Frage & Antwort

Von Pegel- und Quartalstrinkern Macht Alkohol auch seelisch abhängig?

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Alkohol erscheint manchen Menschen als Problemlöser.

(Foto: picture alliance / dpa)

Alkoholsucht ist die häufigste Suchterkrankung, gegen die sich Menschen in Deutschland behandeln lassen. Die Vorstellung, dass man erst abhängig ist, wenn man jeden Tag trinken muss, ist genauso falsch wie das gängige Bild von Alkoholkranken. Kann Alkohol seelisch abhängig machen?

Stark zitternde Hände, Wahrnehmungsstörungen und aggressives Verhalten: Wenn Alkoholiker nach intensivem Konsum nicht mehr trinken, kommt es zu starken körperlichen Reaktionen. Doch diese Art von Abstinenzreaktionen trifft nur auf einen Teil der Betroffenen zu. Denn auch Quartalstrinker leiden unter einer Alkoholabhängigkeit, die allerdings eher auf der seelischen als auf der körperlichen Ebene liegt. Und wie jede Sucht wird auch Alkoholabhängigkeit von Medizinern als seelische Erkrankung eingestuft.      

Diese entwickelt sich meist über einen längeren Zeitraum, bis man nicht mehr in der Lage ist, seinen Alkoholkonsum zu steuern. Allerdings kennt schon der Volksmund den Unterschied zwischen sogenannten Pegeltrinkern und Quartalskonsumenten. "Wenn man zwei Alkoholkranke hat, die die gleiche Alkoholmenge trinken, der eine über die Woche verteilt und der andere zwischen Freitagabend und Sonntagmittag, dann ist der mit dem Wochenendkonsum schlimmer dran", sagt Suchtmediziner Gerhard Reymann zu ntv.de. Der Chefarzt der Abteilung für Suchtmedizin an der LWL-Klinik Dortmund begründet das mit der Abhängigkeitsintensität, die sich aus dem exzessiven Trinken für den Konsumenten ergibt. "Er ist heftiger seelisch abhängig, weil er den Wechsel zwischen der Abstinenz unter der Woche und der Trunkenheit am Wochenende regelmäßig und intensiv erlebt."

Auch Mediziner unterscheiden also zwischen der seelischen und der körperlichen Alkoholabhängigkeit, allerdings kann man beides nicht ganz voneinander trennen. Es geht eher darum, was überwiegt. Die körperliche Abhängigkeit entsteht durch den regelmäßigen Konsum. "Da trinkt jemand jeden Tag sein Bier, irgendwann zwei oder drei, irgendwann steigt er auf Wein um oder auf Schnaps, um die Dosis steigern zu können", beschreibt Reymann. Diese Person ist vorrangig körperlich vom Alkohol abhängig. Wenn sie plötzlich aufhört zu trinken, bekommt sie ein Entzugssyndrom oder vielleicht sogar ein Delir.

Anderer Therapieansatz

"Jemandem, der überwiegend körperlich abhängig ist, würde man empfehlen, aus der Alkoholvergiftung, der sogenannten Intoxikation heraus zu einem Zeitpunkt, der ihm passt, zu einer qualifizierten Entzugsbehandlung zu kommen." Aus der darauf spezialisierten Fachabteilung eines Krankenhauses würde dieser Mensch direkt in eine medizinische Rehabilitation vermittelt werden. Früher wurde das Entwöhnung genannt, "ein gut etablierter Weg mit guten Erfolgsaussichten", betont Reymann. "So kann der Betroffene den Wechsel schaffen von dauernd intoxikiert zu dauernd alkoholfrei."

