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Für Menschen mit einer Blutphobie reicht ein kleiner Schnitt aus, um zu reagieren.
Für Menschen mit einer Blutphobie reicht ein kleiner Schnitt aus, um zu reagieren.(Foto: imago stock&people)
Dienstag, 16. Januar 2018

Frage & Antwort, Nr. 516: Warum können manche kein Blut sehen?

Von Jana Zeh

Ein kleiner Schnitt in den Finger oder ein Piekser beim Arzt: Menschen, die kein Blut sehen können, haben schreckliche Angst vor solchen Situationen. Manche fallen sogar in Ohnmacht beim Anblick der tiefroten Körperflüssigkeit. Aber warum?

Der Gang zum Arzt fällt äußerst schwer, weil die Wahrscheinlichkeit einer Blutentnahme groß ist. Manche Menschen können weder ihr eigenes noch fremdes Blut sehen, ohne dass ihnen übel wird. Einige fallen sogar in Ohnmacht. Tatsächlich haben rund drei Prozent aller Menschen diese krankhafte Angst vor Blut. Die sogenannte Blutphobie ist damit die häufigste aller Angststörungen. Männer sind gleichermaßen betroffen wie Frauen.

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Die Ursachen für diese starken Reaktionen werden in der Frühzeit des Menschen gesehen. Blut galt damals als echtes Alarmzeichen und bedeutete immer Gefahr. In dieser Situation gab es genau drei Möglichkeiten, die im Englischen mit "freeze, flight or fight" umschrieben werden. Dementsprechend reagiert auch der Körper. Für die Varianten fliehen und kämpfen steigen Blutdruck und Puls rasch an, damit der Körper über ausreichend Sauerstoff für eine Flucht oder einen Kampf ausgestattet ist. Doch nicht immer haben sich diese beiden Varianten vor Millionen von Jahren bewährt.

Totstellen als Überlebensstrategie

Auch die dritte Variante, sich tot zu stellen ("freeze", gefrieren), galt als echte Option, vor allem bei im Rudel jagenden Raubtieren. Die körperliche Reaktion beim Anblick von Blut dürfte bei Menschen mit einer Blutphobie noch zu finden sein. Bei ihnen steigen Puls und Blutdruck automatisch nur sehr kurz an, um gleich danach rasch abzufallen. Das Gehirn bekommt dann nicht mehr genügend Sauerstoff. Das führt zu Übelkeit, Unwohlsein, Schwindel und manchmal auch zu einer Ohnmacht.

Letztere war für die Menschen der Frühzeit sinnvoll. War man beispielsweise als Homo erectus vor knapp zwei Millionen Jahren selbst verletzt, konnte diese Ohnmacht das Leben vor im Rudel jagenden Raubtieren schützen, denn diese verloren, wenn sich ihr Opfer nicht mehr bewegte, oftmals ihr Interesse daran. Der geringere Blutdruck und die schnellere Blutgerinnung konnten zudem auch vor dem Verbluten bewahren.

Heute ist diese Reaktion für Betroffene eher störend, weil sie mit Angst vor Arztbesuchen und Kontrollverlust verbunden ist. Es wird vermutet, dass die Veranlagung für eine Blutphobie vererbt wird. Eine Therapie für die als psychiatrische Erkrankung eingestufte Angststörung gibt es nicht. Betroffene sollten ihren behandelten Ärzten auf jeden Fall vorher Bescheid geben. Dann wird ihnen unter Umständen im Liegen Blut abgenommen. Außerdem kann es helfen, vor einer Blutentnahme viel zu trinken, um den Blutdruck nicht zu sehr absinken zu lassen.

Übrigens: Die Angst vor dem Anblick von Blut geht oftmals mit der Angst vor Spritzen und Verletzungen aller Art einher. Das Besondere an diesen als spezifische Phobien eingestuften ist, dass der Körper, anders als bei anderen Phobien, mit einem "Runterfahren" und schließlich einer Ohnmacht reagiert.

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Quelle: n-tv.de