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Schlafentzug im Labor Müde Menschen nehmen eher Ratschläge an

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Frauen geben ihren Männern gern mal ein paar Ratschläge.

Ratschläge sind auch Schläge, heißt es. Die eigentlich gut gemeinten Tipps kommen allerdings nicht immer gut an. Müde Personen dagegen sind dankbar dafür, egal ob sie von einer vermeintlich kompetenten Person stammen oder nicht.

Wichtige Verhandlungen, ob im politischen oder im Wirtschaftsbereich, dauern oftmals Stunden und enden tief in der Nacht. Wichtige Entscheidungen werden dann im Zustand von akutem Schlafmangel getroffen. Aus diesem Grund werden oftmals Berater herangezogen. Wissenschaftler der Universität Gießen wollten wissen, wie sich Schlafentzug auf die Bereitschaft, Ratschläge anzunehmen, auswirkt.

Für die Untersuchung wurden zwei Gruppen mit insgesamt 96 Versuchspersonen gebildet. Die Probanden der ersten Gruppe mussten abends im Labor erscheinen und dort unter Aufsicht die ganze Nacht wachbleiben. Die Versuchsteilnehmer der zweiten Gruppe hingegen sollten am Morgen im Labor erscheinen, nachdem sie ganz normal geschlafen hatten. Sowohl Schlafdauer als auch Schlafqualität wurden mit einem Gerät überwacht.

Alle Probanden hatten nun die Aufgabe am Computer Aufgaben zu lösen: Sie sollten die Entfernung zwischen verschiedenen europäischen Hauptstädten schätzen. Nach der ersten Schätzung wurde ihnen jeweils der Ratschlag eines vermeintlichen Beraters am Computer angeboten. Insgesamt standen zwei Berater zur Verfügung, die abwechselnd Ratschläge erteilten. Den Probanden wurde erklärt, dass diese Berater in früheren Untersuchungen Versuchspersonen gewesen seien, wovon einer der beiden bei den Aufgaben sehr gut, der andere dagegen im Mittelfeld abgeschnitten habe. Die Probanden der aktuellen Studie hatten nach dieser Information die Möglichkeit, ihre Schätzung zu revidieren und eine neue Angabe zu machen.

Kompetente Ratgeber bevorzugt

Die Forscher fanden so heraus, dass die Probanden, die nicht geschlafen hatten, die Ratschläge stärker nutzten als die Probanden aus der anderen Gruppe. Bei den zweiten Schätzungen bewegten sich die Versuchspersonen mit Schlafentzug deutlicher auf die Schätzung des Ratgebers zu, als dies die ausgeruhten Personen taten. Wie zu erwarten war, wurde insgesamt der Rat des als kompetent dargestellten Beraters stärker berücksichtigt als der Rat des vermeintlich weniger kompetenten. Außerdem zeigte sich, dass Personen der Schlafmangelgruppe den Rat des weniger kompetenten Beraters stärker folgten als Personen der ausgeruhten Kontrollgruppe.

Auf die Schätzergebnisse bezogen, schnitten die Probanden mit Schlafentzug bei ihrer ersten Schätzung, also ohne die Hilfe der Beratenden, etwas schlechter ab als die Probanden aus der Kontrollgruppe. Bei der zweiten, revidierten Einschätzung allerdings zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen, wenn die Personen mit Schlafmangel den Rat des kompetenten Beraters gefolgt sind.

"Menschen, die Schlafmangel ausgesetzt sind, sind sich dieser Tatsache meist bewusst und schätzen ihre verminderten kognitiven Kapazitäten auch adäquat ein", erklärt Jan Häusser, Professor für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig Universität Gießen. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Nutzung guter Ratschläge helfen kann, derartige Defizite zu kompensieren. Unausgeschlafene Menschen sollten sich ihre Ratgeber allerdings gut aussuchen: inkompetente Ratgeber oder solche, die eine starke eigene Agenda verfolgen, könnten bei müden Menschen einen stärkeren Einfluss auf die Urteilsbildung bekommen", warnt der Experte.

Quelle: n-tv.de, jaz

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