Bei der überwiegend seelischen Abhängigkeit liegen die Dinge anders. Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, bestimmte Lebenssituationen oder auch das Leben an sich langfristig ohne Alkohol durchzustehen. Die seelische Abhängigkeit wird zur psychischen Abhängigkeit. Sie entsteht durch den Wechsel von alkoholisiertem und nüchternem Zustand, durch das Hin- und Herpendeln. "Wir haben Patienten, die mehrere Monate lang keinen Alkohol trinken und dann heillos abstürzen über einen Tag, eine Woche oder zehn Tage", erzählt der Suchtmediziner. Oft seien das Menschen, die sehr bemüht, sehr kollegial und hilfsbereit sind. "In diesem Leben, in dem sie versuchen, es allen recht zu machen, baut sich ein Druck auf", schildert Reymann. Für diesen Druck schafft der Alkoholexzess einmal im Quartal ein Ventil. Dann entscheiden sich die Erkrankten aus der Alkoholvergiftung heraus wieder aufzuhören. "Ein paar Tage sind sie noch sehr mitgenommen von der Trinkepisode, danach erscheinen sie wieder am Arbeitsplatz und es beginnt wieder von vorn", schildert Reymann den Kreislauf. "Diese Menschen sind schwer alkoholabhängig."

Hinzu kommt, dass die Toxizität des Alkohols bei diesem Trinkverhalten erheblich höher ist. Das liegt daran, dass die Alkoholkonzentration, die zu einer bestimmten Zeit im Körper ist, kurzfristig sehr hoch ist. Dadurch ist auch die Schädigung wesentlich stärker, besonders am zentralen Nervensystem. Dort wächst die toxische Wirkung exponentiell mit der Konzentration. "Man hat das bei den Bankern der Londoner City untersucht, die jahrelang unter der Woche sehr verantwortungsvoll ihre Börsengeschäfte machen und am Wochenende on the binge gehen." Bei diesen Bankmitarbeitern wurden erhebliche kognitive Einbußen festgestellt.

Für die seelische Abhängigkeit gibt es einen völlig anderen therapeutischen Ansatz. Den Patienten, der alle paar Wochen abstürzt und zwischendurch alkoholfrei ist, würde man zunächst im ambulanten Kontakt über seine Situation informieren. "Damit er klar kriegt, wie sein Kreisverkehr läuft", sagt Reymann. "Monatelang angepasst und funktionierend und dann abstürzen und alles auf null setzen. Dann wieder voller Reue auf Alkohol verzichten." Um diese Personen muss man sich nicht dann besonders kümmern, wenn es den Rückfall gerade gab, sondern dann, wenn der Suchtdruck langsam wieder zunimmt. "In diesem Augenblick würde man mit dem Erkrankten zusammen diesen wachsenden Druck anschauen und zum Thema machen." Der Betroffene müsse die Erfahrung machen, den wachsenden Suchtdruck zu spüren, aber nicht zu trinken, sondern beispielsweise Sport zu treiben. "Das ist intensive suchttherapeutische Arbeit: Der Druck wächst, ich bleibe dabei, ich verhalte mich anders als sonst, ich trinke nicht und irgendwann geht der Suchtdruck wieder."

Die seelische Abhängigkeit ist mit einer erheblichen Rückfallgefahr verbunden. Sie ist hier größer als bei einer vorrangig körperlichen Alkoholabhängigkeit. Selbst nach Wochen oder sogar Jahren der Alkoholfreiheit bleibt das Rückfallrisiko erheblich.

Übrigens: Einen komplett risikofreien Alkoholkonsum gibt es nicht, es gibt lediglich riskoärmere Varianten. Die Grenzwerte dafür wurden über die Jahre immer weiter gesenkt und liegen derzeit bei 20 bis 24 Gramm Alkohol pro Tag für Männer. Das entspricht etwa zwei kleinen Gläsern Bier. Für Frauen werden 12 bis 16 Gramm Alkohol pro Tag angesetzt, die bereits in einem Glas Wein enthalten sind. Die wissenschaftliche Empfehlung ist eindeutig: Je weniger Alkohol man trinkt, desto besser ist es für die Gesundheit.

Quelle: ntv.de