Leben

Fotos mit eigenem Leben Frédéric Brenner "zerheilt" Brüche im Judentum

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Auf Spurensuche: Das intime, vielschichtige Porträt von Carey Harrison war das erste der Serie.

(Foto: Frédéric Brenner, Jüdisches Museum Berlin)

Frédéric Brenner dokumentiert seit 40 Jahren jüdisches Leben. Weltweit. Drei Jahre lang fokussiert sich der Fotograf dabei auf Berlin. In seinem Buch und der Ausstellung "Zerheilt" setzt Brenner die Stücke eines diversen Judentums zusammen.

Der Mann ist nackt, liegt bäuchlings, fast wie ein Gekreuzigter, auf der Erde. Auf seinem Rücken ist ein Text tätowiert. Was macht der Mann da? Ein anderer Hingucker ist ein halbierter Mann. Er ist halb im orthodoxen Gewand, halb normal gekleidet. Das großformatige Porträt macht neugierig, wirkt irgendwie auch humorvoll, obwohl der Halbierte sehr ernst schaut. "Meine Fotografien leben ihr eigenes Leben. Das ist wie bei einer Flaschenpost, die man ins Meer wirft. Sie ist weg und beginnt ihre Reise", sagt Frédéric Brenner ntv.de.

Beide Männer tragen Geschichten im Herzen, haben ihre Schicksale im Gepäck, so wie der Fotograf selbst. Die Fotos produzieren beim Publikum Bilder im Kopf. Bei jedem andere. "Projektionsflächen zum Nachdenken" will der Fotograf mit seinen Arbeiten bieten. 50 seiner Fotos sind in der sehenswert inszenierten Ausstellung "Zerheilt" bis zum 24. April in Berlin zu sehen. Vom Jüdischen Museum aus wandern die eindringlichen Porträts weiter nach Amsterdam.

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Ambivalent und neugierig machend sind die Porträts von Brenner. Auf dem Feuerzeug ist eine nackte Frau zu sehen.

(Foto: Frédéric Brenner, Jüdisches Museum Berlin)

Welche der vielen Schichten die Betrachter für sich freilegen, welche Rätsel, welche Brüche in der jüdischen Geschichte sie entschlüsseln, ist aufregend. Auch für den Fotografen selbst. Brenner hat mit seiner Kamera jüdisches Leben in Berlin erforscht. "In der Ausstellung finden sich keine Bildbeschreibungen. Die Fotos können nicht ein- oder zugeordnet werden", erklärt er. Es gibt Leerstellen, ein Dazwischen, das man nicht benennen kann. Jeder ist eingeladen, zu entdecken, was über das Sichtbare hinaus in dem Foto steckt. Alle haben Berührungspunkte."

Was ist jüdisches Leben?

Nach der Einzigartigkeit des Holocausts erkundet Brenner die Inszenierung des Jüdischen in Berlin, denn "jüdisches Leben wird von Juden und Nichtjuden gelebt", sagt er. "Mein Fotoessay 'Zerheilt' ist über die Performance von Judentum in dieser Stadt. Jüdisches Leben gibt es überall auf der Welt." Ja, das gibt es überall auf der Welt, aber Berlin ist wie ein Brutkasten. Ein unglaubliches Laboratorium, wobei die Schwere der Geschichte und die Verantwortung, die die Deutschen mit ihrer Erinnerungsarbeit übernehmen, einzigartig ist. "Das Anderssein hier ist vielfältig und spiegelt mehr als Themen wie Religion, Gender oder Ethnien wider", so Brenner.

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Spannend inszeniert - das Publikum kann viel entdecken aus immer neuen Blickwinkeln.

(Foto: Juliane Rohr)

In seinem fotografischen Essay zeigt Brenner Neuangekommene, Alteingesessene, zum Judentum Konvertierte. Menschen, die dazugehören, ausgeschlossen sind, Sehnsucht haben. Ihnen allen hat der 63-Jährige freie Hand bei der Motivwahl gelassen. Auch für ihn eine neue Erfahrung. Wenn er Prominente wie Steven Spielberg oder Barbra Streisand fotografiert, ist alles bis ins kleinste Detail vorbereitet. Merkt er einen Unterschied zwischen berühmten und weniger bekannten Menschen? "Nein, denn am Ende geht es darum, diesen einen Moment der Intimität einzufangen und Träume zu schaffen. Ich muss selbst überrascht werden." Erst dann hat er das richtige Foto. Dazu führt er intensive Vorgespräche. Diese hören die Besucher in "Zerheilt" wie ein großes Gemurmel im Hintergrund. Alles ist durcheinander, die gesprochenen Bruchstücke können nicht zugeordnet werden.

Eigenes Genre erfunden

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"Ich komme von der Tradition des Fotojournalismus, habe aber in gewisser Weise mein eigenes Genre erfunden", sagt Brenner.

