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Obdachlose Frauen in Berlin "Angst, dass mein Schlafsack angezündet wird"

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Für obdachlose Frauen gibt es zwar Hilfsangebote, aber es könnten mehr sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wohin können wohnungslose Frauen flüchten? Oft schämen sie sich für ihre Lage und wollen ihre Situation verbergen. Bei "Evas Haltestelle" in Berlin finden sie eine warme Mahlzeit und ein Bett, aber nicht nur das.

Die Müllerstraße ist eine der belebtesten Straßen im Berliner Stadtteil Wedding. Zwischen türkischen Gemüseläden, syrischen Bäckereien und großen Discountern gibt es einen Ort, der einigen Frauen Zuflucht bietet. Ein kleines Schild links von einer großen Schiebetür zeigt, dass sie hier bei "Evas Haltestelle" Hilfe bekommen können.

Es ist eine Einrichtung für obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen. Am Mittwochvormittag ist es ziemlich voll. Zwei Dutzend Frauen zwischen 30 und 70 Jahren sitzen an zwei großen Tischen und frühstücken. Manche von ihnen haben eine Wohnung, andere leben schon längere Zeit auf der Straße. Im Rahmen der Kältehilfe stehen auch 20 Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Sozialarbeiterin Claudia Peiter und mehrere ehrenamtlich arbeitende Frauen kümmern sich um sie. Sie organisieren, hören den Frauen zu und unterstützen die Hilfesuchenden.

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Im Stadtteil Wedding finden wohnungslose Frauen eine Anlaufstelle.

(Foto: Sonja Gurris)

Erst vor Kurzem ist die "Haltestelle" umgezogen. Etwas Neues zu finden, war nicht einfach. Nicht jeder Immobilienbesitzer will wohnungslose Menschen im Haus haben. Peiter spricht von einem "Glücksfall", dass sie Räume gefunden haben, in denen nun auch eine Beratungsstelle und das Modellprojekt "Housing First für Frauen" unter einem Dach gebündelt sind.

Flucht vor Übergriffen und Gewalt

Wie viele Frauen und Männer auf den Berliner Straßen leben, ist unklar. Derzeit arbeiten die Behörden an einer möglichst genauen Statistik. Schätzungen zufolge sind etwa 27 Prozent der Obdachlosen Frauen. In Berlin sind es bis zu 3000.

Peiter und ihr Team fangen die Frauen auf, die ganz unterschiedliche Lebensgeschichten mitbringen. Die einen haben Gewalt erlebt, andere haben Mietschulden angehäuft und sind von ihrem Vermieter gekündigt worden. Auch die Flucht aus der eigenen Familie ist für manche Frauen ein Grund, warum sie obdachlos werden.

Insgesamt gibt es nur 44 ganzjährige Notübernachtungsplätze für sie, sonst bleiben ihnen nur die geschlechtergemischten Stellen: "Frauen sind allerdings oft von Gewalterfahrungen so traumatisiert, dass die gar nicht in gemischte Einrichtungen mit Männern gehen würden", erklärt Peiter.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V beschäftigt sich seit Jahren mit den besonderen Umständen obdachloser Frauen. "Extreme Überlebensbedingungen, die erlebte Gewalt, Angst, Diskriminierung und permanenter Stress verursachen und fördern psychische und physische Erkrankungen", erklärt der Verband.

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"Evas Haltestelle" ist eine Anlaufstelle für Frauen, die nicht weiter wissen. Jeden Mittwoch gibt es ein großes Frühstück.

(Foto: SKF Berlin)

Die meisten Besucherinnen der "Haltestelle" sind ganz normal gekleidet, denn sie wollen nicht als Obdachlose erkannt werden. Das sei auch ein Art Schutz, erklärt eine Besucherin. Ihr Beispiel zeigt, wie schwer der Kampf ums Überleben ist.

Die 35-Jährige übernachtete lange auf einem gesperrten Kinderspielplatz. Sie legte sich dort unter Spielgeräte und hoffte, mit ihrem Schlafsack und der Plane gut versteckt zu sein. Sie suchte Schutz - nicht nur vor dem Wetter, sondern auch vor möglichen Angreifern.

