Leben

Berggasse 19, Wien Auf Spurensuche in Freuds Privatgemächern

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Sigmund Freud 1937 mit seinem geliebten Hund im Arbeitszimmer.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Das umgebaute "Sigmund-Freud-Museum" in Wien umfasst jetzt auch die Familienwohnung des Vaters der Psychoanalyse. Die Räumlichkeiten erzählen von Freuds Alltag, bringen aber auch die Gräueltaten der Nazis ans Tageslicht. Ein Ortsbesuch.

Der seit Weihnachten in Österreich verordnete Lockdown wurde verlängert. Und das bedeutet, dass neben Geschäften und Gastronomie auch Museen geschlossen bleiben. Schade, es wäre eine erfreuliche Fügung gewesen, wenn das "Sigmund-Freud-Museum", das im Sommer nach umfangreichem Umbau wiedereröffnet wurde, rechtzeitig zum Gedenktag für die Holocaust-Opfer am 27. Januar Besucher hätte empfangen können. Denn das weltberühmte Haus in der Berggasse 19, in dem die Psychoanalyse ihre Geburtsstunde feierte, war ein stummer Zeuge der nationalsozialistischen Gräueltaten.

Freud und seine Familie verbrachten hier am 22. März 1938 bange Stunden. Die Gestapo, die schon seit Tagen das Haus überwachte, hatte Freuds jüngste Tochter Anna zum Verhör mitgenommen und erst spät abends wieder freigelassen. Freud floh noch im selben Jahr mit seiner Familie nach London. Seine Wohnung sowie die anderer jüdischer Nachbarn wurden zu "Judensammelwohnungen". Zwischen 1939 und 1942 warteten dort 79 Juden auf ihre Deportation.

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Im neuen Stiegenhaus stehen die Namen der Jüdinnen und Juden an der Wand, die in die "Sammelwohnungen" gebracht wurden.

(Foto: A. Affaticati )

An diese Geschehnisse erinnert jetzt das neue Stiegenhaus des Museums. An den Wänden des Treppenhauses sind die Schicksale der Menschen sowie die Geschichte des Hauses festgehalten. Und so erfährt man auch, dass das zwischen 1889 und 1890 errichtete Gebäude genau an der Stelle steht, wo sich zuvor das Haus von Viktor Adler, dem Gründer der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, befand.

"Eine Königin ohne Reich"

Das Konzept des Umbaus war es, die Besucher auf Spurensuche zu schicken. Und die betrifft nun nicht mehr nur Freuds Werk und seine Arbeit mit den Patienten, sondern auch seinen Alltag und den seiner Familie. Die Ausstellungsfläche wurde dafür verdoppelt und die Privatwohnung miteinbezogen. Die Wohnung befindet sich im Mezzanin, einem niedrigen Zwischengeschoss, gleich gegenüber der Arztpraxis. Hier lebte Freud von 1891 bis 1938 mit seiner Frau Martha Bernays, den sechs Kindern und der Schwägerin Minna.

Das Interesse für die privaten Räumlichkeiten ist groß, doch die Besucher seien vorgewarnt: Was sie erwartet, ist keine ausgestattete Wohnung. Als Freud im Juni 1938 Österreich für immer verließ und ins britische Exil ging, erlaubten ihm die Nazis, anders als den meisten auswandernden Juden, sein Hab und Gut mitzunehmen. "Deswegen bin ich so etwas wie eine Königin ohne Reich" sagt Monika Pessler, die Direktorin des "Sigmund-Freud-Museums", ntv.de während eines Rundgangs kurz vor Weihnachten. Die wenigen Möbelstücke sowie der Großteil der ausgestellten Möbel, Gegenstände, Bilder, Fotografien und Antiquitäten wurden dem Museum bei seiner Ersteröffnung 1971 von Anna Freud geschenkt oder sind Dauerleihgaben.

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Hier warteten Freuds Patienten darauf, aufgerufen zu werden.

