Leben

Männer? Die Kolumne. Digital Natives und analoge Einwanderer

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Hat den Baumstamm wahrscheinlich mit Google Maps gefunden: Digital Native.

(Foto: imago images/Westend61)

Unser Autor weiß, wie man eine URL kopiert und Dokumente scannt. Dass das nun nichts Besonderes ist, könnte man denken - es ist ja schließlich eine Online-Kolumne. Warum Selbstverständliches aber nie selbstverständlich ist und was das Ganze mit Holzheizungen zu tun hat, lesen Sie hier.

"Digital Native" ist ein Begriff, der mir nur schwer aus den Fingern fließt. Ich hadere nicht nur damit, weil ich irgendwann beschlossen habe, Schubladen doof zu finden und mich auch wirklich gern daran halten würde. Sondern vor allem, weil er mich ziemlich gut beschreibt: Ich habe weite Teile meiner Kindheit und Jugend vor Bildschirmen verbracht und die Natur vor der Haustür allen Anstrengungen meiner Eltern zum Trotz gekonnt ignoriert. Meinen ersten Computer habe ich mir von meinem Kommuniongeld gekauft, da muss ich acht oder neun gewesen sein.

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Schmecken analog deutlich besser als digital: Wiesenchampignons.

(Foto: imago images/Schöning)

Es dauerte nicht lange, bis ich die grundlegenden Zusammenhänge verstanden hatte und mich in der digitalen Welt mit ihren ungeahnten und aufregenden Möglichkeiten wohler fühlte als in der analogen, die für mich damals vor allem ein stinklangweiliger Ort mit Schulen drin war. Ich spielte für mein Leben gern am Computer und dabei vor allem Rollenspiele, am liebsten solche mit mittelalterlich angehauchtem Setting. Paradoxerweise durchstreifte ich die Welten von "Gothic" und Co. mit enormer Ausdauer und konnte stundenlang mit großer Begeisterung Heilkräuter im Pixelwald suchen oder Fleisch über digitalen Feuern braten - während ich meinen Eltern den Vogel zeigte, wenn sie mich dazu überreden wollten, Stockbrot unter dem Sternenhimmel zu backen.

Auch wenn ich heute für mein Leben gern Stockbrote in Lagerfeuer halte und Champignons lieber von echten als von gerenderten Weiden sammle, habe ich manchmal das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Das ist natürlich Quatsch, weil ich es ja einerseits jetzt nachhole und andererseits das Gefühl des Verpassens ohnehin ein ziemliches Quatschgefühl ist, das nur schlechte Laune macht. Abgesehen davon habe ich ja jede Menge tolle und ziemlich reale Erinnerungen an wunderschöne Abenddämmerungen in Azeroth (der Welt von "World of Warcraft") - und das meine ich durchaus nicht als Witz.

Wer's warm will, muss Feuer machen

Vor allem aber fühle ich mich dank meiner digitalen Sozialisation wie ein Fisch im Wasser der bisweilen ganz schön brackigen Kanäle des Internets: Ich bestelle mit wenigen Mausklicks neue Sneaker und recherchiere in Sekundenschnelle Infos, für die ich früher Nachmittage in Archiven und Bibliotheken hätte verbringen müssen. Ich kann mich unkompliziert mit Freunden verabreden und wenn ich einen Film schauen will, konsultiere ich den Streamingdienst meiner Wahl. Das alles geht meiner Generation und den darauffolgenden so selbstverständlich von der Hand, dass wir die meiste Zeit gar nicht mehr darüber nachdenken, dass es das eigentlich gar nicht ist. Ich selbst bin da keine Ausnahme, wie ich leicht schmerzhaft feststellen musste.

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Hat jede Menge Holz in der Hütte: der Autor.

(Foto: Julian Vetten)

Vor kurzem wollte mir ein mittelalter Bekannter aus dem Dorf, in das wir gezogen sind, die Holzheizung erklären. Er war ganz hektisch, weil er im Anschluss noch in die Stadt fahren musste, um seinem Rechtsanwalt rechtzeitig vor Feierabend irgendwelche Unterlagen vorbeizubringen. "Keine Zeit, die Heizung erklär ich dir später", deklamierte er und wandte sich zum Gehen. Ich kam zuerst gar nicht auf den Gedanken, das zu hinterfragen. Weil ich aber schon ein wenig fror und mich wirklich wahnsinnig auf eine funktionierende Heizung gefreut hatte, rief ich ihm dann doch noch leicht verzweifelt hinterher, warum er das Zeug nicht einfach einscanne oder abfotografiere und dann per Mail verschicke. Der Bekannte blieb stehen: Er habe sowas noch nie gemacht habe und verfüge überdies auch gar nicht über die elektronische Adresse des Anwalts. Eine Minute später lagen die Dokumente sauber eingescannt in der Mail der Kanzlei. "Wahnsinn, wie einfach das geht", sagte der Mann, rollte die Ärmel hoch und marschierte Richtung Werkstatt, um mir das mit der Heizung zu erklären.

