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Gen-Studie mit Überraschungen Herkunft der Wikinger Skandinaviens geklärt

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Die DNA eines weiblichen Skeletts, genannt Kata, das an einer Wikingergrabstätte in Varnhem (Schweden) gefunden wurde, wurde als Teil der Studie sequenziert.

(Foto: Västergötlands Museum/dpa)

Eher braunhaarig als blond: Anhand genetischer Analysen ergründen Forscher zum ersten Mal die Wikinger-Zeit in Skandinavien. Die Studie zeigt ein überraschendes Bild, auch was das Aussehen der Wikinger betrifft.

Blonde Hünen, die im Mittelalter auf ihren Raubzügen entlang von Küsten und Flüssen Angst und Schrecken verbreiteten - das ist das Klischee von den Wikingern. Eine große Gen-Studie liefert nun ein wesentlich differenzierteres Bild der Bevölkerung Skandinaviens während jener Zeit zwischen den Jahren 750 und 1050. Sie zeigt, dass sich verschiedene Gruppen je nach skandinavischer Herkunftsregion stark voneinander unterschieden und auch außerhalb Skandinaviens völlig verschiedene Einflussbereiche hatten. Das internationale Team berichtet im Fachblatt "Nature" auch, wie viel Wikinger-Erbgut in heutigen Skandinaviern und Menschen benachbarter Länder steckt.

"Die Ereignisse des Wikinger-Zeitalters haben die politische, kulturelle und demografische Landkarte Europas auf eine Weise verändert, die bis zum heutigen Tag sichtbar ist", schreibt das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. So hätten sie Technologien, Sprache und kulturelle Praktiken in Teilen Europas und bis nach Asien verbreitet. Daneben gilt Leif Eriksson als erster Europäer, der Amerika betrat - 500 Jahre vor Christoph Kolumbus. Und Knut der Große regierte im frühen 11. Jahrhundert ein Reich, das von Südschweden über Norwegen und Dänemark bis nach England reichte.

Wikinger - skandinavische Bezeichnung für "Pirat"

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Künstlerische Rekonstruktion "südeuropäischer" Wikinger, die den fremden Genfluss in das wikingerzeitliche Skandinavien betont.

(Foto: Jim Lyngvild/dpa)

Berüchtigt sind die Wikinger für ihre Raubzüge, bei denen sie etwa hierzulande Ende des 9. Jahrhunderts wiederholt über Rhein und Mosel bis weit ins Rheinland vorstießen. Auch andere Flüsse Ost- und Westeuropas boten Einfallsrouten für die versierten Seefahrer, die auch im Mittelmeer und im Schwarzen Meer unterwegs waren. Das Wort "Wikinger" geht auf die skandinavische Bezeichnung für "Pirat" zurück.

Um die Identität der Wikinger zu klären, sequenzierten die Forscher nun Genome von 442 menschlichen Überresten mit Wikinger-Bezug, die nicht nur aus Skandinavien stammen, sondern aus einem Gebiet, das von Grönland bis nach Polen und Russland reicht. Die Resultate glichen sie mit bereits zugänglichen Erbgut-Daten von gut 1100 Menschen aus der Vergangenheit und mehr als 3800 aus der Gegenwart ab.

Überraschend uneinheitliches Bild

Die Resultate ergeben ein überraschend uneinheitliches Bild - sowohl für Gruppen in Skandinavien als auch für ihre jeweiligen Einflusssphären. Grundsätzlich unterscheidet das Team drei Gruppen bezüglich ihrer groben geografischen Herkunft: Schweden-ähnlich, Norwegen-ähnlich und Dänen-ähnlich. Die Grenzen dazwischen verliefen jedoch entlang natürlicher Barrieren und nicht entlang der heutigen Staatsgrenzen. So ähnelten etwa die Menschen im Südwesten des heutigen Schweden eher den dänischen Wikingern.

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Ein Massengrab von etwa 50 kopflosen Wikingern aus einer Stätte in Dorset, Großbritannien. Einige dieser Überreste wurden für DNA-Analysen verwendet.

(Foto: Dorset County Council/Oxford Archaeology/dpa)

Die Schweden-ähnliche Gruppe - insbesondere auf der ostschwedischen Insel Gotland - weist demnach starke verwandtschaftliche Beziehungen zu Osteuropäern auf. Dies spiegelt auch die Handelsbeziehungen seit der Bronzezeit im Ostseeraum wider. Der Einfluss der norwegischen Gruppe dagegen reicht nach Irland, Island und Grönland, während die dänische Gruppe sich eher nach England hin orientierte.

Allerdings veränderte sich die genetische Landschaft Skandinaviens mit der Zeit: "Wir haben herausgefunden, dass der Genfluss innerhalb Skandinaviens grob von Süden nach Norden verläuft und von Bewegungen aus Dänemark nach Norwegen und Schweden dominiert wurde", schreibt das Team. Zudem kamen schon mindestens seit der Eisenzeit, die um 500 vor Christus begann, Menschen aus dem südlichen Europa und Asien nach Skandinavien. Die Inseln Gotland und Öland waren schon zur Römerzeit wichtige Handelsorte.

Wie sahen Wikinger genetisch aus?

"Bisher wussten wir nicht, wie die Wikinger genetisch aussahen", wird Willerslev in einer Mitteilung zitiert. "Wir fanden genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Wikinger-Populationen in Skandinavien, was zeigt, dass die Gruppen der Region viel stärker voneinander isoliert waren als bisher bekannt." Viele Wikinger seien eher braunhaarig als blond gewesen, was auf Einflüsse von außerhalb Skandinaviens zurückgehe.

Besonders interessant ist die Analyse der frühesten bekannten Wikinger-Expedition Mitte des 8. Jahrhunderts - fast ein halbes Jahrhundert vor dem ersten schriftlich überlieferten Zeugnis eines Wikinger-Raubzugs im Jahr 793 im englischen Lindisfarne. Vor der Küste des heutigen Estland wurden bei dem Ort Salme 41 Männer aus Schweden, die gewaltsam zu Tode kamen, mit Waffen in zwei Schiffen bestattet. Die Analyse von 34 von ihnen zeigt, dass in einem Schiff vier Brüder bestattet wurden sowie ein Verwandter dritten Grades. Auch die anderen Männer kamen vermutlich aus der gleichen Gegend, glauben die Forscher aufgrund der genetischen Ähnlichkeiten. Solche Expeditionen hätten sich gewöhnlich aus Männern einer Lokalität zusammengesetzt, folgert das Team.

Wikinger nicht zwangsläufig skandinavischer Abstammung

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Die Analyse eines Grabes aus dem schottischen Orkney zeigt zudem, dass Wikinger nicht zwangsläufig skandinavischer Abstammung waren. Die beiden dort bestatteten toten Männer ähneln genetisch heutigen Iren und Schotten, wurden jedoch nach Wikinger-Art mit Schwertern und anderem Zubehör beigesetzt.

Die heutigen Menschen in Skandinavien ähneln der Studie zufolge noch immer stark den damaligen Bewohnern der Region. Ausnahme ist Schweden, wo nur noch etwa 15 bis 30 Prozent des Erbguts auf die damalige Bevölkerung zurückgehen. In Polen stellen skandinavische Einflüsse heutzutage bis zu fünf Prozent der Erbguts, in England maximal sechs Prozent.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa