Leben

Wenn Eltern "Ältern" werden Jan Weiler sucht Anschlussverwendung

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Das Leben definiert die Rolle neu, es wäre langweilig, alles zu planen. Das weiß Jan Weiler.

(Foto: Tibor Bozi)

Er hielt Capital Bra für eine Art BH, kennt sich aber trotzdem aus in Popkultur. Er liebt seine Familie, wohnt aber nur mit dem Sohn zusammen. Er muss ständig Toast und Aufschnitt kaufen, bügelt aber sehr gern die Socken der Kids. Jan Weiler, ein Mann voller Widersprüche? Ja. Gut so.

Jan Weiler ist ein Chronist. Er war mal Journalist, ist immer noch Kolumnist, schreibt Bücher. Schon lange, immer sehr erfolgreich, meistens lustig. Er beobachtet das Geschehen der Welt ruhig und mit wachem, wissenden Blick. Oft schrieb und schreibt er über seine Familie - und so sind wir dabei, wenn es ihm nicht schmeckt (Maria!), die Pubertiere wachsen, und letztendlich auch, wenn die Kinder das Haus verlassen. Seit einiger Zeit wohnt Jan Weiler nicht mehr außerhalb von München, sondern mittendrin, und zwar mit seinem Sohn. Ein Experiment. Das andere Experiment lautet "Mutter wohnt mit Tochter". Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder?

"Ja, es gibt eine Jungs- und eine Mädchen-WG, so haben wir das entschieden, es ist allerdings ein finanzielles Desaster", erzählt der Vater zweier Kinder. "Meinem Sohn konnte ich glaubhaft erklären, dass er sich jetzt noch keine eigene Wohnung leisten kann und dass ich auch nicht bereit wäre, das zu unterstützen." Weiler findet sehr praktische Anschauungsmöglichkeiten, diese Aussage zu belegen: "Wir haben ausgerechnet, was es kostet, und dabei kam heraus, dass er das Gehalt eines Stations-Oberarztes verdienen müsste." Das wäre also eine sauteure Angelegenheit, die der Sohn mit: "Okay Papa, dann wohne ich hier noch ein bisschen" quittierte.

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"Ich gehe sehr gerne aus, in Clubs werde ich allerdings für die Zivilpolizei gehalten. Ich möchte meiner Tochter auch nicht im Nachtleben begegnen."

(Foto: Tibor Bozi)

Zumal der Sohn beim Vater auf ein breites Dienstleistungsangebot zurückgreifen kann, unter anderem einen fabelhaften Wäscheservice. "Ich bin der Todesbügler, ich bin ein Paganini am Bügeleisen, ich mache das gern und perfekt. Ich bin der größte lebende Bügler des Universums", erzählt Jan Weiler ntv.de und lacht. Dennoch glaubt man ihm, trägt er doch in einem Berliner Traditionsrestaurant ein perfekt gebügeltes Hemd beim Treffen. Natürlich geht es Jan Weiler wie den meisten Eltern: Die Kinder fressen den Kühlschrank leer, sie schmeißen - auch die sauberen - Klamotten einfach in den Wäschekorb, statt sie ordentlich zusammenzulegen, durchaus steigerungsfähig dadurch, dass die Wäsche einfach vor den Wäschekorb, nicht in denWäschekorb geworfen wird. Dennoch liebt er seine Kinder über alles und findet sich nur schwer damit ab, in seine neue Rolle als "Ältern" oder "Älternteil" hineinzuwachsen. Eine Rolle, auf die ihn niemand so richtig vorbereitet hat.

Nur noch der Jan

"Als "Ältern" wird man sukzessive seiner Identität beraubt: Wenn das Kind kein Frühstück mehr will zum Beispiel - da steht man jahrelang auf, und dann wird einem lapidar mitgeteilt, dass es noch nie Rühreier mit Speck auf dreieckigem Toast mochte. "Es wurde nur gegessen, damit ich nicht traurig bin", erzählt er leicht fassungslos und ergänzt: "Ich schleiche nun also morgens durch die Wohnung, denn er will ja noch nicht einmal, dass ich wach bin, wenn er schnell seinen Espresso schlürft." Ist das ein trauriger, vielleicht sogar ein erbärmlicher Zustand? Vielleicht schon, aber Jan Weiler steht dazu: "Nur noch der Jan zu sein - das ist gar nicht meins", sagt er nachdenklich. "Ich bin wirklich sehr erleichtert, dass mein Sohn noch bei mir wohnt."

Weiler erinnert sich daran, als seine Kinder geboren wurden, seine Tochter zuerst, da hatte er den Eindruck, dass "ich quasi einen Vertrag unterschrieben hatte, der mir sagte, was ich in den nächsten 20 Jahren tun werde. Und jetzt läuft der Vertrag aus, mit Verlängerung durch den Sohn, zugegeben, aber ich habe noch keine Anschlussverwendung für mich gefunden, jetzt, wo auch dieser Vertrag ausläuft."

Eine durchaus sentimentale Zeit für den erfolgreichen Autor - bedeuten Übergänge in nächste Lebensabschnitte doch unweigerlich, dass man altert. "Der Moment, in dem die Kinder ihr eigenes Leben leben, wenn sie aufbrechen, ist krass. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich eine Lebensphase verlasse, ohne in eine neue einzutreten", resümiert er über Kalbsfleisch und Kartoffelpüree. "Wir Menschen fühlen uns ja zehn oder zwölf Jahre jünger als wir tatsächlich sind", so der Autor, dem man seine 52, fast 53 Jahre, wahrlich nicht ansieht. "Demnach bin ich also so um die 40, und nun werde ich in eine Lebensphase geschubst, die mir so gar nicht entspricht, weil der Auftrag wegfällt. Ich hatte noch nie so sehr wie momentan das Gefühl: Jetzt werde ich wohl älter." Klar, auch bei Jan Weiler zieht es hier und zwackt es dort, aber auch die grauen Haare haben ihn nicht gejuckt. Fit gehalten hat er sich, zum Beispiel mit Boxtraining.

