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Ein: Halsbandsittich an einer Baumhöhle im verschneiten Luisenpark in Mannheim. Ursprünglich kommen die Vögel aus Afrika, südlich der Sahara und Asien, beginnend mit Pakistan und Indien, vor.
Ein: Halsbandsittich an einer Baumhöhle im verschneiten Luisenpark in Mannheim. Ursprünglich kommen die Vögel aus Afrika, südlich der Sahara und Asien, beginnend mit Pakistan und Indien, vor.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 29. August 2015

Potenziell invasiv: Papageien erobern Europas Städte

Überkopf und seitwärts - wie selbstverständlich hangeln sich knallgrüne Papageien durch Bäume in Brüssel oder Köln. Dass sie eigentlich in Asien und Afrika beheimatet sind, stört die Halsbandsittiche nicht. Vogelkundler sind weniger entspannt.

Diskretion ist des Sittichs Sache nicht. Wo der Halsbandsittich (Psittacula krameri) auftaucht, da ist er zu hören - da mag sein grünes Gefieder der Papageien noch so sehr verschmelzen mit dem Sommerlaub der Bäume. "Sie haben sich eben viel zu erzählen", erklärt Alain Paquet vom belgischen Naturschutzverband Natagora. Doch wo der Ornithologe ein munteres Schwätzchen vernimmt, hört der Laie vor allem eins: lautes Kreischen. Und das ertönt mittlerweile in vielen Parks der belgischen Hauptstadt Brüssel.

Halsbandsittich3 im Schlosspark Biebrich in Wiesbaden knabbern an Knospen. Die wildlebenden Papageien haben sich dem Klima angepasst und schaffen es meist gut durch den Winter.
Halsbandsittich3 im Schlosspark Biebrich in Wiesbaden knabbern an Knospen. Die wildlebenden Papageien haben sich dem Klima angepasst und schaffen es meist gut durch den Winter.(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht jeder nimmt die exotischen Vögel mit Wohlwollen zur Kenntnis. Nach Studien des Forschungsnetzwerks ParrotNet ist die belgische Population die drittgrößte in Europa, nach Großbritannien und den Niederlanden. Demnach gibt es in Brüssel inzwischen 9350 Vögel. Eine aktuelle Zählung von Natagora kommt dagegen auf etwa 7000 Tiere in Brüssel und 1000 weitere im Rest des Landes. In Deutschland fühlt sich der Sittich vor allem im Rhein-Neckar-Gebiet wohl, wo 4010 Exemplare gezählt wurden. Weitere Hochburgen sind Köln, Düsseldorf, Mainz und Wiesbaden. Das Bundesamt für Naturschutz schätzt die Gesamtzahl der wilden Halsbandsittiche in Deutschland auf etwa 8500.

12.000 eingewanderte Arten

Über Jahrhunderte sind viele sogenannte "gebietsfremde Arten" nach Europa gelangt, oft als zufällige Folge von Handel und Tourismus. Doch seit den 1970er Jahren hat sich ihre Anzahl um etwa drei Viertel erhöht, schreibt die EU-Kommission unter Verweis auf Studien. Um die 12.000 eingewanderte Tier- und Pflanzenarten gebe es mittlerweile in Europa.

Ein wildlebender Halsbandsittich (Psittacula krameri), auch Kleiner Alexandersittich genannt, in einem Park in Düsseldorf.
Ein wildlebender Halsbandsittich (Psittacula krameri), auch Kleiner Alexandersittich genannt, in einem Park in Düsseldorf.(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht 10 bis 15 Prozent davon gelten als "invasive Arten", die die heimische Tier- und Pflanzenwelt ernsthaft aus dem Gleichgewicht bringen könnten. In welche Kategorie der Halsbandsittich fällt, darüber streitet die Wissenschaft. Das Bundesamt für Naturschutz behält ihn als "potenziell invasiv" unter Beobachtung. Denn zumindest bei Nistplätzen ist Wettbewerb mit heimischen Arten nicht ausgeschlossen. Der etwa 40 Zentimeter große Halsbandsittich ist ein Höhlenbrüter, besonders gern legt er seine Eier in Baumhöhlen ab. Solchen Wohnraum bietet die belgische Hauptstadt mit ihren riesigen Parkbäumen reichlich. Doch auch Tiere wie Specht, Kleiber oder Fledermaus sind an den Unterkünften interessiert. Durch die vergleichsweise frühe Brutzeit des Halsbandsittichs kommen sich die Konkurrenten allerdings vermutlich nicht ernstlich ins Gehege.

Die Brüsseler Stadtverwaltung behält die Situation aber im Auge. "Niemals, niemals exotische Tiere (in die Umwelt) einbringen!", rät Paquet. Doch beim Halsbandsittich lässt sich die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Das Problem begann dem Vogelkundler zufolge 1974 mit der Freilassung von etwa 40 Exemplaren aus einem Vergnügungspark. Auch der dem Halsbandsittich ähnliche Alexandersittich (Psittacula eupatria) und der kleinere Mönchssittich (Myiopsitta monachus) gelangten offenbar aus Gefangenschaft in Brüsseler Parks. Dort werden sie wohl vorerst bleiben. "Einige Leute hängen sehr an den Sittichen", sagt Corentin Rousseau vom Königlich-Belgischen Vogelschutzverband (LRBPO). "Es gäbe einen Aufschrei, wenn die Verwaltung versuchen würde, sie zu beseitigen." Eine grüne Invasion ist vorerst aber nicht zu fürchten, jedenfalls nicht im Norden.

Gefürchteter Landwirtschaftsschädling

"Viele Populationen in Europa wachsen exponentiell", sagt Diederik Strubbe von der Universität Antwerpen. "Aber ihre räumliche Verbreitung ist in der Tat ziemlich langsam." Denn Sittiche seien gesellige Tiere. "Die Population wächst, bis die Kapazität eines Gebietes völlig erschöpft ist. Erst dann zieht eine Gruppe in ein neues Gebiet." Hinzu kommt: Der Vogel mag's gerne städtisch. Die höheren Temperaturen und das reichhaltige Nahrungsangebot erleichtern ihm das Überleben im kühlen mitteleuropäischen Winter.

Also am Ende viel Lärm um ein paar harmlose Vögel? Nicht ganz, meint Strubbe. Denn im heimatlichen Indien oder auch im klimatisch behaglicheren Israel ist der Halsbandsittich ein teils verhasster Landwirtschaftsschädling. Im nördlichen Westeuropa hält er sich zwar an die Städte. "Aber in Südeuropa, wo es viel wärmer ist, können sie sich auch außerhalb städtischer Gegenden ausbreiten", warnt Strubbe. Besonders auf Sonnenblumen hätten es die Tiere abgesehen, aus einigen spanischen Regionen gebe es bereits Berichte über erhebliche Schäden. Auch auf Obstplantagen fühlten sich Halsbandsittiche wohl. "Sittiche haben die Gewohnheit, von beinahe jeder Frucht nur einen Happen zu nehmen", sagt Strubbe. "Das macht den Verkauf schwierig." Auch Maisfelder könnten zum Ziel werden. Beim Forschungsnetzwerk ParrotNet heißt es: "Die klimabedingte Ausbreitung der Sittich-Populationen in Europa wird zunehmenden Druck auf die Wirtschaft ausüben." Noch halte sich der Schaden in Europa aber in Grenzen, meint Strubbe.

Quelle: n-tv.de

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