Leben

Das Salz des Internets Die weiße Zerbrechlichkeit braucht keiner

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Die Botschaft vieler PoC - gegen Rassismus kann man nur gemeinsam etwas tun.

(Foto: dpa)

"No Justice, No Peace" - der Protestruf schallt nach dem Tod von George Floyd aus den USA herüber. Die sozialen Medien sind schwarz und haben den Hashtag "Black Lives Matter". Weiße Menschen können erstmal nicht mitreden und fühlen sich trotzdem angegriffen. Was ist da los?

Seit über zwei Wochen schreit das Internet nach Gerechtigkeit. Nachdem am 25. Mai der Afroamerikaner George Floyd von einem weißen Polizisten ermordet wurde, ploppt überall der Hashtag "Black Lives Matter" auf. Die drei Worte wurden schon vor dem Vorfall als Überschrift zur Aufdeckung von systematischem Rassismus verwendet. Aber mit Floyds Tod hat sich etwas geändert: In den sozialen Medien erzählen Betroffene von Rassismus und Polizeigewalt, Informationen werden geteilt und Demonstrationen organisiert.

In meiner Vorstellung gibt es nur eine richtige Konsequenz aus den Ereignissen der letzten, turbulenten Tage. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem der letzte Weiße verstehen sollte, was es bedeutet, mit dem Privileg der eigenen Hautfarbe geboren zu sein. An dem weiße Menschen kapieren, dass sie gemeinsam mit Schwarzen und den sogenannten People of Color (Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe) gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten angehen müssen, die nicht nur in den USA, sondern weltweit geschehen. Die Realität sieht leider anders aus, denn viele weiße Menschen tun nur eins: Sie jammern.

Bevor meine liebe Leserschaft jetzt aus Entrüstung einem kollektiven Herzinfarkt erliegt, möchte ich natürlich gerne erklären, was ich meine. Nicht alle Weißen sind Rassisten. Punkt. Das wäre eine unzulässige Verallgemeinerung eines eh schon extrem komplexen Themas, das unserer Empathie und unserer Fähigkeit zum Umdenken nicht gerecht würde. Aber als weiße Frau, die mit so vielen Privilegien aufgewachsen ist, empfinde ich es als notwendig, einmal ganz klar schwarz auf weiß zu schreiben, dass ich und andere, die mit dem Protest der "Black Lives Matter"-Bewegung solidarisch sind, niemals den Schmerz und die Verletzungen verstehen werden, die damit seit Jahrhunderten einhergehen. Ganz einfach, weil wir ihn niemals erlebt haben. Das sogenannte weiße Privileg, dass man höchstens durch die Medien oder Berichte von Betroffenen von strukturellem Rassismus erfährt und die Möglichkeit hat, sich mit diesem Thema entweder auseinanderzusetzen oder nicht, ist immer noch viel zu vielen gar nicht bewusst. Schon das allein ist eine Ungerechtigkeit sondergleichen, denn schwarzen Menschen bleibt bereits diese Möglichkeit verwehrt, schlicht aufgrund ihres Aussehens.

Weltbilder sind nur Konstrukte

Aus diesem Privileg Weißer, das so viel ökonomische und soziale Freiheit mit sich bringt, erwächst eine noch viel unangenehmere Eigenschaft, die wir nun betrachten können: White Fragility, frei übersetzt weiße Zerbrechlichkeit, die vor allem dann zutage tritt, wenn Menschen mit weißer Hautfarbe mit dem Auftreten von Rassismus in Kontakt kommen und dabei ihre Gedanken und Ideen über Rassismus infrage gestellt werden. Es reicht nur eine kleine Unstimmigkeit in der eigenen Vorstellung und schon bricht das ganze Konstrukt zusammen, das man sich so hart über die Jahre angeeignet hat. Laut der Soziologin Robin DiAngelo, die das Phänomen der weißen Zerbrechlichkeit im Rahmen von Rassismus erforscht hat, hat diese Erschütterung der eigenen Ideale sogar zur Folge, dass eine Reihe von Abwehrmechanismen in Gang gesetzt wird, um das eigene, das weiße Weltbild zu schützen. Gefühle wie Wut, Angst und Schuld sind die Folge davon. Um es kurz zu sagen: Sie jammern, weil ihnen rassistische Verhaltensweisen vorgeworfen werden.

