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Schadstoffe statt Sauerstoff Was schmutzige Luft anrichtet

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Umweltschützer protestieren in Berlin gegen Dieselfahrzeuge und deren Abgase in der Luft.

(Foto: imago/epd)

So wichtig wie die Luft zum Atmen: Mit dieser Redewendung wird klar, dass jeder Atemzug überlebenswichtig ist. Doch wenn in dem, was man in die Lungen zieht, Dreck steckt, dann leidet die Gesundheit. Wie kann man sich vor verschmutzter Luft schützen?

"Geh doch mal an die frische Luft!" Den Satz haben Generationen von Kindern zu hören bekommen. Wenn Mütter oder Väter ihn sagen, meinen sie üblicherweise den Gang nach draußen. Entstanden ist der Spruch in einer Zeit, als in den Häusern an Öfen gekocht und mit Kohle geheizt wurde - im Freien wartete der Sauerstoff. Aber gilt das in Zeiten von Feinstaubalarm und steigendem Verkehrsaufkommen überhaupt noch? Wie gesund ist es, vor die Tür zu treten? Atmen wir uns krank? Und was können wir dagegen tun?

Die Außenluft ist vor allem in Städten und Industrieregionen mit vielen Schadstoffen belastet. Zu den gefährlichsten zählen neben Feinstaub und bodennahem Ozon das giftige Gas Stickstoffdioxid (NO2). Es entsteht wie auch Feinstaub bei der Verbrennung fossiler Energieträger. Stickstoffdioxid ist in den letzten Jahren immer häufiger zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen geworden. Mit einer Messreihe wiesen der Sender RBB und die Technische Universität Berlin vor kurzem nach, dass die Hauptstadt nahezu flächendeckend von einer zu hohen NO2-Belastung betroffen ist. An 73 von 110 Standorten wurde der gesetzliche Grenzwert überschritten.

Insgesamt weniger Feinstaub in der Luft

Während das Problem von Stickstoffdioxid erst seit einigen Jahren ins öffentliche Bewusstsein dringt, gibt es beim Dauerthema Feinstaub erste Erfolge: Laut Umweltbundesamt lebten vor zehn Jahren noch 61 Prozent der deutschen Bevölkerung in Regionen mit einer mittleren Feinstaubbelastung von über 20 Mikrogramm pro Kubikmeter - und atmeten somit Luft, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) schädlich ist. Im Jahr 2015 waren es nur noch fünf Prozent. Das Umweltbundesamt erklärt diesen Rückgang vor allem damit, dass Emissionen aus Heizkraftwerken, Müllverbrennungsanlagen und anderen Industrieanlagen reduziert wurden.

Doch noch immer wird der Tagesgrenzwert für Feinstaub in vielen Städten regelmäßig überschritten - er liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schuld daran ist vor allem der Straßenverkehr. Den traurigen Spitzenplatz nahm im Jahr 2017 zum wiederholten Mal Stuttgart ein. Nirgendwo in der Republik wurden die Feinstaub-Grenzwerte so häufig überschritten wie an der Messstation "Am Neckartor" - allein im März an zehn Tagen, im Januar an neun Tagen. Auf den weiteren Plätzen folgten unter anderem der Graf-von-Galen-Ring in Hagen und die Silbersteinstraße in Berlin-Neukölln.

"Der Kontakt mit Verbrennungs-Schadstoffen wie Feinstaub oder Stickoxiden ist in der Evolution nicht vorgesehen", sagt Christian Witt, Lungenexperte an der Berliner Charité. So könne Feinstaub zu einer Entzündung der Lungenschleimhäute führen, bestehende Krankheiten wie Asthma verstärken und letztlich sogar krebserregend sein - dieser Effekt werde insbesondere durch Dieselruß verursacht. "Die Lunge ist ein Portalorgan, sie öffnet Luftschadstoffen den Weg in unseren Körper. Feine Stäube können durch den Blutkreislauf auch in andere Organe gelangen, letztlich sogar ins Gehirn", sagt Witt und verweist auf Studien, die eine erhöhte Feinstaubbelastung mit Demenz in Zusammenhang bringen.

Tote durch schädliche Luft

Welche Gesundheitsgefahr von Schadstoffen in der Luft ausgeht, verdeutlichen Statistiken der Europäischen Umweltagentur (EEA). Demnach kam es in Deutschland im Jahr 2014 zu rund 66.000 vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub. Durch Stickoxide kamen 13.000 Menschen vorzeitig ums Leben, durch Ozon 2200 Menschen. "Besonders gefährdet sind auch Personen, die in ihrem Beruf hohen Feinstaubkonzentrationen ausgeliefert sind, zum Beispiel Bus- oder Lkw-Fahrer", erklärt Witt.

Dabei kommt schlechte Luft nicht nur über die Lunge in den Körper. Auch die Haut leidet unter Schadstoffen, kann dadurch schneller altern und ernsthaft erkranken. "70 bis 80 Prozent der Hautveränderungen entstehen durch Umwelteinflüsse. Hierbei sind vor allem UV-Strahlung, aber eben auch Luftverschmutzung zu nennen", erklärt Jean Krutmann vom Düsseldorfer Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung. Insbesondere Feinstaub und Stickoxide stünden im Verdacht, Pigmentveränderungen und tiefe Falten zu verursachen.