(Foto: Yves Sucksdorff)

Frédéric Brenner blickt auf eine globale Künstlerkarriere zurück. Er ist Autodidakt, hat in Paris französische Literatur und soziale Anthropologie studiert. Mit 19 Jahren begann er mit seinem ersten Fotoprojekt, erkundete in Jerusalem Mea Shearim. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts kamen seine Bewohner aus Osteuropa in dieses Stadtviertel. "Ich hatte das Glück, großartige Fotografen wie André Kertész und Robert Doisneau zu kennen. Sie haben mein fotografisches Auge beeinflusst. Doisneau hat meinen Großeltern während des Krieges geholfen. Aber die Verluste der Familie, das Leid, während der Shoa, das schwierige Überleben mitten in Paris während der Besatzung, das alles blieb unter einem Mantel des Schweigens."

Weltweit begibt er sich auf Spurensuche. Arbeitet 25 Jahre lang in 40 Ländern. Dabei entsteht das Buch "Diaspora - Heimatländer in Exil", wofür er ausgezeichnet wird. Mit seinen besonderen Fotos bespielt er überall Ausstellungen. "Langsam, ganz langsam habe ich mein eigenes Puzzle zusammengesetzt." In seiner Familie gab es "das Gesetz, kein Deutsch zu reden, nichts aus Deutschland zu kaufen geschweige denn dorthin zu reisen", erzählt er. 1978 bereiste er Deutschland dennoch, besuchte eine Freundin, die er in Israel kennengelernt hatte. Wie war das für ihn, plötzlich im Land der Täter zu sein? "Ich fragte mich bei jedem älteren Menschen, der mir begegnete: 'Was hat der während des Naziregimes gemacht?' Das Misstrauen hat sich später gelegt." Eine antisemitische Attacke hat er noch nie erlebt. "Egal, wo auf der Welt", sagt er und seine so wachen Augen funkeln noch mehr. Er gibt jedoch zu bedenken, dass er nicht in den sozialen Medien unterwegs ist.

Mit einer portablen Identität

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Während Brenners Artist-in-residence-Jahr 2016 am Wissenschaftskolleg zu Berlin kam ihm die Idee, Judentum in Berlin mit all seinen Dissonanzen abzubilden. Das erste Foto der Serie machte er von Carey Harrison, dem Sohn von Lili Palmer und Rex Harrison. Der britische Autor war mit ihm am Wissenschaftskolleg und bat Brenner, ihn zu fotografieren. Es ist der Mann, der nackt und voller Anmut wie ein gefallenes Blatt auf deutschem Boden liegt. Es ist das Bild, zu dem Brenner im Gespräch immer wieder zurückkehrt. Obwohl jedes der in der Schau versammelten Arbeiten "ein Fragment meiner selbst ist. Ich brauchte 50 Fotografien, um zu erzählen, was ich wollte. Ohne das Echo in mir gäbe es diese Bilder nicht. Aber wenn mich einer fragt, welches das eine ist, in dem ich mich am meisten wiederfinde, dann ist es vielleicht das von Carey. Zumindest zu diesem Zeitpunkt."

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In seinem Fotoessay „Zerheilt“ fängt Brenner die Performance von Judentum in Berlin ein.

(Foto: Frédéric Brenner, Jüdisches Museum Berlin)

In seiner Ausstellung "Zerheilt" werden Narrative gegen den Strich gebürstet. Identität ist ein Wort, das einem schließlich in den Sinn kommt. "Unser Fehler ist, dass wir Identität mit Territorien koppeln. Juden hatten Jahrhunderte nicht das Privileg, ein Land zu haben. Sie haben einen hohen Preis dafür bezahlt. Sie haben mit einer portablen Identität überlebt, in einer Diaspora, die mit einer inneren Geografie verbunden war." Wo ist seine Heimat? "Die finde ich auf meinen Reisen in meinem Inneren" - Brenner kommt gerade von einer dreiwöchigen Mediation. Ganz ohne Computer, in völliger Stille. Kein Reden, kein Schreiben. Nur er und seine Gedanken. "Ich war in so vielen Ländern. Beim Meditieren geht es um den eigenen inneren Raum. Es ist ein wichtiger Weg, sich selbst zu öffnen, Mitgefühl zu haben, Narrative loszulassen, aufzuhören zu urteilen. Ich glaube, dass Identität schrumpft. Aber es ist wohl eine Reise, für die wir mehrere Leben brauchen."

Die Ausstellung "Zerheilt" läuft bis zum 24. April im Jüdischen Museum in Berlin. Der Eintritt ist frei. Am 2. März spricht Frédéric Brenner im Museum ab 19.30 Uhr über seine Arbeit. Zum Livestream geht es hier.

Quelle: ntv.de

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