Leben

Mit dem Laptop vor Capris Küste "Go West"? Jetzt arbeitet man im Süden

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Die Faraglioni-Felsen vor Capri - arbeiten mit Aussicht statt Ferien.

(Foto: imago images/vencavolrab)

Das Projekt nennt sich "South Working". Es will den vielen Süditalienern, die aus dem Norden zurückgekehrt sind und jetzt wieder in ihren Heimatorten arbeiten - und in Zukunft auch jedem, der möchte - die Alternative einer neuen Lebensgestaltung bieten.

Heißt es nicht, jede Krise birgt eine Chance? So abgedroschen der Satz auch ist, wahr bleibt er trotzdem. Warum das so ist, weiß zum Beispiel die 28-jährige Sizilianerin Elena Militello. Sie hat Rechtswissenschaft in Mailand studiert und sich dann in den USA, in Freiburg im Breisgau und in Luxemburg weitergebildet. In Freiburg war sie schon als Kind, weil ihr Vater, ein Strafrechtler, am Max-Planck-Institut forschte. Daher neben Englisch und Französisch auch ihre Deutschkenntnisse. Als die Pandemie ausbrach, war sie in Luxemburg. Ende März 2020 ging sie zurück nach Palermo. "So ging es vielen meiner Freunde, die von der ersten Welle nach Süditalien zurückgeschwemmt wurden", sagt sie am Telefon mit ntv.de.

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Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ... da kann uns schon mal wehmütig werden.

(Foto: imago/Westend61)

Laut Schätzung von Svimez, einem Institut, das sich mit der Entwicklung Süditaliens befasst, sind an die 100.000 vornehmlich junge, gut ausgebildete Süditaliener, die einst nach Nord- und Mittelitalien oder sogar ins Ausland gezogen sind, weil sie zu Hause keine Chancen hatten, zurückgekommen. Nicht nur nach Sizilien natürlich, auch nach Apulien, Kampanien, Kalabrien und in die Abruzzen kehrten sie zurück. Die Flucht der "hellen Köpfchen" besonders aus dem Süden ist seit Jahren ein gravierendes Problem für diesen Teil Italiens. An die eine Million Süditalienerinnen und -italiener haben in den letzten Jahren ihre Heimatorte und Familien verlassen, um sich anderswo eine Zukunft aufzubauen.

Doch das könnte sich jetzt ändern. Vor allem dank Militello und dem von ihr gegründeten Verband "South Working Lavorare al Sud". Ziel des Verbands ist es, den Heimkehrenden und in Zukunft, wenn die Pandemie besiegt sein wird, auch Ausländern die Rahmenbedingungen zu bieten, um sich im Süden niederzulassen. Die Alternativen, mit Blick auf den Ätna oder im Herzen der Trulli-Landschaft in Apulien zu arbeiten, könnte die Erfüllung eines Traumes darstellen. Mal ganz abgesehen von den netten Nebeneffekten, den die südländische Hausmannskost und das herrliche Wetter bieten.

Arbeiten mit Blick aufs Meer - unbezahlbar

So war es für Elena Militello, die mittlerweile an der Universität von Messina arbeitet: "Mein Vertrag in Luxemburg ist vorigen Sommer ausgelaufen. Die letzten Monate habe ich mit Blick auf das Meer gearbeitet. Das war und ist unbezahlbar." Deswegen kam sie auf die Idee, diesen Verband zu gründen. Sie sprach mit Freunden und Altersgenossen, darunter Architekten, Designer, Forscher, Marketingleute, die ihre Gefühle teilten. Da die Pandemie gezeigt hat, dass die ständige Präsenz am Arbeitsplatz nicht unbedingt erforderlich ist, stellte sich zunehmend die Frage: "Warum daraus nicht neue Arbeits- und Lebensperspektive entwickeln?" Diese hätten nicht nur für die direkt Betroffenen Vorteile - dazu gehören zum Beispiel auch weitaus erschwinglichere Wohnpreise - damit könnte man auch den dramatischen Aderlass, den der Süden erfahren musste, stoppen und vielleicht sogar mit der Zeit rückgängig machen.

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Einmal Spaghetti Napoli und etwas aus Vulkangestein ... Der Urlauber in uns dreht durch.

