Leben

"Veränderung ist schön" Fotoreihe zeigt, wie Menschen altern

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Der Anfang der Fotoreihe: ein wenige Monate alter Säugling.

(Foto: Thomas Kierok)

Thomas Kierok arbeitet als freischaffender Fotograf für Magazine, Firmen und Werbeagenturen und ist auch als Dozent für Fotografie tätig. Für das Projekt "100 Years of Life", aus dem ein Fotobuch werden soll, hat er 100 Gesichter aus 100 Geburtsjahrgängen chronologisch porträtiert - vom Neugeborenen bis zur 100-Jährigen. Kierok sprach mit n-tv.de über die Idee hinter dem Projekt und welche Überraschungen er dabei erlebt hat.

n-tv.de: Warum aus jedem Jahr eine Person, ein Porträt?

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Ein dreijähriges Mädchen: Bei den Kindern sind die Veränderungen "am dramatischsten".

(Foto: Thomas Kierok)

Thomas Kierok: Mir ging es um das Ganze, ich wollte das ganze Leben zeigen, auch ein bisschen den Kreislauf des Lebens. Ich bin mit 50 so mittendrin. Ich habe sozusagen die Kindheit 50 Jahre hinter mir und jetzt den Blick nach vorn: Was kommt vielleicht noch auf mich zu? Andersherum kann ich in den Bildern auch bei den Kleinen, den Jüngeren mit etwas Fantasie schon die Älteren sehen. Und in den Alten kann ich wiederum mit etwas Fantasie die Kinder sehen. 100 Jahre wird nicht jeder, aber ich wollte mal das ganze Leben so auf einen Blick zeigen.

War Ihr 50. Geburtstag so etwas wie der Anstoß?

Ja, ich bin vor zwei Jahren 50 geworden und da ist mir erstmal in meinem Bekanntenkreis aufgefallen, dass sich die Veränderungsprozesse beschleunigt haben – bei anderen, auch bei mir. Wenn ich Freunde mal ein halbes Jahr oder ein Jahr nicht gesehen hatte, dachte ich: Da hat sich was getan. Das war früher nicht so, mit 30 habe ich auf so was nicht geachtet. Dann habe ich bei meiner 80-jährigen Mutter Veränderungen festgestellt, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Und bei den Kindern - ich habe zwei Kinder, 10 und 13 - war es am dramatischsten. Da ist mir aufgefallen: Wow, da passiert ja doch eine ganze Menge. Das war dann der Ursprung der Idee, wo ich dachte, das solltest du mal festhalten. Dann kam relativ schnell die Idee mit 1 bis 100.

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Ich habe überlegt: Wie fotografiere ich die Leute? Dann habe ich viel getestet, probiert und dann ein sehr neutrales Licht genommen, ein LED-Licht. Das ist ganz weich, ganz "ehrlich", ein Repro-Licht. Ich als Fotograf habe mich zurückgenommen. Fotografiert habe ich vor einem schwarzen Hintergrund, damit man nur das Gesicht sieht. Eigentlich sind nur Augen und Mund zu 100 Prozent scharf.

Wie haben Sie die Menschen gefunden, die sich dafür porträtieren ließen?

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Ein 82-Jähriger.

(Foto: Thomas Kierok)

Das war schwieriger, als ich dachte. Ich hatte mich da etwas verschätzt. Ich unterrichte auch bei Imago Fotokunst, gebe da Workshops und habe dort in einer Gruppe gesagt, ich mache ein Projekt, dann zeige ich euch mal, "wie das der Profi macht". Ich dachte, ich mache das so neben meinen Aufträgen innerhalb von vier bis sechs Wochen oder zwei Monaten - es hat zwei Jahre gedauert. Viele der Fotografierten sind Bekannte, Freunde und Freunde von Freunden. Am Anfang ging es relativ schnell, da habe ich jeden fotografiert, wen ich eben kannte. Dann brauchte ich Leute für ein bestimmtes Alter - einen 17-Jährigen, einen 23-Jährigen … Da wurde es dann schon ein bisschen schwieriger und ich habe auch mit Modelagenturen zusammengearbeitet. Bei den 70- bis 100-Jährigen war es am schwierigsten. Ich kenne nicht so viele in dem Alter. Da habe ich dann sehr viel telefoniert und unter anderem die Stefanus-Stiftung gefunden, bei denen habe ich sehr viele Menschen fotografiert.

