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Nebeneffekt der Corona-Maßnahmen Fällt die Grippewelle diesmal flach?

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Die Corona-Maßnahmen könnten dazu führen, dass in diesem Winter keine Grippewelle durch Deutschland rollt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit dem Herbst beginnt normalerweise die Grippesaison. Doch ein Blick zurück ins Frühjahr und die Erfahrungen der vergangenen Monate auf der Südhalbkugel zeigen, dass sie dank der Corona-Maßnahmen in diesem Jahr ausfallen könnte.

Die saisonale Grippe gilt zwar als nicht so gefährlich wie Covid-19, aber auch diese Krankheit fordert weltweit jedes Jahr viele Tausend Todesopfer. Im Herbst und Winter 2017/18 traf es Deutschland besonders hart, das RKI registrierte fast 1700 Todesfälle in Deutschland. Dem Institut zufolge wird eine Influenzaerkrankung aber oft nicht als Todesursache in den Totenschein eingetragen; es schätzt die tatsächliche Zahl der Opfer auf 25.100.

Die vergangene Saison verlief ähnlich "normal" wie die vorangegangene mit etwa 950 bestätigten Grippetoten, doch sie endete abrupt mindestens zwei Wochen früher als üblich. Und in den kommenden kalten Monaten könnte sie sogar komplett ausfallen. Verantwortlich dafür sind die Corona-Maßnahmen, die sich auch gegen andere Atemwegserkrankungen als äußerst effektiv erweisen.

In seiner vorläufigen Analyse der vergangenen Grippewelle kommt das RKI zu dem Ergebnis, dass sie in der zweiten Kalenderwoche 2020 startete und in der zwölften Mitte März endete. Mit einer Dauer von 11 Wochen sei sie deutlich kürzer ausgefallen als in den vorausgegangenen fünf Saisons, in denen die Grippewelle 13 bis 15 Wochen angedauert habe. Dabei muss man zwischen Grippesaison, die üblicherweise von Anfang Oktober bis Mitte Mai dauert, und einer Grippewelle unterscheiden, in der sich die Influenza-Fälle häufen.

Das RKI betrachtet es als sehr wahrscheinlich, dass die Corona-Maßnahmen, die am 9. März mit der Absage von Großveranstaltungen in der elften Kalenderwoche begannen, dazu "erheblich beigetragen" haben. Instituts-Chef Lothar Wieler sagte in einer MDR-Talkshow sogar: "Wir haben die Grippe durch die Maßnahmen beendet." Ein Blick auf die andere Hälfte der Erdkugel nach Argentinien, Australien oder Südafrika bestätigt diese These. Denn dort ist der Winter zu Ende und eine Grippewelle sollte gerade auslaufen. Es hat aber überhaupt keine gegeben.

Südhalbkugel hatte "grippefrei"

Wie die FluNet-Charts der WHO zeigen, begann sich in einigen Ländern im März zwar eine Grippewelle aufzubauen, flachte aber bereits Ende des Monats wieder ab. In anderen Staaten hat sich sogar so gut wie gar nichts getan. Die Folgen sind dramatisch. Am 17. August berichtete "News.com.au", seit Mai habe es in Australien keinen einzigen Influenza-Todesfall im Land gegeben.

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Am Beispiel Südafrikas sieht man, wie abrupt die beginnende Grippewelle auf der Südhalbkugel in sich zusammenbrach.

(Foto: WHO)

Ähnlich sieht es in Neuseeland aus. "Es ist erstaunlich, es ist einfach nichts da. Keine Influenza", zitiert "The Guardian" Michael Baker, Professor für das Gesundheitswesen an der University of Otago in Wellington. Seine südafrikanische Kollegin Cheryl Cohen vom National Institute of Communicable Diseases (NICD) sagte "CBS News" vor wenigen Tagen, was passiert ist, sei völlig beispiellos. "Wir sahen, dass wir in diesem Jahr in Südafrika einfach keine Grippesaison hatten." Und auch die WHO kommt in ihrem Influenza-Update vom 14. September zu der Einschätzung: "In der südlichen Hemisphäre ist die Grippesaison nicht gestartet."

Wie viele Menschenleben die Corona-Maßnahmen über die Unterdrückung der Grippewelle gerettet haben, lässt sich an den durchschnittlichen Todeszahlen pro 100.000 Einwohner der vorangegangenen fünf Grippesaisons abschätzen. "The Economist" hat sie für einige Länder der Südhalbkugel zusammengestellt. In Argentinien waren es rund 16, in Chile 12 und in Südafrika sogar 25 Menschen pro 100.000. Neuseeland, Australien und Paraguay kamen mit Raten zwischen 0,5 und 6,5 Toten glimpflicher davon. Wahrscheinlich gilt aber auch in diesen Ländern wie in Deutschland, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich höher sind.

Offene Schulen ein Problem

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Offene Schulen könnten im Vergleich zum Frühjahr den Unterschied ausmachen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Erfahrungen aus dem Frühjahr und die der vergangenen Monate in der südlichen Hemisphäre sprechen dafür, dass sich der Effekt auf der nördlichen Halbkugel jetzt wiederholt. "Sie werden eine Grippesaison haben", sagt Michael Baker, "aber ich erwarte, dass sie wesentlich weniger stark ausfällt".

Ganz vergleichbar mit März und April ist die aktuelle Situation in Deutschland allerdings nicht, vor allem sind die Maßnahmen nicht mehr so streng. Einen großen Unterschied könnten die geöffneten Schulen machen. Denn das RKI schrieb im April: "Da Kinder für die Verbreitung der jährlichen Grippe eine wesentliche Rolle spielen, sind hier insbesondere die Schulschließungen ab der zwölften Kalenderwoche 2020 zu nennen."

Es könnte auch anders kommen

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Virologe Christian Drosten versteht daher, dass es Überlegungen gibt, auch Kinder gegen die Grippe zu impfen. Es gehe auch hier wieder vor allem darum, die älteren Menschen zu schützen, sagte er am Wochenende im Podcast "Übergabe". Die Maßnahmen hätten zwar alle durch die Luft übertragenen Viren stark zurückgedrängt und auf der Südhalbkugel sei die Influenza im Prinzip ausgefallen. Doch ob die Grippewelle diesmal ausfällt, sei nicht gewiss. "Das ist natürlich eine Spekulation, die will keiner verantworten, wenn es am Ende doch nicht so kommt."

Falls die Grippewelle diesmal flachfällt, könnte dies auch von Nachteil für die kommenden Jahre sein. Denn weil sich quasi niemand ansteckt, entwickeln sich auch keine Immunitäten. Daher ist es theoretisch möglich, dass sich Influenza-Viren oder andere Krankheiten künftig schneller verbreiten, wenn es keine Corona-Maßnahmen mehr gibt. Dies sei nachvollziehbar, aber es gäbe dazu keine Daten, "weil so etwas eben noch nie passiert ist", sagt Drosten. "Vom Gefühl her würde ich sagen, ich erwarte keine sehr starken Effekte, aber wer weiß."

Quelle: ntv.de