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Bei stark verwesten Leichen Todeszeitpunkt durch Mikroben bestimmbar

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Vor allem bei Leichen, die schon lange liegen, kann mit dem neuen Analyseverfahren der Todeszeitpunkt besser bestimmt werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Todeszeitpunkt wird bisher durch den Entwicklungsstand von Larven, Maden und Insekten bestimmt. Mit einem neuen Verfahren greifen Forscher nun auf Kleinstlebewesen und deren DNA zurück, die vor allem bei stark verwesten Leichen genauer Auskunft geben.

Mit Formeln, Computern und Mikroben-DNA können Forscher relativ genau den Todeszeitpunkt eines verwesenden Menschen bestimmen. Die Wissenschaftler um Nathan Lents von der City University of New York nutzen aus, dass sich die Gemeinschaft der Mikroorganismen in oder auf einer Leiche im Laufe der Zeit - abhängig von der Temperatur - ändert. Sei die Abfolge dieser Veränderungen bekannt, könne man von der Mikroben-Zusammensetzung auf den Todeszeitpunkt rückschließen, schreibt das Team im Fachblatt "PLOS ONE".

Für ihre Untersuchungen besorgten sich die Wissenschaftler Proben aus einem sehr besonderen Wald der University of Tennessee. Dort liegen zu Forschungszwecken menschliche Leichname unter freiem Himmel und verwesen. Das Team um Lents nahm bei insgesamt 21 Körpern Abstriche aus der Nase und den Ohren. Zurück im Labor untersuchten sie diese Proben mit Hilfe einer speziellen Genom-Analyse. So konnten sie bestimmen, welche Mikroben in welcher Anzahl in den jeweils untersuchten Leichen siedelten.

Von vier Körpern nahmen die Forscher gleich zu mehreren Zeitpunkten Proben: Direkt nach dem Ablegen und dann alle zwei bis drei Tage, bis die Körper verrottet waren. Anhand dieser Zeitreihen konnte das Team um Lents einen Zusammenhang zwischen der Art der Mikroben-Gemeinschaft und dem Todeszeitpunkt herstellen.

In dem sie ihre Computermodelle immer wieder testeten und optimierten, entwickelten sie ein spezielles statistisches Modell. Mit dessen Hilfe konnten sie anhand der Details der Mikroben-Zusammensetzung den Todeszeitpunkt bestimmen. Die Todeszeit ließ sich zumindest in den warmen Sommermonaten noch nach mehreren Wochen auf zwei Tage eingrenzen.

Noch kein Standard

Das sei eine deutliche Verbesserung in Vergleich zu bislang verfügbaren Methoden, besonders bei stark verwesten Leichen. Die Forscher präsentieren ihre Ergebnisse als Machbarkeitsnachweis, nicht als sofort einsetzbare Technik. Sie können sich aber vorstellen, dass solche Verfahren eines Tages zum Standard bei der Analyse älterer Leichen werden.

Der Ansatz, über Mikroben auf den Todeszeitpunkt zu schließen, ist nicht neu. Bereits vor einem Jahr analysierten Dutzende US-Forscher die Besiedlung verwesender Leichname durch Mikroorganismen. Die Abfolge der Mikrobengemeinschaften laufe ähnlich zuverlässig ab wie ein Uhrwerk, schrieben die Wissenschaftler um Rob Knight von der University of California in San Diego damals im Fachblatt "Science": "Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Mikrobengemeinschaften während der Verwesung deutlich verändern."

Die Abfolge sei vorhersehbar und relativ unabhängig von Jahreszeit oder Bodentyp. Demnach konnten die Forscher anhand der Mikroben die Todeszeit nach 25 Tagen auf zwei bis vier Tage genau bestimmen. Zu den identifizierten Mikroben zählten – je nach Stadium – Bakterien, Fadenwürmer (Nematoda), Pilze wie Eurotiales oder Ascomycota sowie Kinetoplastida, bestimmte Einzeller.

Quelle: n-tv.de, Valentin Frimmer, dpa

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