Husten Sie mal ins Telefon

Ein Schlag ins Kontor war für ihn, dass er sich gleich zum Anfang der "Corona-Zeit" mit Covid-19 angesteckt hatte. "Unangenehm und bedrückend war es drei Wochen lang. Ich habe meinen Geruchssinn verloren, der hoffentlich wiederkommt, mein Geschmackssinn ist wieder da. Ich bin aber demütig geworden." Richtig sauer wird er allerdings, wenn man ihm, zum Beispiel in den sozialen Medien, vorwirft, zu lügen. "Dass ich falsche Geschichten erzähle, dass ich ein vom 'System' bezahlter Schauspieler sei, steht da", erzählt er etwas resigniert.

Die ganze Familie musste in Quarantäne, das Gesundheitsamt in Bayern rief jeden Tag an und erkundigte sich nach seinem Befinden, auch per Ferndiagnose: "Husten Sie mal ins Telefon." Das klingt ganz lustig, wenn Jan Weiler das erzählt, aber die Lage ist ja alles andere als lustig. Dennoch: "Unser Leben eine 'Phase in einem diktatorischen Regime' zu nennen, ist narzisstisch und infantil", regt Weiler sich auf. Wenn das passiert, bleibt er trotzdem ruhig und besonnen, aber man merkt ihm an, dass ihn die Menschen wahnsinnig aufregen, die nicht weiter denken als über den eigenen Tellerrand, "die nur an ihre eigene Bedürfniswelt denken, in der jede Vernunft und jeder Gemeinsinn nach Ansicht einiger dahinter zurückstecken müssen, weil ihre eigenen Bedürfnisse Vorrang haben".

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"Es gibt so viele Egoisten, die nichts sehen, die auf Demos 'Freiheit' rufen. Wissen die eigentlich, was sie da tun? Waren die schon mal in Belarus, in Minsk, im Iran? Dort schon mal nach Frauenrechten gerufen? Dort könnten sie gern nach Freiheit rufen, aber doch nicht bei uns, hier herrscht Freiheit!" Und wo er nun schon mal in Fahrt ist: "Was mich auch echt aufregt, ist, wenn man Forscher wie den (Virologen Christian, Anm.d.Red.) Drosten so in Haftung nimmt. Der sagt nicht seine Meinung, sondern gibt den Stand der Forschung wieder." Deswegen zitiert er Daniel Kehlmann, den er vor einer Weile in einer TV-Sendung gesehen hat: "Wissenschaft ist keine Institution, Wissenschaft ist eine Methode, und eine Methode kann man nicht in Haftung nehmen. Wissenschaft verändert, entwickelt sich."

Keine Hobbys, kein Hund

Wer sich auch entwickelt, zum Glück, sind seine Kinder: "Mädchen sind ehrlich gesagt vielschichtiger als Jungs. Und ja, meine Tochter hat einen sensationell guten Musikgeschmack, auf ihre Empfehlungen vertraue ich. Nicht nur in Sachen Musik." Er mag die Freunde seines Sohnes, er glaubt, die sind ganz gern bei ihm: "Wie viel die essen", staunt er aber, "und trotzdem sind die total dünn, irre groß, definiert, charmant und lustig. Diese Typen können stundenlang vor dem offenen Kühlschrank stehen und reinglotzen. Dann halten sie eine Flasche Saft an den Kopf, exen die, sehen mich und sagen: Apfelsaft ist alle." Jan Weiler lacht - obwohl er nun schon wieder einkaufen muss.

"Als Eltern ist man als älter werdender Mensch ja immer automatisch am Puls der Zeit, das fällt dann weg, wenn die Kinder ausziehen", fasst er wehmütig zusammen. "Ältern", sein neuestes Buch, ist an vielen Stellen daher wirklich zum Lachen, aber manchmal bleibt einem das Lachen auch im Hals stecken, weil das Leben so andere Wendungen nimmt, als man denkt.

Ja, man erfährt einiges aus dem Alltag des Jan Weiler und dennoch gelingt es ihm, das Wesentliche, das, was er für sich behalten will, auch tatsächlich für sich zu behalten. "Ich denke nicht über Hobbys oder einen Hund nach, ich muss mich nur an die neue Situation gewöhnen, vielleicht bin ich auch ein bisschen unflexibel", lacht er. "Ich weiß das ja, dass die Kinder erwachsen werden - aber ich habe mich bisher nicht damit befasst, wie ich mein Leben nach dieser Zeit ausrichten möchte. Es ist so, als würde ich erst daran denken, Winterreifen auf mein Auto ziehen zu lassen, wenn ich auf der verschneiten Fahrbahn unterwegs bin." Er sagt allerdings nichts mehr dazu, wenn sein Sohn bei minus 14 Grad ohne Socken in den Sneakers an der Bushaltestelle steht, "das muss er wissen".

Er selbst beruhigt sich auch immer wieder: "Die neue Rolle wird automatisch kommen, denke ich: Ich bin von den Kleinkindern über die Pubertiere bis zur Verwandlung der Eltern in meinen Kolumnen nachlesbar." Und das ist, wie eingangs erwähnt, eine wirkliche Chronik, denn diese Dinge sind passiert. "Es wird weiter gehen, ich werde weitermachen, auch das mit der Kolumne ("Mein Leben als Mensch", Anm.d.Red.), bis ich irgendwo eingeliefert werde."

Quelle: ntv.de