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Gedanken bewusst laufen lassen Tagträumen stärkt Vernetzungen im Hirn

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Beim Tagträumen beschäftigt sich das Gehirn quasi mit sich selbst.

(Foto: imago/Westend61)

Wer öfter Löcher in die Wand starrt, wird schnell als Tagträumer abgestempelt, der nicht ganz bei der Sache ist. Dabei stärkt die Fähigkeit der gedanklichen Innenschau bestimmte Bereiche im Gehirn - wenn das Tagträumen gesteuert werden kann.

Die meisten Menschen kennen den Zustand, wenn man mit den Gedanken abschweift und nicht mehr ganz bei der Sache ist. Das sogenannte Tagträumen, das üblicherweise als Konzentrationsaussetzer oder als unerwünschtes Wegdriften eingeordnet wird, ist aber viel mehr als ein Fehler im System. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität in York in England herausgefunden.

Sie unterscheiden in ihrer Untersuchung zunächst zwischen dem ungewollten, spontanen Abschweifen der Gedanken und der bewussten Entscheidung, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Auf dieser Basis befragte das Forscherteam Probanden nach ihrem Verhalten. Die Studienteilnehmer sollten selbst einschätzen, wie stark Aussagen wie "Es passiert mir häufig, dass meine Gedanken spontan abdriften" oder "Ich erlaube mir, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen" zutreffen. Anschließend sahen sich die Forscher die Hirnstrukturen der Probanden mit Magnetresonanztomographie an.

Kontrollsysteme springen an

Die Ergebnisse ließen einen klaren Zusammenhang zwischen Tagträumereien und bestimmten Hirnstrukturen erkennen. "Wir haben herausgefunden, dass bei Menschen, die häufig gewollt mit ihren Gedanken abschweifen, der Cortex in bestimmten präfrontalen Regionen, also im Stirnbereich des Gehirns, dicker ausgebildet ist", erklärt Johannes Golchert vom Max-Planck-Institut. Zudem überlappen zwei entscheidende Hirnnetzwerke, das sogenannte Default-Mode-Netzwerk und das sogenannte fronto-parietale-Kontrollnetzwerk, stärker als sonst. Ersteres ist besonders aktiv, wenn die Aufmerksamkeit nach innen, also auf Informationen aus dem Gedächtnis gerichtet wird. Das fronto-parietale-Kontrollnetzwerk ist als Teil des kognitiven Kontrollsystems dafür zuständig, den Fokus zu stabilisieren. So werden beispielsweise irrelevante Reize gehemmt.

Die ausgeprägtere Vernetzung zwischen den beiden Systemen könnte dazu beitragen, dass die Gedanken, die beim Tagträumen entstehen, eine stabilere Richtung bekommen. Zudem sind die Ergebnisse ein Beleg dafür, dass die geistige Kontrolle bei bewussten Tagträumen nicht aussetzt. "Tagträume sollten also nicht nur als etwas Störendes betrachtet werden", betont Golchert. "Kann man sie gut kontrollieren, sie also unterdrücken, wenn es wichtig ist, und ihnen freien Lauf lassen, wenn es möglich ist, kann man den größtmöglichen Nutzen aus ihnen ziehen", resümiert der Psychologe.

Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachmagazin "NeuroImage".

Quelle: n-tv.de, jaz

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