Die Porträtierten sind alle sehr pur dargestellt, auch ohne Brille, wobei ja doch einige sicher Brillenträger sind. Man sieht auch fast keinen Schmuck oder anderes Beiwerk wie Halstücher oder Haarreifen. Es bleibt eigentlich nur die Frisur als Mittel, das Erscheinungsbild individuell zu beeinflussen. Warum diese Beschränkung?

Mir ging es um ein sehr reduziertes Foto. Ich habe den Leuten tatsächlich gesagt: Schmuck, wenn es geht, sollen sie abnehmen, Brille auch, weil das dann noch so ein anderes modisches Accessoire ist. Mir ging es um das Gesicht, um die Haut, um die Augen, die Form. Ich wollte so wenig Ablenkung wie möglich haben.

Welche Vorgaben hatten die Porträtierten noch?

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Sie sollten nicht lächeln oder lachen, sondern mit einem neutralen Gesichtsausdruck in die Kamera sehen. Das war meine Ansage, um die Bilder vergleichbarer zu machen. Ich habe auch allen gesagt, dass sie einen etwas weiteren Ausschnitt tragen sollen, damit keine Kleidung mit auf den Fotos ist. Ich habe auch keine Accessoires mit ins Bild genommen wie Mützen. Dann sollten sie sich so wenig wie möglich schminken. Ich bin aber einen Kompromiss eingegangen – in jedem Alter gab es ein paar Leute, die schon geschminkt waren, das habe ich dann einfach so gelassen, weil das für sie auch zur Persönlichkeit dazugehört. Ich habe niemanden abgeschminkt.

Es sind ja verschiedene Ethnien dabei, es sind nicht alles Deutsche, aber keine Frau, die ein Kopftuch trägt. Ist das Zufall oder hätte das nicht gepasst wegen der Regel "keine Kopfbedeckung"?

Das ist Zufall. Und: Es ist ja ein künstlerisches Projekt und kein wissenschaftliches. Das heißt, ich habe da meine künstlerische Freiheit. Für mich müssen alle Personen Stellvertreter des Lebens und auch des Alters sein. Sie sind daher auch austauschbar, weil sie für dieses Alter stehen und ich habe versucht, so viel wie möglich abzubilden. Aber ich habe jetzt nicht alle ethnischen Gruppen dieser Welt dabei.

Durch das Ungeschminkte, Pure der Aufnahmen sind ja auch alle Makel gut sichtbar, es ist kein verstecken möglich hinter Accessoires. War es schwierig, die Menschen zu überreden, sich so zu zeigen?

Für manche war es einfacher, für andere schwieriger. Ich habe ja vorher gesagt, wie ich es mache, sie haben Fotos gesehen. Da wussten sie, worauf sie sich einlassen. Manche waren entspannt, eine hat einen Rückzieher gemacht. Sie hat sich erst fotografieren lassen und dann wollte sie es nicht, weil sie es doch zu ehrlich fand. Grundsätzlich fanden alle, die dabei waren, es in Ordnung. Aber es hat schon etwas sehr Ehrliches, wie man sich sonst vielleicht nicht zeigt. Darum ging es letztendlich natürlich auch.

Menschen wollen in der Regel schmeichelhaft porträtiert werden, von ihrer "Schokoladenseite". Man will möglichst gut aussehen, möglichst auch jünger. Hier steht ja nun das Alter auch unter dem Bild, niemand kann sich jünger schummeln. Das wahre Alter anzugeben war auch für niemanden ein Problem?

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41-jährige Frau.

(Foto: Thomas Kierok)

Ich habe mir nicht die Ausweise zeigen lassen (lacht). Aber alle, die mitgemacht haben, wussten ja, worum es geht. Insofern war es schon klar, dass da Ehrlichkeit verlangt ist und wenn jemand das nicht gewollt hätte, dann hätte ich ihn auch rausgenommen. Ich bin schon ein Porträtfotograf für Magazine, für Agenturen, für Werbung und ich bin jemand, der gut schöne Bilder machen kann. Das ist auch oft mein Job, dass ich Politiker oder Schauspieler oder auch "normale Leute" eher schmeichelhaft fotografiere. Ich finde die Fotos jetzt nicht unschön - sie haben durch diese Ehrlichkeit auch eine Schönheit. Aber es ist jetzt nicht schmeichelhaft.

