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Nahrung veränderte Sprache Wer Brei isst, kann auch F und V sagen

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Schleifstein zum Mahlen von Eicheln und Mais zur Herstellung von Brei oder Suppe: Bei Menschen, die mehr weiche Nahrung verzehren, nutzen sich die Zähne weniger stark ab.

(Foto: imago/UIG)

Sprache ist ein zentrales Merkmal menschlicher Kultur. Sie ist sehr vielfältig und verändert sich ständig. Verblüffend: Sogar unsere Nahrung hat Einfluss auf die Sprachentwicklung und auf die Nutzung bestimmter Buchstaben.

Laute wie das "f" oder "v" in unserer Sprache haben wir den Veränderungen unserer Essgewohnheiten zu verdanken: Als die Menschen vor einigen Jahrtausenden begannen, ihre Nahrung zunehmend zu kochen oder anderweitig zu verarbeiten, veränderte sich ihre Zahnstellung. Dadurch ließen sich bestimmte Laute leichter bilden, die dann Einzug fanden in viele unterschiedliche Sprachen der Welt. Dies berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Science".

Sprache sei die wesentliche Form der Kommunikation unter Menschen, schreibt das Team um Damian Blasi von der Universität Zürich und dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena in seinem Bericht. Die zentralen anatomischen Voraussetzungen für ihre Bildung hätten schon vor einer halben Million Jahre existiert. Heute zeichne sich die menschliche Sprache durch eine verblüffende Vielfalt von Tausenden an unterschiedlichen Lauten in derzeit etwa 7000 gesprochenen Sprachen weltweit aus. Dazu gehören weit verbreitete Laute wie "m" oder "a", aber auch seltene Schnalz- und Klicklaute in einigen Sprachen des südlichen Afrika.

Bei Jägern und Sammlern fehlten Lippenzahnlaute weitgehend

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Vergleich zwischen einem paläolithischen Randbiss (l.) und einem modernen Überbiss.

(Foto: Tímea Bodogán/dpa)

Lange Zeit dachten Experten, dass sich die vorhandenen Laute seit der Entwicklung von Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren nicht wesentlich verändert haben. 1985 vermutete der Sprachforscher Charles Hockett erstmals, dass dies womöglich nicht stimmt. Er hatte festgestellt, dass in ursprünglichen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften Laute wie "f" oder "v" weitgehend fehlen. Solche Laute werden Labiodentale oder Lippenzahnlaute genannt, weil an ihrer Bildung Lippen und Zähne beteiligt sind. Beim "f" etwa berühren die oberen Schneidezähne leicht die Unterlippe.

Hockett führte das Fehlen der Laute darauf zurück, dass die Jäger und Sammler vorrangig harte, unverarbeitete Nahrung kauten. Die daraus resultierende Abnutzung der Zähne hat zur Folge, dass im Erwachsenenalter die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers aufeinanderstoßen. Bei Menschen, die mehr weiche Nahrung verzehren, nutzen sich die Zähne weniger stark ab. Daraus resultiert eine Gebissform, bei der die oberen Schneidezähne auch bei Erwachsenen leicht über die unteren hinausragen, also eine Art Überbiss.

Hypothese neu geprüft

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Biomechanisches Modell zur Erzeugung eines F-Sounds mit Überbiss (Overjet) im Vergleich zum Edge-to-Edge-Biss.

(Foto: Scott Moisik/dpa)

Hocketts Theorie wurde seinerzeit verworfen, weil schlüssige Beweise dafür fehlten. Blasi und seine Mitarbeiter prüften die Hypothese nun erneut und umfassend. Die größte Schwierigkeit dabei habe darin gelegen, dass sich sprachliches Verhalten nicht einfach aus Fossilien herauslesen lasse, erläutert Blasi. Außerdem sei es schwierig, den Biss eines Menschen, der vor Jahrhunderten lebte, mit der Sprache in einer Gruppe in Verbindung zu setzen.

Die Forscher gingen nun wie folgt vor: Sie untersuchten mit einem biomechanischen Modell, inwieweit die unterschiedliche Gebissstellung die Bildung von Lauten ermöglicht - oder eben erschwert. Sie zeigten, dass der muskuläre Aufwand zur Bildung von Lippenzahnlauten um knapp ein Drittel (29 Prozent) geringer ist, wenn die oberen Schneidezähne leicht überstehen.

Zudem prüften die Forscher, wie häufig Labiodentale in unterschiedlichen Sprachen vorkommen und welche Nahrung in den entsprechenden Regionen bevorzugt verzehrt wird. Sie fanden, dass in Populationen, in denen bereits seit Langem Nahrung verarbeitet und weich verzehrt wird, diese Laute mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu finden sind. In den Sprachen von Jäger-und-Sammler-Gesellschaften tauchen hingegen deutlich weniger Labiodentale auf.

Entwicklung und Verbreitung von Tonwaren entscheidend

Beispiele für weiche Nahrung seien Getreidebreie, Suppen oder Eintöpfe, aber auch Molkereiprodukte wie Milch, Käse oder Joghurt, erläutert Steven Moran, ein weiterer Forscher der Universität Zürich. Entscheidend sei in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung und Verbreitung von Tonwaren zur Aufbewahrung der Produkte.

Schließlich untersuchten die Forscher mit Hilfe von statistischen Methoden die Ausbreitung der Laute im Detail in der indogermanischen Sprachfamilie. Das ist die sprecherreichste Sprachfamilie, zu der etwa die germanischen, die romanischen, keltischen oder slawischen Sprachen gehören. Die Sprachfamilie sei vergleichsweise gut untersucht, es gebe teils 2500 Jahre zurückreichende Aufzeichnungen dazu, wie bestimmte Laute gesprochen wurden.

Auch diese Analyse ergab eine gute zeitliche Übereinstimmung zwischen der Verbreitung von verarbeiteter Nahrung und der Zunahme an Lippenzahnlauten in den untersuchten Gesellschaften. Das passierte demnach nicht lange vor Beginn der Bronzezeit vor etwa 2200 Jahren.

Quelle: n-tv.de, Anja Garms, dpa

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