Ich fühlte mich gut vorbereitet, immerhin hatte ich in den Wochen zuvor nicht nur mit viel Elan Dutzende Kisten voller Holzscheite und kleiner Bretter feinsäuberlich in die leergeräumte Werkstatt geschlichtet, sondern auch mehrere Erklärvideos zum Thema auf Youtube studiert. Weil so ja eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte, hörte ich der Erklärung meines Bekannten nur mit halbem Ohr zu und horchte erst auf, als er sagte: "Und wenn du hier die großen Scheite auflegst, hast du auch mal zwei Stunden Ruhe." Der Satz ergab in meinen Ohren irgendwie keinen Sinn, das klang nach allem, nur nicht nach Ruhe. "Und wie oft muss ich das dann machen?", wollte ich vorsichtshalber wissen. Der Bekannte sah mich mit dem gleichen ungläubigen Blick an, den ich vor ein paar Minuten an den Tag gelegt hatte: "Na, jeden Tag, wenn ihr's warm haben wollt. Sowas weiß man doch."

Integrationskurs für analoge Einwanderer

Natürlich ergibt es Sinn, dass ein Feuer nur brennt, wenn man sich mit einiger Regelmäßigkeit darum kümmert. Dass man vergleichsweise viel Holz dafür braucht, wusste ich zwar auch - ich hatte nur eben noch nie die Transferleistung von wild-romantischen Lagerfeuerabenden hin zum schnöden Alltag gemacht und überschlug nun im Kopf voller Grauen, wie viel Lebenszeit ich dieser hungrigen Holzheizung in Zukunft widmen müsste. Kurzum: Ich fürchtete mich ebenso sehr vor dem Alten, wie sich mein Bekannter vor dem Neuen fürchtete.

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Tatsächlich dauerte es dann doch nur ein paar Tage, bis ich mich an den neuen Rhythmus gewöhnt hatte - mittlerweile genieße ich die Regelmäßigkeit und das befriedigende Gefühl, Herr über meine eigene Wärme zu sein. Ein ganz anderes und dabei doch ziemlich ähnliches Gefühl von Selbstermächtigung erfüllt gerade meinen Bekannten, der nach seiner Mail-Erweckung mit kleinen Schritten die digitale Welt für sich entdeckt. Wenn ich sehe, wie umständlich und vorsichtig er dabei auf seinem Handy herumtippt, muss ich mir manchmal ein Lächeln verkneifen. Bis mir einfällt, wie linkisch ich auch nach Wochen im Umgang mit der Heizung noch bin und mich ein bisschen schäme.

Wenn ich dann noch ein bisschen länger nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass weder Überheblichkeit noch Minderwertigkeitsgefühle angebracht sind, schließlich sind wir alle nur Kinder unserer eigenen Sozialisation: Mein Bekannter ist eben ein "Digital Immigrant", wie der ziemlich dämliche Fachbegriff für jemanden lautet, der all die Dinge, die wir Spätgeborenen quasi in die Wiege gelegt bekommen haben, erst auf die harte Tour im Erwachsenenalter lernen muss. Ich bin dagegen wohl ein "Analog Immigrant", was fast noch bescheuerter klingt und deshalb vielleicht zu Recht kein feststehender Ausdruck ist. An der Tatsache, dass ich viele Dinge, die für die älteren Jahrgänge quasi selbstverständlich sind, erst umständlich verinnerlichen muss, ändert das allerdings nichts. Ebensowenig wie an meiner Überzeugung, dass analog und digital sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, sondern im besten aller Fälle eine Einheit bilden. Vielleicht schaffen wir es ja mittelfristig sogar, nachfolgenden Generationen beide Welten in die Wiege zu legen. Bis es soweit ist, fordere ich Integrationskurse für analoge Immigranten wie mich, optimalerweise im Tandem mit den digitalen Einwanderern da draußen: Es gibt noch so viel zu lernen, für alle von uns.

Quelle: ntv.de