolz platzt

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Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Philippe Coutinho am Freitag bereits als Maskottchen verkleidet im Stadion in Fröttmaning gewesen sein.

(Foto: imago images / Schiffmann)

Coutinho da, alles gut? Beim FC Bayern machen sie den Eindruck, als sei das so. Dabei läuft zum Auftakt der Saison in der Fußball-Bundesliga längst nicht alles rund. Die Konkurrenz aus Dortmund hingegen eröffnet den Titelkampf mit einer Gala.

1. Der FC Bayern verspricht "Spektakuläres"

Da applaudiert sogar die Konkurrenz dem FC Bayern. "Philippe Coutinho ist ein geiler Spieler. Er ist eine absolute Bereicherung, ich bin ein absoluter Fan von ihm", sagte der deutsche Nationalspieler Julian Brandt. Mit der Dortmunder Borussia ist er gut in diese 57. Saison der Fußball-Bundesliga gestartet. Das 5:1 gegen den FC Augsburg kann als erste Ansage im Kampf um den Titel interpretiert werden, zumal sich der Serienmeister aus München nach einer ordentlichen Leistung mit einem 2:2 gegen die Hertha begnügen musste. Das Thema dieses ersten Spieltags aber war, genau, dieser Coutinho.

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"Wir bieten unseren Fans was Spektakuläres": Manager Hasan Salihamidzic.

(Foto: imago images / eu-images)

Beim FC Bayern sind sie einigermaßen stolz darauf, dass es ihnen gelungen ist, nach all den vergeblichen Bemühungen nun zumindest für eine Spielzeit einen offensiven Mittelfeldspieler zu verpflichten, dem trotz eines durchwachsenen Jahres beim FC Barcelona das Prädikat "Weltklasse" anhaftet. "Wir bieten unseren Fans was Spektakuläres", sagte Manager Hasan Salihamidzic. Ob das tatsächlich so ist, wird sich dann zeigen. Erst einmal drängt sich der Eindruck auf, dass hier ein Verein unbedingt einen großen Namen präsentieren wollte, nachdem der Traum von einer Verpflichtung von Leroy Sané erst einmal geplatzt ist. Und wenn Münchens Trainer Niko Kovac sagt, die "komplette Bundesliga" könne sich auf Coutinho freuen, dann klingt das so, als platze hier ein ganzer Klub vor Stolz. Bleibt die Frage, was genau den Brasilianer in die Bundesliga zieht. Sind es die freundschaftlichen Verbindungen zwischen dem FC Bayern und dem FC Barcelona? Oder ist es so, dass Barça den Spieler loswerden wollte und schlichtweg keinen anderen Abnehmer gefunden hat?

2. Haltung vor Klassenerhalt

Nach den ersten 90 Bundesligaminuten der Vereinsgeschichte steht zu befürchten, dass der 1. FC Union Berlin die Liga sportlich nicht nachhaltig beeindrucken wird. Zu weit weg zeigte sich das Ensemble von Trainer Urs Fischer gegen RB Leipzig von Klassenerhaltsformat, vor allem in den Zweikämpfen. Aber der Aufsteiger bringt dafür etwas anderes mit zur Party, das die Liga dringend gebrauchen kann: Mut zur Haltung.

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Eisern!

(Foto: imago images / Xinhua)

Die Union-Fans hatten sich vorgenommen, gegen Struktur, Idee und Konzept von Auftaktgegner RB Leipzig zu protestieren. Die Mannschaft diskutierte kurz, Präsident Dirk Zingler gab die Marschrichtung vor: "Die Fans haben den Verein auf ihrer Seite", sagte der Klubboss in der Woche vor dem Ligastart. Zugang Neven Subotic ging noch einen Schritt weiter: "Es gibt viel zu wenig solcher Proteste. Unsere Fans beziehen eine klare Position. Ich stelle mich hinter unsere Fans." Und Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit richtete vor dem Anpfiff das Wort an die Zuschauer - und ermutigte sie, dem Protest der organisierten Fanszene zu folgen. Ein einigermaßen einzigartiger Vorgang in einer durchchoreografierten, durchreglementierten Liga.

Dem Erstligafußballbetrieb ist es ja bisher noch immer gelungen, Karnevalsvereinen und "anderen Klubs" so gut es geht, Ecken und Kanten abzuschleifen. Und natürlich kann sich Union nicht völlig den viel beweinten "Mechanismen" des Profibetriebs widersetzen, sonst hätte man keinen Wohnungsbaukonzern auf der Brust. Aber ein Verein, dessen Verantwortliche die Fans ermutigen, auch abseits des konsumfreundlichen "Betroffenheits-Tritratrullala" Haltung zu zeigen, liefert tatsächlich einen überaus wertvollen Beitrag zur Aufwertung der Bundesliga. Der Mut auf dem Feld kommt dann vielleicht auch noch.

3. Die drei Fragezeichen in München

Noch einmal zurück zum FC Bayern. Die Münchner zeigten gegen Hertha BSC, dass es in dieser Saison nicht einfacher wird. Zu abhängig war das Spiel von Serge Gnabry und Robert Lewandowski, zu einfach durften die Berliner zwei Tore schießen. Und wieder einmal schien Trainer Kovac von einer taktischen Umstellung des Gegners überrumpelt. Aber jetzt wird alles gut - wenn man der Führungsriege glauben mag. Mit drei neuen Spielern will der Meister voll angreifen. Auch wenn es nicht Sané ist: Kovac bekam Ivan Perisic und Lewandowski mit Coutinho (siehe oben) einen Spieler, der die kreative Schaltzentrale ankurbeln soll. Ach ja, und ein gewisser Mickaël Cuisance von Borussia Mönchengladbach kommt ja auch noch. Aber bringen sie schnell die Wende?