Doch Felicitas, die eigentlich anders heißt, hat es geschafft und wohnt nun in ihrer eigenen Wohnung. Bei "Evas Haltestelle" schaut sie heute nur noch aus Verbundenheit vorbei. Zuletzt war sie ein halbes Jahr auf der Straße. Schon mehrfach war sie obdachlos und flüchtete vor ihrer Familie, die sie bedrohte und verfolgte. Die Sicherheit in den eigenen vier Wänden bedeutet ihr nun alles.

Eine Wohnung als Schutzraum

"Ich hatte zum einen immer Angst, dass mein Schlafsack angezündet wird und zum anderen, dass ich vergewaltigt werde." Sie versuchte Stolperfallen aufzustellen, damit sie bemerkte, wenn sich jemand näherte. Ihr Schlaf, so erzählt sie, war immer oberflächlich. Die Angst vor Angriffen war allgegenwärtig. Sie fühlte sich "ausgeliefert" und sei den Männern auf der Straße lieber aus dem Weg gegangen, sagt sie. Heute will sie einen Neuanfang. Sie möchte sich eine Ausbildungsstelle suchen, um unabhängig zu sein. Sie schaut nach vorne und hofft, dass das Kapitel Obdachlosigkeit für immer abgeschlossen bleibt. Die Einrichtung ist für sie aber immer noch eine Anlaufstelle.

Wer bereit für eine Wohnung ist, kann sich hier auch gleich beraten lassen. Eine Organisation des Sozialdienstes katholischer Frauen bietet Unterstützung. Mit dem Modell "Housing First für Frauen" versucht sie wohnungslose Frauen in die eigenen vier Wände zu bringen. Dort werden sie auch regelmäßig von Sozialarbeitern und Helfern besucht. Doch noch gibt es nur wenige Wohnungen. Es fehlen die kleinen, bezahlbaren Immobilien, die obdachlosen Frauen ein neues Zuhause und damit Sicherheit geben können.

Nur wenige Hilfsangebote

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V sieht gerade für obdachlose Frauen dringenden Bedarf. Die meisten Angebote gebe es in Großstädten, aber in kleinen Gemeinden sei eine entsprechende Infrastruktur eher Ausnahme als Regel. "Wir benötigen Wohnungen für wohnungslose Frauen und ihre Kinder, wir benötigen sichere Frauenräume, ein niedrigschwelliges Beratungs- und Hilfeangebot, das auch für die verdeckt wohnungslosen Frauen eine Anlaufstelle sein kann", fordert die Geschäftsführerin Werena Rosenke. Viele Frauen verdecken ihre Wohnungslosigkeit, indem sie gegen Gefälligkeiten bei Bekannten übernachten.

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Kleidungs- und Kosmetikspenden werden direkt an die Frauen verteilt.

(Foto: Sonja Gurris)

Sozialarbeiterin Claudia Peiter hat in ihrem Büro links von der Eingangstür alles im Blick. Wer kommt herein? Wer bringt etwas? Sie springt schnell auf, wenn jemand einen Wäschekorb mit Kleidern abgeben will. Neben dem Büro steht auch eine große Kiste mit allerlei Spenden. Gerade hat jemand Kosmetika, Hygieneartikel und Schminke gebracht. Viele Frauen stehen auf und schauen, ob sie etwas aus der Spendenkiste gebrauchen können. Sie ist gefüllt mit kleinen und großen Tuben und Tiegeln, daneben liegen ein paar gespendete Kleidungsstücke. "Frauentypische Artikel gehen hier immer sehr gut weg", sagt eine ältere Besucherin und schaut in der Box nach, ob auch für sie etwas dabei ist.

Auch Felicitas versichert: "Es ist wichtig, dass sie Zugang zu Hygieneartikeln haben, denn natürlich haben auch Frauen auf der Straße ihre Periode und brauchen gewisse Produkte." Sie glaubt, dass noch viel mehr in diesem Bereich getan werden muss: "Obdachlosigkeit muss so ernst genommen werden, dass draußen niemand vertrieben wird. Außerdem muss es mehr Übernachtungsplätze und günstigen Wohnraum geben." Mehr Unterstützung wünschen sich auch die Mitarbeiter. Sie verabschieden viele Besucherinnen mit Namen. Man kennt sich, viele kommen jede Woche.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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