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Ende des Shuttle-Programms "Wir müssen mit Engpässen leben"

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Die ISS ist das größte künstliche Objekt im Erdorbit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit der Rückkehr des Space-Shuttles "Atlantis" zur Erde endet eine Ära der Raumfahrt. Drei Jahrzehnte währte die Zeit dieser amerikanischen Transporter. Ex-Astronaut Thomas Reiter spricht darüber, wie es nun mit der Weltraumstation ISS weiter geht - und wie lange es noch dauert, bis die ersten Menschen auf dem Mars stehen. Reiter ist derzeit Chef der Astronauten und Missionen bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa.

dpa: Herr Reiter, was bedeutet das Ende der Shuttle-Ära für die internationale Raumstation?

Thomas Reiter: Zunächst mal werden wir in den nächsten Jahren mit einem Engpass leben müssen, was die Rückführung von Nutzlasten aus dem Weltraum angeht. Nun ist das keine Überraschung - denn die Außerdienststellung der Shuttles ist nun schon vor Jahren angekündigt worden. Insofern konnte sich die europäische Raumfahrtagentur auf diese Situation einstellen. Außerdem liegen wissenschaftliche Aufgaben, die wir an Bord der internationalen Raumstation ausführen, zum Großteil in Form von elektronischen Daten vor, die einfach zur Erde zurückgeschickt werden können. Aber natürlich müssen auch hier und da mal biologische Proben zur Erde zurückgeführt werden.

Wie wird das zukünftig gemacht?

Da steht von nun an nur noch die russische "Sojus" zur Verfügung, die neben der dreiköpfigen Besatzung nur 50 Kilogramm an Nutzlasten zur Erde zurückbringen kann. Aber wie gesagt, wir haben uns darauf eingestellt. Wenn dann in drei, vier Jahren das nächste Fluggerät - die "Falcon 9" aus den USA - zur Verfügung stehen wird, dann wird es wieder ein bisschen mehr Download-Kapazität geben, wie man so schön sagt. Also die Möglichkeit, Nutzlasten auch wieder zur Erde zurückzubringen.

Wie wichtig war das US-Shuttle für die internationale Raumfahrt?

Ohne das Shuttle wäre die internationale Raumstation in dieser Form nie entstanden. In der Ladebucht des Shuttles konnte man ganz besondere Bauteile - auch sehr große Massen von 20 Tonnen oder mehr - nach oben bringen. Das wäre mit keinem anderen Transporter möglich gewesen.

Sie sind selber im Shuttle geflogen - was war der spannendste, aufregendste Moment für Sie?

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Thomas Reiter: Ex-Astronaut und Chef der ESA.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, der Start und die Landung sind natürlich immer sehr dynamische Phasen, auf die man hinfiebert und die besonders interessant sind. Wenn man diese Naturgewalten beim Start fühlt, die einen in den Erdorbit bringen - das ist etwas ganz Besonderes, das auch relativ schnell vorbeigeht. Vom Abheben bis man im Orbit ist - das dauert nur acht Minuten und dreißig Sekunden.

Und bei der Landung?

Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wird das Shuttle von dieser unglaublichen Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde wieder auf normale Fluggeschwindigkeiten abgebremst. Dabei entstehen enorme Temperaturen durch die Reibungshitze - Temperaturen von etwa 3000 Grad Celsius. Das sind in der Tat die interessantesten Phasen des Fluges. Womit ich natürlich nicht ausschließen möchte, dass, wenn man im Erdorbit ist und den Blick auf unseren wunderschönen Planeten richten kann oder in die entgegengesetzte Richtung in den Sternenhimmel, das nicht auch unglaublich faszinierend ist.

Hatten Sie da auch manchmal ein bisschen Bauchgrimmen? Die Shuttle-Missionen waren ja nicht ungefährlich?

Sie haben natürlich Recht: Das geht einem schon vor dem Start oder auch vor dem Wiedereintritt mal kurz durch den Kopf. Wenn es dann aber so weit ist und die Triebwerke gezündet haben, dann ist man konzentriert auf die Aufgaben, die vor einem liegen, und denkt eigentlich nicht daran. Und dass natürlich die Raumfahrt mit etwas erhöhten Risiken verbunden ist, das weiß man. Das ist eine Entscheidung, die man treffen muss, wenn man Astronaut werden möchte - ob man bereit ist, dieses Risiko einzugehen. Demgegenüber stehen die hervorragenden Erkenntnisse, die man durch die Arbeit in der Schwerelosigkeit für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, eigentlich für alle Menschen, erreichen kann.

Werden die Menschen denn noch mal zum Mond oder vielleicht sogar zum Mars fliegen?

Daran habe ich keinen Zweifel. Ich kann Ihnen zwar heute nicht sagen, wann dieser Moment kommen wird. Es wäre denkbar, dass man in 20, 25 Jahren Menschen zu unserem Nachbarplaneten bringt. Die NASA hat momentan ein ganzes Spektrum von möglichen Zielen für den Zeitpunkt, in dem sich Menschen dann aus dem niedrigen Erdorbit wieder in größere Entfernungen bewegen werden. Meiner Überzeugung nach liegt es einfach in der Natur des Menschen, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Es ist Teil unserer Evolution. Ob ich das noch mal erleben darf, weiß ich nicht - vielleicht im Fernsehsessel. Aber es wird passieren.

Quelle: ntv.de, Dirk Steinmetz und Kathrin Streckenbach, dpa

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