Cuisance und Perisic sind Verstärkungen für die Breite. Cuisance, als Sechser, Achter und Zehner einsetzbar, kommt für Positionen im Mittelfeld, auf denen die Bayern bestens besetzt sind. Wunder dürfen von dem 20-Jährigen, der in Gladbach nicht mal Stammspieler war, nicht erwartet werden. Der Kroate Perisic soll Coman, Gnabry oder Lewandowski in den nicht ganz so wichtigen Spielen eine Pause ermöglichen, haut sich stets rein und kann große Spiele entscheiden, so das WM-Halbfinale 2018 gegen England oder die Partie gegen Spanien bei der EM 2016. Aber ist er mit seinen 30 Jahren eine langfristige Lösung für die Außenstation, wie es Sané wäre, um eine Ära nach Robbery zu begründen? Eher nicht. Bei einem richtigen Topklub durchgesetzt hat sich Perisic noch nie. Und Coutinho kann zwar von den Defiziten ablenken, aber kann er allein die offensive Ideenlosigkeit beheben? Viel Zeit haben die Münchner nicht. Da lohnt ein Blick nach Dortmund: Der BVB hat schon mal vorgemacht, wie es geht.

4. Der BVB brilliert wie ein Titelanwärter

Ja, es war erst der erste Spieltag. Ja, es war nur der FC Augsburg. Und nein, wir wollen hier nichts überinterpretieren. Aber das ließ sich schon ganz gut an, was die Dortmunder Borussia um einen gut aufgelegten Kapitän Marco Reus da gezeigt hat. Unser Kollege Felix Meininghaus war im Westfalenstadion und bilanziert: "Ein Blitzgegentor nach 31 Sekunden? Kann Borussia Dortmund zum Bundesliga-Start nicht schocken. Gegen den FC Augsburg zelebriert der BVB beim Hummels-Comeback mitreißenden Vollgas-Fußball. Das gesamte Team brilliert - wie ein echter Meisterschaftsanwärter."

5. Wolfsburgs Glasner ist der beste Debütant

Den Anfang machte am Freitag Ante Covic. Er ist einer von sieben Trainern, die an diesem ersten Spieltag ihr Debüt in der Bundesliga feierten. Und Covic köpfte mit einer mutigen Berliner Hertha im Saisoneröffnungsspiel gleich dem FC Bayern einen Punkt ab. Sein Fazit: "Wir leben in einer Ergebnis-Gesellschaft - und wir haben ein ordentliches Ergebnis aus München mitgebracht." Die Kollegen David Wagner vom FC Schalke 04 und Marco Rose von Borussia Mönchengladbach spielten ebenfalls unentschieden, gegeneinander nämlich. Das 0:0 im Borussia-Park war allerdings eher mauer Natur und wenig dazu angetan, in Euphorie auszubrechen. Aber wir erwähnte es oben: Es war ja auch erst der erste Spieltag.

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Der Neue in Wolfsburg: Oliver Glasner.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Einziger Sieger des Auftakts war Oliver Glasner. Der Österreicher, vom Linzer ASK gekommen, gewann mit dem VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln, bei dem Achim Beierlorzer erst mal in der 1.Liga an der Seitenlinie stand. Wolfsburgs Sportdirektor Marcel Schäfer durfte unwidersprochen behaupten: "Man hat klar gesehen, was der Trainer auf die Mannschaft übertragen möchte." Und die "Süddeutsche Zeitung" urteilte: "Für ein erstes Saisonspiel durchaus beeindruckend war die Sicherheit, mit der sich der VfL bereits im neuen 3-4-3-System bewegte." Der Rest der Bande verlor: Steffen Baumgart mit dem mutigen und offensivverliebten Aufsteiger SC Paderborn in Leverkusen, der Niederländer Alfred Schreuder mit der TSG Hoffenheim in Frankfurter, weil Martin Hinteregger nach nur 36 Sekunden ein Tor für die Eintracht erzielte. Schreuder sagte: "Die ersten 36 Sekunden waren natürlich nicht gut." Aber es kann ja noch besser werden.

6. Hand ist Hand und das ist gut

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Yussuf Poulsen (links) konnte in Berlin nur Tore der Kollegen bejubeln.

(Foto: imago images / Xinhua)

Eine Regeländerung ist immer nur so gut, wie sie dem Spiel guttut. Diesen Maßstab angelegt, ist die Novellierung der ewig umstrittenen Handregel ein Quantensprung für den Fußball in Deutschland. Statt dem Schiedsrichter die Entscheidung über Natürliches oder Widernatürliches, strafwürdige Vergrößerung der Körperfläche oder die regelkonforme Handhabung der Extremitäten zu überlassen, heißt es seit dieser Saison: Im Vorlauf eines Tores ist Hand schlicht Hand. Selbst dann, wenn es im sonstigen Spielverlauf nicht strafbewehrt wäre. Viel mehr zum Umgang mit der Hand im Fußball haben "Collinas Erben" aufbereitet.

Dass diese Klarheit dem Spiel guttut, lernte die Liga am Sonntagabend in Berlin: Nach einem Eckball stellte RB Leipzig gegen den 1. FC Union vermeintlich auf 2:0. Doch statt des Jubels stellte sich schnell, auch bei den Leipzigern, die Gewissheit ein, die der VAR verkündete: Unabsichtliches Handspiel von Yussuf Poulsen, von dessen Hand der Ball zum vermeintlichen Torschützen Lukas Klostermann rutschte - kein Tor. Statt des großen Leipziger Lamentos über die Auslegung der schwammigen Regel, folgte die schnelle Spielfortsetzung per Freistoß. Ohne Diskussionen, ohne großes Palaver. Das Spiel gewinnt.

Quelle: n-tv.de

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