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Wenn Kipp-Elemente kippen Eis schmilzt schneller als befürchtet

Das ewige Eis bröckelt: Eisschollen treiben vor dem antarktischen Festland.

Das ewige Eis bröckelt: Eisschollen treiben vor dem antarktischen Festland.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Klimawandel sendet immer deutlichere Warnsignale aus. Potsdamer Forscher befürchten, dass das westantarktische Eisschild bereits bricht und schmilzt. Das hätte eine rapide Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs zur Folge - dem auch Deiche in Deutschland nicht gewachsen wären.

Wenn vergleichsweise kleine Ereignisse das Potenzial haben, eine starke, mitunter sogar unumkehrbare Reaktion auszulösen, sprechen Klimaforscher von Kipp-Elementen. Zu ihnen zählen beispielsweise der Golfstrom, die Gletscher der Alpen oder die Tiefkühltruhen des Planeten, namentlich die gigantischen Eismassen Grönlands oder der Antarktis. Kommt eine Meeresströmung zum Erliegen oder schmelzen die Alpengletscher weiterhin so schnell ab wie bisher - aus globaler Perspektive eine eher kleine äußere Störung - kann das erhebliche Auswirkungen auf das Weltklima haben.

Weltweit gibt es etwa 15 dieser potenziell instabilen Regionen. Die Zahl schwankt, tendenziell kommen aber immer mehr Kipp-Elemente hinzu, die die Stabilität des Klimasystems auf der Erde erheblich beeinflussen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Elemente kippen, steigt mit dem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, der durch vom Menschen ausgestoßene Treibhausgase maßgeblich beschleunigt wird.

Ein Forscherteam, geleitet von Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hat nun in der Fachzeitschrift "Climatic Change" im Auftrag der EU-Organisation European Environmental Agency eine neue Einschätzung zu sechs Kipp-Elementen veröffentlicht. Die Wissenschaftler wählten die sechs Elemente aus, da deren Kippen die größten direkten Auswirkungen auf Europa hätten. Untersucht wurden der Golfstrom, das arktische Ozonloch, die Eismassen Grönlands, das arktische Meereis, das arktische Ozonloch, die Gebirgsgletscher und das Eisschild der Westantarktis.

Ausstoß von Treibhausgasen beschleunigt Abschmelzen

Besonders zu Letzterem ist die Einschätzung der Forscher besorgniserregend. Nach Aussage des an der Studie beteiligten Klimaforschers Anders Levermann können die Wissenschaftler nicht mehr ausschließen, dass das westantarktische Eisschild zum Teil bereits gekippt ist. "Man kann in der Westantarktis seit einigen Jahren einen rapiden Rückgang der Aufsetzlinie beobachten. Das ist der Punkt, an dem das Festlandeis des Eisschildes zum schwimmenden Eisschelf wird." Dies habe man durch Expeditionen vor Ort und bei der Auswertung von Satellitenbildern festgestellt. Heißt im Klartext: Das Schild bricht ab und schmilzt. 

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Könnte bald zu einem vertrauten Bild werden: Ein Eisbruch in der Antarktis.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Dabei ist das Abschmelzen der antarktischen Eismassen eigentlich ein natürlicher Vorgang, der sich im Laufe der Erdgeschichte schon mehrfach ereignet hat - nur dass er früher sehr viel langsamer vonstatten ging. Beim natürlichen Übergang von einer Eis- in eine Warmzeit steigt die globale Mitteltemperaur um fünf Grad. "Das dauerte früher 5000 Jahre. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, schaffen wir die fünf Grad jetzt in 100 Jahren", sagt Levermann. Dadurch wird auch das Abschmelzen der Eismassen um ein Vielfaches beschleunigt.

