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Rembrandts Meisterwerk im Scan Experten wollen "Nachtwache"-Rätsel lösen

Das Gemälde "Die Nachtwache" ist ein Meisterwerk Rembrandts und eine Ikone der Niederlande. Experten wollen dem Bild nun mit Hightech einige seiner Geheimnisse entlocken - eines rankt sich etwa um ein mysteriöses Schild im Hintergrund der Szene.

"Die Nachtwache" gilt als eines der großen Meisterwerke des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn. Doch das Gemälde birgt noch immer Geheimnisse, von denen ihm einige nun entlockt werden sollen. Seit Beginn der Woche nehmen Experten das Werk aus dem Jahr 1642 im Amsterdamer Rijksmuseum mit Hightech unter die Lupe. "Operation Nachtwache" wurde das Unterfangen getauft. Nach eingehenden Untersuchungen soll das Bild schließlich umfassend restauriert werden.

Das rund 17 Quadratmeter große Gemälde wurde dafür zunächst aus dem Rahmen genommen. Drumherum entstand ein gläserner Raum, in dem die Experten auf beweglichen Podesten arbeiten werden. Das Besondere: Die Arbeiten finden vor den Augen des Publikums statt und sind auch live im Internet zu verfolgen.

Wer war Rembrandt?

Rembrandt Harmenszoon van Rijn, geboren im Jahr 1606, gilt als einer der größten Künstler aller Zeiten. Der geniale Maler verlieh dem Goldenen Zeitalter, der Blütezeit seiner Heimat, besonderen Glanz. Vor 350 Jahren, am 4. Oktober 1669, starb er in Amsterdam - völlig verarmt. Er hatte über 300 Werke geschaffen. "Die Nachtwache" ist das berühmteste.

Es gebe noch vieles zu erfahren über das Gemälde, sagte Museumsdirektor Taco Dibbits dem "Guardian". "Wir wissen wenig, wie er [Rembrandt] bei der Arbeit an der Nachtwache vorging." Er selbst etwa habe das Werk noch nie von oben gesehen, da man "nicht einfach eine Leiter davorstellen könne", so Dibbits. Dabei arbeite er bereits seit 17 Jahren in dem Museum.

In der ersten Phase des Projekts soll das Bild mit den neuesten Techniken, Scannern, Lasern und Mikroskopen untersucht werden. "In den kommenden zehn Monaten werden wir es Schicht für Schicht und Pigment für Pigment kartografieren", sagte Dibbits. Die Experten hoffen auf Erkenntnisse über den Schaffensprozess und die Farben des Bildes. Herausgefunden werden soll etwa, ob Rembrandt eine Vorzeichnung auf der Leinwand gemacht hat und welche Änderungen er vornahm. Ein Rätsel gibt auch das golden umrahmte Schild über der Szene auf - wurde es wirklich von Rembrandt gemalt oder erst nachträglich hinzugefügt?

"Nachtwache" zeigt gar keine Nacht

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Das golden umrahmte Schild über der Szene gibt Forschern Rätsel auf.

(Foto: gemeinfrei)

Anhand der Erkenntnisse wird ein Plan für die Restaurierung erstellt. Bei dieser soll das Gemälde vor allem gereinigt werden: Über die Jahrhunderte habe sich Schmutz auf dem Gemälde abgelagert, was dem Werk heute ein viel dunkleres Aussehen verleiht als zur Zeit seiner Entstehung, teilte das Museum mit. Das sei vermutlich mit ein Grund, warum das Bild erst im Nachhinein - vermutlich im 18. Jahrhundert - "Die Nachtwache" getauft wurde. Denn eigentlich trägt es den Namen "Die Kompanie von Kapitän Frans Banning Cocq und Leutnant Willem van Ruytenburgh macht sich bereit zum Ausrücken" - die Szenerie ist am helllichten Tage angesiedelt.

An anderen Stellen seien Farben verwischt und das Bild von einer weißlichen Schicht bedeckt, teilte das Museum mit. Bei den Untersuchungen soll auch herausgefunden werden, welches die beste Methode ist, um mehrere Schichten von Firnis - ein Schutzanstrich - zu entfernen.

Die "Operation Nachtwache" wird mindestens ein Jahr dauern. Die Kosten werden auf rund drei Millionen Euro veranschlagt. Zuletzt war die "Nachtwache" 1976 restauriert worden, nachdem ein psychisch kranker Mann sie im September 1975 mit Messerstichen beschädigt hatte. Bereits zuvor war das Werk zum Ziel geworden: Im Januar 1911 hackte ein arbeitsloser Seemann mit einem spitzen Schustermesser darauf ein.

Säureattentat unbeschadet überstanden?

Eine weitere Attacke gab es im April 1990, als ein Mann Schwefelsäure auf das monumentale Gemälde spritzte. Ein Museumswärter eilte hinzu und schüttete demineralisiertes Wasser auf die Stelle, das die Säure neutralisierte. Bei den jetzigen Untersuchungen soll auch ermittelt werden, ob es tatsächlich bis heute keine Schäden durch die Säure gibt.

Die "Nachtwache" hat aber auch ganz andere Dinge erlebt. Als das Gemälde 1715 ins neuerbaute Rathaus, den heutigen königlichen Palast von Amsterdam, umziehen musste, standen die Stadtherren vor einem Problem. Das Bild war damals etwa vier mal fünf Meter groß und damit viel zu groß für die vorgesehene Wand zwischen zwei Türen im neuen Rathaus. Kurzerhand griff man zum Messer und schnitt an drei Seiten einen Streifen ab. Nur anhand früherer Kopien weiß man, wie das Original einmal aussah und was heute fehlt.

Rembrandts Meisterwerk hat über seinen künstlerischen und kunsthistorischen Wert hinaus auch eine symbolische Bedeutung: Es ist der Schatz der Niederlande. Für die großen holländischen Meister wie Rembrandt entwarf der Architekt Pierre Cuypers Ende des 19. Jahrhunderts eine "Kathedrale": das Amsterdamer Rijksmuseum (Reichsmuseum). Der Ort und die besondere Bedeutung des Gemäldes machten es aber auch schon immer attraktiv für Menschen, die mit einem Anschlag ein "Zeichen" setzen wollen, denn es ist wie ein Anschlag auf ein Heiligtum.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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