Leben

In Vino Verena Das Lockdown-Leben der Golden Girls

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"Der Herbst des Lebens streut die buntesten Blätter auf unseren Weg."

Besonders die Alten leiden in der Pandemie. Doch irgendwo in Brandenburg gibt es eine Handvoll Rentner, die sich vom Lockdown-Alltag nicht unterkriegen lassen. Unsere Kolumnistin über ihre Mutter und Menschen, die sich im Winter ihres Lebens befinden und den Frühling im Herzen tragen.

"Mach schon mal Kartoffelsalat! Ich habe jetzt TÜV, am Samstag besuche ich dich - endlich! ", sage ich zu meiner Mutter am Telefon und will es kurz machen, aber kurz mit meiner Mutter telefonieren, heißt, ihr gefühlte drei Stunden beim Durchmoderieren zu lauschen.

Neulich habe ich neben dem Corona- noch einen Test für Geschäftssinn gemacht, bei dem herauskam, dass in mir gute Unternehmer- und Managerqualitäten stecken, und ganz ernsthaft - liebe Leserinnen und Leser, während ich diese Kolumne schreibe, überlege ich, wie ich meine Mutter zur Podcasterin ausbilde. Ich erkenne Potenzial und Talent und bin überzeugt, sie würde rasch durch die Decke knallen. Meine Mutter besitzt nämlich die Fähigkeit, dem Wahnsinn, der einen dieser Tage umgibt, noch eine Spitze draufzugeben. Das Gute: Nach einem Gespräch mit meiner Mutter hat man sofort weniger das Gefühl, dass alle um einen herum - und man dadurch natürlich auch selbst - langsam aber sicher freidrehen.

Neulich beispielsweise erzählte ich ihr einigermaßen in Rage, meine Querdenker-Nachbarn würden jetzt nach Indien auswandern wollen. Und während ich darüber schimpfe, dass sie mir jetzt auch noch Werbeprospekte irgendwelcher Schwurbeler-Parteien in den Briefkasten pfeffern, knackt es im Telefonhörer wie in einem Hasenstall, weil Mutter eine Möhre isst. Der Gordon habe ihr empfohlen, sich während des Lockdowns noch gesünder und bewusster zu ernähren. Gordon ist Mutters Personal Trainer. Also nicht nur ihrer, sondern von allen Bewohnern, denn Mutter wohnt seit einer Weile dort, "wo andere Urlaub machen". Es ist wie eine kleine Stadt in einer Stadt, eine Residenz - kein Altersheim - mit eigenen kleinen Wohneinheiten. Der jüngste Bewohner ist Mitte fünfzig, der älteste über neunzig.

FKK mit Monsieur Comme ci comme ça

Mutter sagt, wenn "der schöne Gordon" zum Frühsport auf den Rasen ruft, gehen auf ihrer Etage zwei Stunden vorher die Föhne an. Die Damen machen sich schick für den Trainer, der sogar mal ein Schönheitskönig war. In Mutters Residenz ist immer was los - sie machen das Beste aus dem Lockdown-Leben, sagt sie. Vor Corona zog sie im hauseigenen Schwimmbad regelmäßig ihre Bahnen. Aber stets nach neun Uhr morgens, denn vorher sei immer FKK und sie habe keine Lust, ständig "den nackten Monsieur Comme ci comme ça anzutreffen". Es reiche ihr, wenn "die Renate pausenlos vom Romeo der Residenz" schwärme.

"Monsieur Comme ci comme ça" heiße so, weil er auf Nachfrage nach seinem Befinden stets mit dieser französischen Phrase antworte. Er ist Ende 70 und sei auf dem Gut, auf das meine Mutter vor zwei Jahren gezogen ist, bekannt wie ein bunter Hund. Ständig würde er mit allen flirten und schnattern, sogar mit dem Hausarzt. Und dann erzählt sie mir von der Praxis des Hausarztes, an deren Tür sich jemand einen Scherz erlaubt und im Namensschild zwei Buchstaben entfernt hätte. Da stehe jetzt etwas nicht Jugendfreies und alle würden rätseln, wer von den Bewohnern sich den Scherz erlaubt haben könnte. Eine Graue-Panther-Detektei für so manche dubiose Vorgänge auf der Residenz stünde kurz vor der Gründung.