Natürlich mögen wir es ganz und gar nicht, darauf hingewiesen zu werden, dass wir unser Weltbild täglich darauf überprüfen müssen, ob sich vielleicht Fehler eingeschlichen haben. Denken wir vielleicht in unangebrachten Stereotypen? Verharmlosen wir Dinge, indem wir rassistische Aussagen von Familie und Freunden einfach so hinnehmen, ohne sie anzusprechen? Sehen wir vielleicht sogar weg, wenn uns Rassismus auf der Straße begegnet? Zugegeben, das ist nicht angenehm, weil wir aktiv aus unserer Komfortzone heraustreten müssen.

Jetzt ist wirklich nicht die Zeit dafür, um bockig darüber zu sein, dass Menschen, die unsere Allianz dringend brauchen, uns darauf aufmerksam machen, dass auch wir darauf achten müssen, dass sich keine rassistischen Denkmuster in unseren Alltag einschleichen. Es ist erst recht nicht die Zeit, um zu streiten. Um leise zu sein, weil man vielleicht Angst hat, etwas Falsches zu sagen oder die Diskussion vollständig zu verlassen, weil man die Spannungen darin nicht aushält. Das Aufzeigen weißer Privilegien ist kein Angriff. Es ist lediglich eine Tatsache, mit der weiße Menschen zurechtkommen müssen, da hilft auch kein Zetern. Anstatt sich darüber konstant aufzuregen, sollten wir diese Privilegien besser nutzen, um die Betroffenen von Rassismus zu unterstützen. Damit können wir nicht nur die "Black Lives Matter"-Bewegung unterstützen, sondern auch gleichzeitig unser Weltbild erweitern. Eine klassische Win-win-Situation, wie es in der Marktwirtschaft so schön heißt.

Es ist nicht schwer

Was können wir als weiße Menschen also tun, um uns nicht auf unseren Privilegien auszuruhen und gleichzeitig eine Stütze für alle zu sein, die sie gerade dringender denn je brauchen? Das Wichtigste zuerst: Einfach mal die Klappe halten. Das eigene Ego, so aktivistisch das auch sein mag, einfach mal für die gute Sache zurücknehmen und denjenigen zuhören, die von jahrelanger Unterdrückung und systematischem Rassismus betroffen sind. Zuhören, was geschieht und verstehen, was gebraucht wird. Wichtig ist dabei auch, zu verstehen, dass schwarze Menschen nicht dazu verpflichtet sind, uns zu bilden. Das müssen wir schon schön selbst machen. Zum Beispiel, indem wir schwarze Literatur lesen, Aktivisten zuhören oder Dokumentationen zum Thema ansehen. Das ist unsere Möglichkeit, zu lernen, uns weiterzuentwickeln und Zusammenhänge zu verstehen, die lange genug im Dunkeln lagen. Wer gut informiert ist, hat weniger Angst.

Eine weitere Maßnahme, die uns zu einer verlässlichen Allianz der Bewegung und gegen Rassismus macht, ist so einfach, dass man es kaum glauben mag: einfach da sein. Wer zur nächsten Demo kommt und Präsenz zeigt, tut nämlich schon eine Menge. Solidarität zeigen und schon kann aus weiß und zerbrechlich ganz schnell weiß und trotzdem verlässlich werden. Ist das nicht toll? Und so einfach.

Es ist nicht einfach, alteingesessene Denkstrukturen zu durchbrechen und zu verstehen, dass das, was wir als weiße Menschen bisher getan haben, um unsere schwarzen und nicht-weißen Familienmitglieder, Freunde und Bekannten zu unterstützen, nicht genug war. Aber es ist auch eine Möglichkeit anzufangen, mehr zu tun, sich zu bilden und zu begreifen, dass es keine bessere Zeit gibt, damit anzufangen, als heute. Denn selbst wenn man erst heute damit beginnt, sich mit der "Black Lives Matter"-Bewegung auseinanderzusetzen, kann man Teil davon werden, gemeinsam eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen und damit die weiße Zerbrechlichkeit über Bord werfen. Die braucht wirklich kein Mensch.

Quelle: ntv.de