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Domoinsäure zerstört Gedächtnis Kieselalgen vergiften Seelöwen

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US-Forscher fanden heraus: Ein Algengift lässt Seelöwen stranden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Rätsel um die Strandungen hunderter Seelöwen an der Küste Kaliforniens ist gelöst. Das Gift einer Alge führt zu Krämpfen oder Orientierungslosigkeit bei den Tieren - und zu bleibenden Schäden im Gehirn. Auch Menschen können sich damit vergiften.

Ein von Kieselalgen produziertes Nervengift lässt jedes Jahr Hunderte Seelöwen an der Küste von Kalifornien stranden. Die sogenannte Domoinsäure schadet nicht nur dem räumlichen Gedächtnis der Robben, sondern dem Erinnerungsvermögen insgesamt, wie US-Forscher im Fachblatt "Science" berichten. Mit Sorge beobachten die Biologen, dass die Algenblüte seit Jahren räumlich wie zeitlich zunimmt. Das Gift könne auch anderen Meeresbewohner schaden, mahnen die Autoren.

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In Kalifornien gestrandete tote Seelöwen werden im Marine Mammal Center in Sausolito obduziert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jedes Jahr stranden Hunderte Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus) an der Küste des US-Staates. Die Tiere sind desorientiert oder haben epileptische Anfälle und werden in Auffangstationen gepflegt. Als Ursache hatten Forscher bereits die Domoinsäure ermittelt. In der Regel sind die Vergiftungen reversibel und die Tiere erholen sich wieder.

Blüte mit riesigen Ausmaßen

Das Nervengift wird von Kieselalgen der Art Pseudo-nitzschia produziert. Die Algen blühen gewöhnlich im Frühjahr und im Herbst. Die Dauer und Ausdehnung nehmen jedoch seit Jahren zu – vermutlich wegen steigender Nährstoffkonzentrationen in Küstennähe. 2015 hielt die Blüte auch im Sommer an und reichte von Santa Barbara in Südkalifornien bis nach Alaska – dieses Ausmaß ist nach Angaben der Universität bislang beispiellos.

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Nicht nur Seelöwen, sondern auch tausende Krabben sind an kalifornischen Stränden verendet. (Bild von Juni 2015)

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Gift wird im Wasser von Schalentieren und kleinen Fischen aufgenommen und kann sich so in Seelöwen und anderen Meeresbewohnern wie Seevögeln oder Walen anreichern. Auch Menschen können sich durch den Verzehr etwa von Muscheln Vergiftungen zuziehen. Die Forscher um Peter Cook von der University of California in Santa Cruz untersuchten nun 30 gestrandete Seelöwen, die in einem Aquarium gepflegt wurden.

Störungen des Gedächtnisses nachgewiesen

Sie testeten das Verhalten der Tiere etwa in einem Labyrinth und untersuchten zudem die Gehirne per funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) – insbesondere das Areal des Hippocampus, das maßgeblich am Gedächtnis beteiligt ist. "Wir konnten das Ausmaß der Schäden am Hippocampus mit bestimmten Verhaltensbeeinträchtigungen verbinden, die für das Überleben der Tiere in der Wildnis wichtig sind", wird Cook in einer Mitteilung der University of California zitiert.

Zudem zeigte die Untersuchung, dass bei den Tieren nicht nur der Hippocampus geschädigt war, sondern auch dessen Verbindungen zu anderen Hirnregionen wie etwa dem Thalamus. "Das ist der erste Beleg für Veränderungen im Hirnnetzwerk von Seelöwen und deutet darauf hin, dass diese Tiere an einer breiten Störung des Gedächtnisses leiden und nicht nur an Defiziten der räumlichen Orientierung", sagt Cook.

"Bisher wussten wir nicht genau, warum die Algen das Stranden verursachen", sagt sein Kollege Charan Ranganath. "Aber Seelöwen jagen dynamisch und wenn so ein Tier nicht mehr weiß, wo es ist, hat es ein Riesenproblem." Dies kann auch die Beobachtung erklären, dass Seelöwen oft weit jenseits ihres eigentlichen Lebensraums auftreten – etwa auf offenem Meer oder in Binnengewässern.

Bei gestrandeten Seelöwen könne man nun anhand von Hippocampus-Messungen vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Tiere später in der Wildnis überleben könnten, schreiben die Forscher. Das gelte vermutlich auch für andere durch das Gift beeinflusste Gruppen wie Seevögel oder Wale.

Quelle: ntv.de, jaz/dpa