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Fallzahlen steigen wieder an Ist das schon die zweite Welle?

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Lebensmittel für unter Quarantäne stehende Bewohner eines Ortes im Kreis Gütersloh.

(Foto: dpa)

In mehreren Ländern nimmt die Corona-Pandemie an Fahrt auf, obwohl ihr Höhepunkt bereits überwunden schien. Auch in Deutschland zieht mit immer neuen Hotspots wie in Gütersloh die Zahl der Corona-Neuinfektionen wieder an. Ist das der Beginn einer zweiten Welle?

Noch vor etwas mehr als einer Woche schien die Welt in Deutschland ganz in Ordnung: Die Corona-Pandemie war auf einem Tiefpunkt angelangt. Der 7-Tage-Schnitt der Neuinfektionen sank und sank, auf fast 300 Mitte Juni. Doch anstatt weiter zu sinken, drehte die Kurve plötzlich wieder nach oben. Zuletzt stieg der Durchschnittswert auf fast 600 neue Corona-Fälle innerhalb von sieben Tagen. Und die Warnungen vor einer zweiten Welle werden lauter.

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Die Sorge scheint nicht unberechtigt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete Anfang der Woche einen Rekordanstieg bei den weltweiten Corona-Fällen. Die Gesamtzahl der Neuinfektionen stieg innerhalb eines Tages um mehr als 183.000. Auch in Ländern, in denen Maßnahmen zuvor bereits Erfolge gezeigt hatten, zeigte sich wieder eine Zunahme, etwa in den USA. Dort stieg der Zahl der Neuinfektionen pro Tag zuletzt auf mehr als 35.000. Das sind 40 Prozent mehr als noch vor zwei Wochen. Die "New York Times" meldet mittlerweile in mehr als der Hälfte der 50 US-Bundesstaaten steigende Fallzahlen - diesmal vor allem im Süden und Westen des Landes.

In Großbritannien warnen Gesundheitsexperten ebenfalls vor einer zweiten Corona-Infektionswelle. Israel hat wegen einer gestiegenen Zahl von Infektionen zuletzt wieder mehrere Orte zur Sperrzone erklärt. Auch in Südkorea ist bereits von einer zweiten Welle die Rede. Zuletzt gab es innerhalb von 24 Stunden landesweit erneut 46 neue Corona-Fälle. Das hört sich zunächst nicht beunruhigend an. Aber Seouls Bürgermeister Park Won Soon warnte: Wenn sich der aktuelle Trend fortsetze, könne die Zahl der täglichen Neuinfektionen in einem Monat bei "rund 800 pro Tag" liegen.

Im Iran gibt es ebenfalls Anzeichen für eine zweite Welle. Dort sind zuletzt innerhalb von 24 Stunden so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie seit zwei Monaten nicht mehr. Das Land war zu Beginn der Pandemie mit am schwersten betroffen. Später ging die Zahl der Ansteckungen den offiziellen Angaben zufolge vorübergehend zurück, stieg zuletzt aber wieder stetig an. Die Regierung in Teheran führt dies allerdings auf verstärktes Testen zurück.

Deutscher R-Wert schnellt in die Höhe

Auch in Deutschland geht die Sorge vor einem erneuten Aufflammen der Pandemie um. Denn auch hierzulande steigt die Zahl der Neuinfektionen pro Tag. Dazu notiert die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, die über die Dynamik des Ausbruchsgeschehens Auskunft gibt, seit Anfang der Woche wieder zwischen 2 und 3. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Erst ab einem Wert unter 1 - wo die Reproduktionszahl in den vergangenen Wochen meist stand, läuft die Pandemie aus.

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Doch das Robert-Koch-Institut (RKI) betonte zuletzt, dass vor allem lokale Ausbrüche die Kennzahlen nach oben treiben würden. Dabei handelt es sich aktuell um Infektionsgeschehen in den vier Stadt- und Landkreisen Gütersloh, Warendorf, Magdeburg und Berlin-Neukölln. Im Kreis Gütersloh etwa ist die Anzahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage auf 270,2 gestiegen. Gleichzeitig wurden in 137 Landkreisen in Deutschland in den vergangenen sieben Tage keine Fälle übermittelt - damit liegt in mehr als einem Drittel der 401 Land- und Stadtkreise Deutschlands das Infektionsgeschehen bei null.

Nach einer großflächigen Ausbreitung des Virus wie noch im April sieht es derzeit also nicht aus in Deutschland - aber dies könnte sich auch wieder ändern, warnte der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast. Denn lokale Ausbrüche wie die in Gütersloh, Göttingen oder Berlin-Neukölln könnten eine zweite Welle anstoßen. Drosten befürchtet etwa eine unbemerkte Ausbreitung des Coronavirus in die Bevölkerung. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnte vor der Gefahr durch regionale Corona-Hotspots. "Wenn man es diesem Virus zu leicht macht, dann breitet es sich auch ganz schnell wieder aus", sagte Spahn in der ARD.

"Das liegt echt in unserer Hand"

Die Verbreitung über die derzeit betroffenen Gegenden hinaus zu verhindern, sei daher jetzt das Entscheidende, sagte Charité-Wissenschaftler Drosten. Generell gebe es aktuell in mehreren Orten eindeutige Anzeichen, dass Sars-CoV-2 wiederkomme. Schon jetzt ist aus Sicht des Virologen große Vorsicht geboten, dass sich keine zweite Welle entwickelt. Er sei zudem "nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben". RKI-Chef Lothar Wieler hingegen zeigte sich zuletzt zuversichtlich, dass eine zweite Welle in Deutschland mit den bereits erprobten Werkzeugen verhindert werden kann. "Das liegt echt in unserer Hand", sagte Wieler auf einer Pressekonferenz des RKI.

Und wenn sie dennoch kommt, die zweite Welle? Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) zumindest zeigen sich die Ärzte vorbereitet für diesen Fall. "Die Behandlung ist für uns jetzt Routine, deswegen sehen wir einer zweiten Welle sehr entspannt entgegen", sagte Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin, gegenüber der "Zeit". Die Abläufe auf der Intensivstation seien geübt. "Wenn wir beim Testen hier drinnen und draußen in der Stadt nicht nachlassen, dann sind wir gut vorbereitet", so Kluge.

Quelle: ntv.de, mit dpa, AFP, rts