Wissen
Beeinflusst die Art des Frühstücks auch soziale Entscheidungen?
Beeinflusst die Art des Frühstücks auch soziale Entscheidungen?(Foto: dpa)
Dienstag, 10. Juli 2018

Frage & Antwort, Nr. 540: Entscheiden Müsli-Esser gerechter?

Von Jana Zeh

Was man zum Frühstück isst, soll nicht nur satt machen: Müsli-Esser reagieren auf ungerechte Entscheidungen offenbar anders als Rührei-Liebhaber, so eine Studie. Woran liegt das?

Müsli, Marmeladen-Toast oder Eier mit Speck: Frühstück gilt hierzulande vielen als die wichtigste Mahlzeit des Tages. Ein gutes, reichhaltiges Frühstück wird im Ausland auch als typisch deutsch angesehen. Doch das, was man zur ersten Mahlzeit am Tag verdrückt, macht nicht nur satt, es beeinflusst auch das soziale Entscheidungsverhalten, haben Sozialpsychologen und Mediziner der Universität Lübeck mit zwei aufeinander aufbauenden Untersuchungen gemeinsam herausgefunden.

Je nachdem, was morgens auf den Teller kommt, reagieren Menschen demnach auf sozial ungerechte Entscheidungen eher sensibel oder eben unsensibel. Dabei kommt es nicht auf das einzelne Lebensmittel an, sondern auf die Gesamtzusammensetzung sogenannter Makronährstoffe des Frühstücks, also dem Verhältnis von Fetten, Eiweißen und Kohlenhydraten. Die Forscher hatten sich für das Frühstück als erste Mahlzeit am Tag entschieden, weil das nüchtern eingenommen wird und so die Ergebnisse nicht durch vorherige Mahlzeiten beeinflusst werden.

In der ersten Untersuchung wurden insgesamt 87 Probanden online befragt, was sie gefrühstückt hatten. Danach hatten die Studienteilnehmer die Aufgabe, beim sogenannten Ultimatum Game, einem standardisierten Spiel der Psychologie, auf ein unfaires Angebot zu reagieren. Bei diesem Online-Spiel für zwei soll man eine bestimmte Geldsumme untereinander verteilen. Dabei macht ein Spieler ein Verteilungsangebot, dem der andere zustimmen oder es ablehnen kann. Wird das Angebot abgelehnt, bekommt keiner der beiden etwas und das Geld ist weg.

Die Ergebnisse zeigten: Je höher der Anteil an Kohlenhydraten im Frühstück war, umso sensibler reagierten die Befragten auf unfaire Angebote und lehnten ab. Die Entscheidung der Probanden hing damit zusammen, ob der Vorschlag als fair oder als unfair empfunden wurde.

Frühstücken im Labor

Auf der Grundlage dieses Zusammenhangs wollten die Forscher ihre Ergebnisse durch eine weitere Studie stützen. Sie untersuchten das soziale Entscheidungsverhalten und die biochemischen Effekte von verschiedenen Frühstücksarten an 24 Studienteilnehmern im Labor. Diese erhielten zwei Tag lang ein Frühstück, das zu 80 Prozent aus Kohlenhydraten, zu 10 Prozent aus Fett und zu 10 Prozent aus Eiweiß bestand. Danach bekamen sie ebenfalls zwei Tage lang ein Frühstück mit gleichem Kaloriengehalt, allerdings bestand dieses aus 50 Prozent Kohlenhydraten, 25 Prozent Fett und 25 Prozent Eiweiß. Diese Zusammensetzung wird auch von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen.

Drei Stunden nach dem Frühstück wurden alle Studienteilnehmer verschiedenen Tests unterzogen. Darunter waren auch das Ultimatum Game aus der vorhergehenden Studie und eine Blutuntersuchung, um relevante Parameter zu ermitteln. Es zeigte sich, dass die unterschiedliche Zusammensetzung des Frühstücks den Tyrosinspiegel im Körper beeinflusst. Tyrosin selbst hat keinen direkten Einfluss auf das Gehirn. Es wird allerdings im Körper zu verschiedenen Botenstoffen umgewandelt, unter anderem Dopamin, das im Zusammenspiel mit anderen Neurotransmittern als Aktivitätshormon angesehen werden kann.

Je höher der Anteil an Kohlenhydraten ist, umso niedriger ist der Tyrosinspiegel. Je geringer dagegen der Anteil an Kohlenhydraten, umso höher war auch der Tyrosinspiegel. "Nach einem Frühstück mit hohem Kohlenhydratanteil waren die Probanden sehr viel empfindlicher gegenüber unfairen Angeboten als in der Versuchsbedingung mit einer ausgeglichenen Makronährstoffkomposition", fasst Professor Sebastian Schmid, der an der Studie beteiligt war, die Ergebnisse zusammen.

Kohlenhydratreiches wie Müsli, Nudeln und Vollkornbrot schärfen also den Sinn für soziale Gerechtigkeitnormen. Ob die Erkenntnisse der Forscher allerdings ausreichen, um Low-Carb-Verfechter oder Rührei-Liebhaber zu gerechteren Müsli-Essern zu machen, bleibt indes zu bezweifeln.

Quelle: n-tv.de