Simulationen zeigen zudem, dass das Abschmelzen des gesamten westantarktischen Festlandeises in der Vergangenheit 1000 Jahre gedauert hat. Das hatte einen Anstieg des Meeresspiegels von 35 Zentimetern pro Jahrhundert zur Folge, in 1000 Jahren also 3,5 Meter. Das klingt zunächst nicht nach besonders viel - allerdings kommen noch weitere Faktoren hinzu. "Durch die thermische Expansion - die Ausdehnung der Wassermassen in den Ozeanen durch die Erderwärmung - könnte der Meeresspiegel der Ozeane im gleichen Zeitraum um einen weiteren halben Meter ansteigen, durch das Abschmelzen des grönländischen Eises nochmal um einen halben Meter. Allein dadurch sind Sie bis zur Jahrhundertwende schon irgendwo bei einem Meter - und ab einem Meter wird es für viele Regionen kritisch", so Levermann.

Deiche können nicht beliebig erhöht werden

Laut der Studie können die meisten Deiche in Europa um nicht mehr als einen Meter erhöht werden, was wohl ganz einfach daran liegt, dass sich bei ihrer Errichtung niemand vorstellen konnte, dass das einmal notwendig sein würde. Da ein Deich sanft ansteigen und abfallen muss und man ihn nach oben hin nicht einfach immer spitzer bauen kann, müsste bei vielen Deichen ab einer bestimmten Höhe das Fundament erweitert werden, was das Aufschütten neuer Landmassen nötig machen würde.

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Riskant: Das schottische Atomkraftwerk Torness steht direkt an der Nordseeküste.

(Foto: REUTERS)

In der Studie der Klimaforscher ist ganz unaufgeregt von einer "Veränderung des Hinterlandes" die Rede - was bei den Anwohnern der betroffenen Regionen jedoch nicht auf viel Gegenliebe stoßen dürfte. In Hamburg beispielsweise, nicht gerade bekannt für seinen großflächigen Überschuss an Wohnraum, könnten die Deiche nur um maximal 80 Zentimeter erhöht werden, weiß Levermann. Gemessen an der rapide fortschreitenden Erderwärmung und dem möglicherweise bereits gekippten westantarktischen Eisschild könnte das noch in diesem Jahrhundert zu einem echten Problem werden. Was keine schönen Aussichten sind - gerade mit Blick auf eine "Veränderung des Hinterlandes" der Deiche. In weniger dicht besiedelten Gebieten ginge das noch. Schwieriger wird es allerdings, wenn sich in unmittelbarer Nähe zur Küste Gebäude, Straßen, Fabriken oder auch Atomkraftwerke befinden.

Zusätzliche Gefahren durch andere Kipp-Elemente

Weniger detailliert geht die Studie der Klimaforscher auf andere Kipp-Elemente wie die Gletscher des Himalaya, den indischen Monsun oder die sibirischen Permafrostböden ein, da ihr Kippen keine direkten Folgen für Europa hätte. Indirekte Auswirkungen seien jedoch durchaus wahrscheinlich. Was damit gemeint sein könnte, ist nicht schwer zu erraten: Wenn beispielsweise der Monsunregen in Indien infolge des Klimawandels ausbleibt, wäre auf einen Schlag die Ernährung von derzeit noch etwa 1,2 Milliarden Menschen in Gefahr. Kaum denkbar, dass ein solches Szenario für Europa ohne Folgen bliebe.

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Klimaforscher Anders Levermann.

(Foto: PIK)

Klimaforscher Anders Levermann bleibt gelassen. "Wir zeigen hier nur eine Momentaufnahme des Wissensstands", sagt er. Sie sei zwar in mancher Hinsicht schärfer als die zuvor gemachten, jedoch entwickelten sich derartige Einschätzungen ständig weiter. Eine dezente Warnung schließt er dennoch an: "Aus dem Blickwinkel der Risiko-Abschätzung muss die Wissenschaft - natürlich immer unter Hinweis auf Unsicherheiten - Betroffene und Entscheider mit Informationen über Wahrscheinlichkeiten und mögliche Wirkungen von klimatischen Übergängen unterstützen. Einfach Abwarten ist keine Alternative."

Quelle: n-tv.de

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