Interessant ist, dass unterschiedliche Umwelteinflüsse miteinander interagieren. So deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Haut durch UV-Strahlung weniger belastet wird, wenn die Belastung durch Feinstaub hoch ist. Salopp formuliert: Ist genug Dreck in der Luft, kommt die Sonne nicht mehr durch. "Das bedeutet aber natürlich nicht, dass eine Belastung durch Schwebstaub begrüßenswert wäre", stellt Krutmann klar.

Und in den Räumen?

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Neben Druckern zu warten, ist keine gute Idee.

(Foto: imago/Westend61)

Die Gesundheitsgefahren verschmutzter Außenluft sind deutlich. Aber wie ist die Luftqualität in Innenräumen? Zwar wird in den meisten Haushalten nicht mehr am offenen Feuer gekocht und mit Kohle geheizt, doch die Zivilisation hat neue Risiken in die heimischen vier Wände gebracht. "Neue Feinstaubbelastungen entstehen zum Beispiel durch Laserdrucker, Kopierer oder andere technische Geräte. Auch Ausdünstungen aus Plastikgegenständen oder Desinfektionsmitteln belasten die Innenluft", erklärt Witt. Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt nennt darüber hinaus Staub, Kerzen und Kochen als problematische Faktoren.

Eine der gefährlichsten Quellen für schmutzige Innenluft ist jedoch das Rauchen. "Wenn man raucht, gehen 85 Prozent des Rauches in die Raumluft. Natürlich wird er dort verdünnt, aber trotzdem kriegen anwesende Nichtraucher ein bis zehn Prozent der Schadstoffe ab, die der Raucher aufnimmt", erklärt Friedrich Wiebel vom Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit. Langfristig sei Passivrauchen deshalb mit großen Gesundheitsrisiken verbunden - bis zu Lungenkrebs. Und was viele nicht wissen: Schon der Hautkontakt mit Zigarettenrauch kann Krebs verursachen. "Wer Tabakrauch ausgesetzt ist, hat ein erhöhtes Risiko, an Stachelzellkrebs zu erkranken", erklärt Krutmann. Stachelzellkrebs gehört zu den Unterarten des weißen Hautkrebses.

Joggen lieber im Park

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Vom Joggen an Hauptverkehrsstraßen in Großstädten, wie hier in New York, raten Experten ab.

(Foto: imago/Westend61)

Während das Rauchen vermeidbar ist, sind andere Verschmutzungsquellen in Innenräumen unvermeidlich. So gehören Kochen oder die Nutzung technischer Geräte für die meisten Menschen zum Leben dazu. Abhilfe schaffen kann regelmäßiges Lüften. Eine Studie der Technischen Universität Eindhoven kam jüngst zu dem Ergebnis, dass sich die Schlafqualität bessert, wenn man ein Fenster offen lässt. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "Indoor Air" veröffentlicht. "Aber der Effekt ist eher dann positiv, wenn sich vor dem Fenster keine mehrspurige Straße mit Abgasen und Lärm befindet", sagt Witt.

Und damit ist bereits das weitaus größere Problem angesprochen: Wie kann man sich vor verschmutzter Außenluft schützen? "Es ist zunächst einmal wichtig, dass wir das Risiko überhaupt wahrnehmen. Und dann muss der Grundsatz lauten: Immer weg vom Risiko!", sagt Witt. Joggen und Fahrradfahren an Hauptstraßen solle man etwa vermeiden. Es sei sinnvoller, auf Nebenstraßen oder in Parks auszuweichen. Und wenn möglich, sollte auf das Wohnen an Hauptverkehrsachsen gänzlich verzichtet werden. "Da wird Luftverschmutzung leider auch zur sozialen Frage. Während sich Begüterte ein Leben im Grünen leisten können, beziehen sozial schwächer Gestellte eher preisgünstigere Wohnungen an Hauptstraßen", sagt Witt.

Einig sind sich Experten darin, dass die Qualität der Außenluft nur dann steigen kann, wenn die Emissionen sinken. Das Umweltbundesamt unterscheidet zwei Formen von Maßnahmen gegen Luftverschmutzung: solche, die Fahrzeuge, Maschinen und Öfen emissionsärmer machen, und solche, die emissionsstarke Aktivitäten unterbinden. Technisch sei häufig der Einbau von Filtern oder Katalysatoren möglich. Autos könnten zum Beispiel mit sogenannten Entstickungsanlagen nachgerüstet werden. Daneben hält das Umweltbundesamt für sinnvoll, die Stromproduktion in Kohlekraftwerken zu drosseln. Damit gehe wiederum einher, dass die Energiewende vorangetrieben werde und der Energiebedarf insgesamt sinken müsse.

Letztlich könne jeder zu einer besseren Luftqualität beitragen, sagt Umweltmediziner Straff: "Indem das Energiesparen ernst genommen wird, Fahrten mit privaten PKWs möglichst reduziert werden, auf innerdeutsche Flugreisen verzichtet und der persönliche Fleischkonsum vermindert wird."

Auch für den Lungenexperten Witt steht fest, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Er selbst fährt mittlerweile ein Elektro-Auto und ist davon überzeugt, dass weniger Emissionen zu mehr Lebensqualität führen: "Das Schöne ist doch: An den Problemen können wir etwas ändern. Das ist letztlich, wie eine Krankheit zu heilen."

Quelle: n-tv.de, Janne Kieselbach, dpa

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