Was war für Sie das Überraschendste im Laufe dieses Projekts?

Als ich die 90- und 100-Jährigen fotografiert habe, habe ich gemerkt: Mir war gar nicht so bewusst, wie viele Lebensjahre noch kommen können. Wenn ich 100 werden sollte, das ist ja noch mal eine riesige Lebensspanne! Das ist mir dabei aufgegangen. Und natürlich: wie schnell das Leben so läuft.

Das ist ja auch sehr sichtbar bei den Fotos - bei den Kindern stellt man sehr große Veränderungen fest von Jahr zu Jahr; so ab 60 oder 70 verschwimmt es hingegen ein bisschen.

Das ist mir auch so gegangen. In den ersten Lebensjahren passiert am meisten, die Gehirnentwicklung, Persönlichkeit und so weiter, bis 10, bis 20. Ich finde auch - diese Wahrnehmung ist natürlich sehr subjektiv -, so um die 50 passiert schon noch mal viel äußerlich mit Haut und Haaren und dann mit 60 ist so ein Prozess auch irgendwie abgeschlossen. Zwischen 65 und 100 ist das Alter nicht mehr zu sehen. Teilweise sieht ein 70-Jähriger aus wie 65 und ein 65-Jähriger wie 80. Da ist kein Alter mehr eindeutig zuzuordnen, weil die Leben dann auch extrem auseinandergehen. Denn das habe ich auch erlebt, dass einige mit 67 im Rollstuhl saßen und eine 90-Jährige erzählt hat, sie heiratet zum dritten Mal, aber der Mann muss zehn Jahre jünger sein, weil die Männer in ihrem Alter so ein bisschen langweilig sind. Da kam mir die Erkenntnis, dass da noch viel möglich ist.

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Thomas Kierok wurde 1966 in Hamburg geboren und lebt und arbeitet in Berlin.

(Foto: MIKA)

Haben Sie einen Unterschied bemerkt im Alterungsprozess zwischen Männern und Frauen?

Ich habe das Gefühl, Jungen und Mädchen sind so unisex, also nicht als Jungen oder Mädchen zu erkennen. Das kenne ich auch so vom Spielplatz, wo man das teilweise nicht sieht. Im Alter scheint das ähnlich zu sein, da werden Männer eher ein bisschen feminin und Frauen maskulin von ihren Zügen her. Aber sonst sind die Alterungsprozesse schon sehr ähnlich bei Männern und Frauen.

Und wann kam dann die Idee, daraus ein Buch zu machen?

Schon während des Projektes habe ich gemerkt, dass es die Qualität dafür hat. Es war ja auch spannend: Was finde ich dabei heraus? Bekomme ich die Leute dafür? Am Ende habe ich um die 200 fotografiert, um dann die 100 zu haben.

Wird es zu den Fotos einen Begleittext geben, persönliche Angaben oder Geschichten?

Nein, nur die Fotos und einen Einführungstext. Es geht nicht so sehr um einzelne persönliche Geschichten, sondern darum, zu zeigen: Jeder Mensch und jedes Lebensalter sind einzigartig und schön. Leben ist Veränderung. Und Veränderung ist schön.

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Mit Thomas Kierok sprach Andrea Beu

Um aus dem Projekt ein Fotobuch entstehen zu lassen, hat Thomas Kierok eine Crowdfunding-Kampagne gestartet - bei kickstarter kann man es noch bis zum 1. Juli 2018 unterstützen. Über das Crowdfunding soll der Druck der Erstauflage finanziert werden. Unter den diversen Dankeschöns an die Unterstützer sicher das Highlight: Man kann sich von Thomas Kierok porträtieren lassen und in das Buch aufgenommen werden.

Update: Die Crowdfunding-Kampagne war erfolgreich; das Fotobuch wird also gedruckt und im August 2019 erscheinen.

Quelle: n-tv.de

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