(Foto: imago images/vadimlavrov)

Die 31-jährige Ilaria Lezzi gehört zu jenen, die sich schon für eine endgültige Rückkehr entschieden haben. Sie hat internationale Politikwissenschaft studiert, arbeitet für eine große römische Anwaltskanzlei und lebt jetzt in Sternatia, einer apulischen Gemeinde nicht weit von der wunderschönen Barockstadt Lecce entfernt. Seit Ende Februar 2020 arbeitet sie im Homeoffice. "Was für mich eigentlich nicht wirklich neu war, weil uns die Kanzlei schon vor der Pandemie diese Option für einmal in der Woche angeboten hatte", sagt sie ntv.de. Jetzt aber, wo sie seit so Langem wieder zu Hause ist, merke sie, wie sich ihre Lebensqualität verbessert habe. "Ich bin weniger gestresst. Anstatt jeden Tag im höllischen römischen Verkehr festzustecken, bin ich von Ruhe und grüner Landschaft umgeben. Und das hat sich auch sehr positiv auf meine Arbeit ausgewirkt", fährt Lezzi fort. Dasselbe gelte auch für viele ihrer Kollegen.

Der Vorstand der Kanzlei hat das registriert und deswegen vor Kurzem die Mitarbeiter gefragt, wer auch nach der Pandemie gerne von zu Hause arbeiten würde. "Ich habe natürlich sofort zugesagt und werde also nur einmal in der Woche mit dem Zug nach Rom fahren." Freilich eine mühsame Fahrt, Sternatia befindet sich fast schon am Absatzzipfel Italiens und die Verbindungen, gleich ob mit Zug oder Flugzeug, sind alles andere als optimal. Aber dennoch eine Alternative für Ilaria Lezzi.

Arbeiten in einem Schloss

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Elena Militellos Arbeitsplatz - links das Meer.

(Foto: Andrea Affaticati)

Um den Wohnsitz aber für immer in den Süden zu verlegen, dafür braucht es gewisse Voraussetzungen. "Deswegen will 'South Working' ein Netzwerk von Gemeinden und die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen bieten, aufbauen", so Militello. Zu diesen gehören eine gute Internetverbindung, ein Bahn- oder Flughafenanschluss und Coworking-Einrichtungen.

Die erste Gemeinde, die diese Voraussetzungen erfüllt, ist Castelbuono - das 8500-Einwohner-Städtchen liegt inmitten der sizilianischen Bergkette Madonie nördlich von Palermo und nur 20 Kilometer vom renommierten Badeort Cefalù entfernt. Kinoliebhaber kennen den Ort: In Castelbuono wurden einige Szenen des mit einem Oscar gekrönten Films "Nuovo Cinema Paradiso" von Giuseppe Tornatore gedreht. Castelbuono hat den Southworkern besondere Highlights zu bieten. Bürgermeister Mario Cicero sagte unlängst in einer Pressekonferenz: "Zu den vier Coworking-Einrichtungen gehören auch das Naturwissenschaftliche Museum und zwei Säle in unserer aus dem 14. Jahrhundert stammenden Burg."

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Arbeiten in der Burg - im Sommer sicher angenehm kühl.

(Foto: Andrea Affaticati)

Im Moment können von diesem verlockenden Angebot aber nur die 30 aus Castelbuono stammenden Rückkehrer profitieren. Alle anderen, egal, ob aus Italien oder dem Ausland, müssen sich wegen der Corona-Beschränkungen noch etwas gedulden. Inzwischen rüsten sich aber auch Gemeinden in Kalabrien und Apulien, um in Kürze zu "South Working"-Hotspots zu werden.

Der Nutzen für die Gemeinden soll sich aber nicht auf den lokalen Konsum beschränken, hebt Militello hervor. "Wir wollen, dass es zu einem fruchtbaren Austausch zwischen den South Workern und den lokalen Gemeinschaften kommt, die neue Entwicklungsprojekte anspornen." Keine Frage, die Aussicht, mit Blick auf ein smaragdgrünes Meer zu arbeiten, ist verlockend. Und auch wenn sie nicht gleich umsetzbar ist, so bietet sie doch eine Perspektive, die etwas Licht in diese für alle anstrengende Zeit bringt.

Quelle: ntv.de

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