Bis zum letzten Atemzug

Während ich in all den Wochen, in denen wir telefonierten und uns nicht sahen, mal mehr mal weniger meine Mutter mit meiner Lockdown-Müdigkeit belatscherte, stellte ich immer wieder fest, wie sehr sie jeden einzelnen Tag versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Die Sonne im Gemüt behalten, auch wenn es manchmal schwerfällt. Anfangs sei das alles andere als einfach gewesen, vor allem als alles geschlossen worden sei, das Schwimmbad, die Sauna, das Café. Aber dafür traf man sich im kleinen, ausgedünnten Kiefernwäldchen vor der Tür auf den Parkbänken in gebührendem Abstand und erzählte sich Geschichten aus dem Lockdown-Alltag und über die Leute auf dem Gut.

Jene, die sich im Winter ihres Lebens befinden und dennoch oft den Frühling im Herzen tragen. Eine Handvoll Rentner, die sich von ihren Gebrechen nicht unterkriegen lassen und die, so gut es ihnen ihre alten Knochen eben erlauben, die Residenz und das Leben in ihr kräftig aufmischen - und das bis zum letzten Atemzug. Neulich habe es "das Irmchen" erwischt. Kein Corona, sondern das Herz. Ihr Tod sei dennoch plötzlich gekommen, noch am Tag zuvor habe sie voller Energie gesteckt. Die Nachbarin meiner Mutter starb in ihrem 84. Lebensjahr und sei eine zufriedene, kleine, sehr zähe Frau gewesen, die oft von ihrem Beruf als Journalistin erzählte und gern Zeitungsausschnitte von Artikeln präsentierte, die sie geschrieben habe. Bis zuletzt wusste sie über jedes Gerücht und jedes Ereignis im Hause genau Bescheid.

Seit geraumer Zeit, berichtet mir Mutter, soll Renate in Monsieur Comme ci comme ça verknallt sein. Der liebäugele aber vielmehr mit ihrer Nachbarin, die übrigens ebenfalls Renate heiße. Gefühlt höre jede Zweite in der Residenz auf den Namen Renate. Einmal - kurz vor dem Lockdown - habe sie mit vier Renates in der Sauna gesessen und sich von dem Residenz-Romeo einen heißen Eukalyptus-Aufguss verpassen lassen.

Weil Mutter nach einer Krebserkrankung und mit ihrem Vorhofflimmern zur Risikogruppe gehört, konnte ich sie, wie gesagt, lange nicht besuchen. Aber jetzt ist sie geimpft und in ihrem freudigen Überschwang hat sie den Arzt gleich so fest geherzt, dass sie ihn fast erdrückte - und eine der Renates schließlich die Kriminalermittlungen hätte aufnehmen müssen.

"Fünf Renates sind kein Girl zu viel"

Manchmal, und ich glaube, das liegt ein Stück weit auch an Berlin, spüre ich, wie sehr es mich raus aus der Großstadt zieht. In die Nähe meiner Mutter. Dahin, wo ich geboren wurde. Vormittags könnte ich im Park spazieren gehen und mich an der Kultur erfreuen. Denn man muss, um Pyramiden zu bestaunen, dank Fürst Pückler nicht nach Ägypten fliegen. Wussten Sie das? Die Seepyramide im Branitzer Park ist die einzige Deutschlands und das Grab des berühmten Fürsten. Und jetzt halten Sie sich bitte fest, liebe Leserinnen und Leser, direkt vor Mutters Wohnungstür steht ebenfalls eine Pyramide. Mehr Kultur geht nicht!

Ich sage zu ihr, man müsse aus all ihren wunderbaren Alltagserlebnissen unbedingt was machen. Vielleicht einen Podcast. Aber Mutter sagt, sie habe überhaupt keine Zeit für derlei Firlefanz, sie mache jetzt, zusätzlich zum Frühsport mit Gordon, noch einen Qi-Gong-Kurs. Das sei zwar anstrengend, aber schön. Vor einiger Zeit habe ich ein Manuskript geschrieben. Es trug den Arbeitstitel: "Alle irre außer mir". Weil sich kein Verlag für mein Meisterwerk begeistern konnte, pfefferte ich es kurzerhand in den Papierkorb. Jetzt schreibe ich ein neues Buch. Über Mutter und ihr Leben mit Gordon, Monsieur Comme ci comme ça und den ganzen Renates, die, um sie voneinander unterscheiden zu können, Renate 1 bis 3 sowie Perücken-Renate und Rote Renate heißen.

Ich glaube sehr fest an den Erfolg dieses Buches, auch wenn es nach den Berechnungen des Bestseller-O-Meters nur eine Chance von 34 Prozent hat, wohingegen Bücher, bei denen im Titel irgendwas mit "Girl" stünde, eine 99-prozentige Chance hätten, auf die Bestsellerliste zu gelangen. Vielleicht nenne ich das Buch: "Gordon und die Golden Girls". Oder: "Fünf Renates sind kein Girl zu viel". Mal gucken.

Quelle: ntv.de

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