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Immer mehr junge Frauen und Männer wissen, wie sie sich gekonnt in Szene setzen.
Immer mehr junge Frauen und Männer wissen, wie sie sich gekonnt in Szene setzen.(Foto: imago/Michael Weber)
Dienstag, 21. November 2017

Frage & Antwort, Nr. 508: Gibt es immer mehr Selbstverliebte?

Selbstdarsteller, Selfie-Verliebte und Egomanen: In den letzten Jahren scheint die Zahl der Narzissten rapide angestiegen zu sein. So weit, dass mancher sogar von einer Narzissmus-Epidemie spricht. Aber gibt es die wirklich?

Ich, meins, mir: Narzissten sind selbstverliebte Egomanen, denen Empathie völlig fremd ist. Angesichts der Zahl an inszenierten Selfies in sozialen Netzwerken und der Erfahrung, dass älteren Damen im Bus der Platz eher weggeschnappt als angeboten wird, könnte man meinen, dass es immer mehr Selbstverliebte gibt und es in der Gesellschaft zu einer regelrechten Narzissmus-Epidemie kommt.

Um das zu überprüfen, haben Forscher der Universität Konstanz die Persönlichkeitstests von rund 60.000 US-amerikanischen Studierenden im Alter zwischen 18 und 24 Jahren aus drei Jahrzehnten untersucht. Dabei kommen die Psychologen zu dem Schluss, dass der Narzissmus in den letzten 25 Jahren nicht wie angenommen angestiegen, sondern sogar leicht zurückgegangen ist. "Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Wir waren daher überrascht von den Ergebnissen unserer Studie", schildert Eunike Wetzel von der Arbeitsgruppe Psychologische Methoden und Diagnostik am Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz. 

Bisher ging man davon aus, dass in Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums mehr Narzissmus entsteht. Wirtschaftskrisen hingegen werden mit einem Rückgang des Narzissmus in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchung jedoch sprechen eine andere Sprache: Es zeigte sich, dass es bereits vor der Wirtschaftskrise, also in ökonomisch stabilen Zeiten, weniger Narzissmus gab.

Es geht nicht um die Persönlichkeitsstörung

Bei ihrer Untersuchung ging es den Forschern nicht um solchen Narzissmus, der eine klinische Persönlichkeitsstörung beschreibt, sondern um Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung. "Wir betrachten Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft, wie zum Beispiel auch Extraversion oder Gewissenhaftigkeit Merkmale eines Menschen sind: Manche Menschen sind gewissenhafter als andere, manche neigen stärker zu Narzissmus als andere", erklärt Wetzel.

"Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht", fährt Wetzel fort. Die Psychologin unterscheidet daher in ihrer Studie drei wesentliche Facetten des Narzissmus: Führungsverhalten, Eitelkeit und Anspruchsdenken. Die Daten der Studenten wurden mit diesen drei verschiedenen Ausprägungen über die drei Jahrzehnte hinweg untersucht. Den deutlichsten Rückgang gab es beim Anspruchsdenken, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen als höherwertig und überlegen fühlt. "Das ist interessant, da dieses Merkmal gemeinsam mit Eitelkeit zum Kern des Narzissmus gehört. Dass gerade diese Aspekte zurückgegangen sind, widerspricht der These von einer Epidemie des Narzissmus", betont Wetzel.

Auch wenn die Zahl des Frauenanteils der Befragten immer etwas höher als die Hälfte war - 1992 bei 55 Prozent, 2015 bei 72 Prozent -, können die Forscher zusammenfassen, dass sich der Rückgang von Narzissmus gleichermaßen bei Männern und Frauen zeigte, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten. Abweichend davon stellten die Forscher jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, der Eitelkeit, fest.

Die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlichten die Forscher bei Sage Journals.

Quelle: n-tv.de