(Foto: Hertha Hurnaus / Sigmund Freud Privatstiftung)

Heute gehen die Besucher, genau wie einst die Freuds und die Patienten, durch das Haustor. "Das ist besonders wichtig, damit sich der 'Genius Loci' entfalten kann", erklärt Pessler. Gleich rechts im Hochparterre erblickt man eine Tür, die in Freuds erste Praxis führt, bevor er sie ins Zwischengeschoss verlegte. Hier behandelte er einige seiner berühmten Fälle, zum Beispiel Ida Bauer. Heute werden in den Räumen Werke der Konzeptkunstsammlung des Museums ausgestellt.

Zwei Brillen und ein Schächtelchen

Weiter geht es die Stiege hinauf, die auch in Freuds Traumdeutung eine Rolle spielt. Im Mezzanin angekommen, befindet sich links die Privatwohnung und rechts gegenüber die späteren Praxisräume. Fotos davon, wie die privaten Zimmer einst ausgesehen haben, gibt es nur wenige. Hier muss der Besucher also seine Imaginationskraft in Anspruch nehmen, wobei ihm die Exponate aus dem Familienbesitz und die Beschreibungen auf den Ausstellungsdisplays zu Hilfe kommen: der Filzhut, den Freud auf Reisen trug; zwei Brillen, die er vor seiner Abreise nicht mehr abholen konnte; ein weißes Schächtelchen, auf dem eine mit Bleistift geschriebene Widmung Freuds an seine zukünftige Frau Martha steht; ein kleines Fotogestell mit den Porträts der Kinder; Bilder mit Widmungen von Kollegen, Freunden, Schriftstellern. Und dann sind da noch seine Werke, Briefe und Studien. Im Schlafzimmer trifft man auf die Traumdeutung, im ehemaligen Wohn- und Speisezimmer sind stattdessen wechselnde Kurzfilme mit Psychoanalytikern unterschiedlicher Schulen zu sehen.

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Medaillon mit Fotos der Kinder von Freud.

(Foto: Günter König / Sigmund Freud Privatstiftung)

Früher waren es drei Räume, einer davon nannte sich "Minnas Salon" und war Freuds Schwägerin vorbehalten. Im Speisesaal um den großen Esstisch, den Martha "die Ministertafel" nannte, versammelte sich jeden Sonntag die ganze Familie - einschließlich der Eltern und Geschwister Freuds und der angeheirateten Familienmitglieder samt Nachwuchs.

Imagination und Realität

Das "Freud Museum" in London um die ehemalige Einrichtung zu bitten inklusive der berühmten Couch, auf die sich die Patienten legten, war nie eine Option. Letztendlich war es auch nicht nötig, denn die Räume seien "ein Museum ihrer selbst", wie Hermann Czech, der leitende Architekt des Umbaus, im Museumskatalog schreibt. Anders gesagt: Die einstige Funktion der Zimmer ist wichtiger als das Mobiliar. Pessler ergänzt, dass eine Rekonstruktion "einer Geschichtsfälschung" gleichgekommen wäre. "Das Fehlen der ursprünglichen Einrichtung ist auch ein Mahnmal, das den Verlust von Kultur und Menschlichkeit unter dem Terrorregime des Nationalsozialismus ins Gedächtnis ruft", so die Museumsdirektorin.

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Das sogenannte "Herrenzimmer".

(Foto: Hertha Hurnaus / Sigmund Freud Privatstiftung)

Es liegt also an den Besuchern, Assoziationen und Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen. Es sei immer wieder "erstaunlich, wie sehr sich diese darauf einlassen". Pessler erzählt von einer Besucherin, die im Behandlungszimmer, wo einst die Couch stand und heute nur noch der Umriss des damals an der Wand hängenden Teppichs zu sehen ist, fest davon überzeugt war, die Couch doch noch hier gesehen zu haben. Eine Täuschung, zu der vielleicht auch die Reproduktionen von Edmund Engelmanns Schwarz-Weiß-Fotos beigetragen haben mögen. Dem Fotografen war es gelungen, sich kurz vor Freuds Abreise im Juni 1938 von der Gestapo ungesehen ins Haus zu schleichen und die Praxiszimmer zu fotografieren.

Für Freud-Interessierte heißt es nun erstmal abwarten, bis die Museen wieder ihre Tore öffnen dürfen. Wer sich schon im Lockdown ein Bild von den Räumlichkeiten machen möchte, kann sich über die Website virtuell durch das Museum führen lassen.

Quelle: ntv.de