Liebe und Familie

In Vino Verena Warum Frauen nicht leise sein sollen

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Nein, die Frauen werden sich nicht beruhigen.

(Foto: imago/Panthermedia)

Haben sich die Frauen gegen die Männer verschworen? Viele wünschen sich: Schluss mit dem Gender-Topic. Unsere Kolumnistin über Kommunikations-Irrtümer und die Frage: Ist Frauenfeindlichkeit oft auch gar nicht so gemeint?

"Hallo, wir würden gern unsere Bestellung abholen!", blökt ein Mann mit Gel-Frisur und dicker Daunenjacke. Ich sitze mit einer Freundin im Restaurant, es ist gut besucht, aber die Geräuschkulisse ist dezent - bis der Proll in Begleitung eines weiteren Mannes das Restaurant betritt, um telefonisch geordertes Sushi abzuholen. Er hat eine sehr gockelhafte Attitüde: Alle starren ihn an.

Während er die Bedienung abschätzig behandelt, lacht er laut mit seinem Kumpel, der lässig seine Kippe mitten im Gang abascht. Beide stehen so breitbeinig am Tresen, dass die Kellner kaum vorbeikommen. Sie scheinen die Aufmerksamkeit zu genießen, lachen laut, nehmen den ganzen Laden in Beschlag. Ich spüre, wie sich die kleinen Haare an meinen Armen aufrichten.

"Kein Tag, an dem man nicht irgendwelchen Arschlochtypen begegnet", flüstert meine Freundin. Mir ist natürlich klar, dass jetzt genauso viele Männer argumentieren, dass auch sie nicht gefeit davor sind, auf Arschlochfrauen zu treffen, schon klar. Prozentual gesehen dürfte das Risiko aber deutlich geringer sein. Später sollen mir die Typen noch einmal begegnen, sie stehen mit ihren beiden Karren in der Tiefgarage - auf Frauenparkplätzen. Das ist nicht verboten. Als sie losfahren, geht eine ältere Frau an ihnen vorbei und schüttelt den Kopf, der eine Mann grinst.

Männerwunsch: Die Frauen mögen sich bitte beruhigen

Es ist übertrieben, zu behaupten, Männer, die auf Frauenparkplätzen stehen, seien frauenfeindlich. Und ja, Idioten gibt es überall - auf beiden Seiten. Was ich in letzter Zeit aber bei all der Sensibilisierung über Sexismus oder Frauenfeindlichkeit immer wieder lese, ist der Wunsch der Männer, die Frauen mögen sich nunmehr doch bitte so langsam wieder beruhigen: Das schwache Geschlecht hat gepoltert. Das war auch gut so, aber jetzt muss langsam Schluss damit sein, sich gegen die Männer zu verbünden. Man(n) gerät ja seitdem ständig sofort unter Generalverdacht. Ab ins Körbchen mit den Zähnefletscherinnen!

Doch dass Frauen laut werden, ist (hoffentlich) erst der Anfang.

Meine Freundin ist Drehbuchautorin. Sie erzählt von aktuellen Projekten und Filmideen, in denen Frauen die Heldinnen sind (und mit Heldinnen meine ich nicht Wonder Woman). Bei einem Meeting mit Produzenten, erzählt sie, hätten ihre Ideen für Raunen gesorgt. Frauen als Heldinnen, starke Frauen, die kämpfen und auch noch gewinnen - also bitte, das will man(n) doch nicht im TV oder auf der Leinwand sehen, meint die meist männliche Unterhaltungsriege.

Frauen sollten sich doch bitte nicht ständig in den Vordergrund drängen und sowieso, wo käme (man)n denn hin, wenn sie auch noch auf die perfide Idee kämen, als Filmemacherinnen, Produzentinnen oder was auch immer die gleiche Kohle zu verlangen wie ihre männlichen Kollegen?

Frauenfeindlich? Ich? Spinnst du?

Nach dem Erlebnis mit den beiden Mackern, die sich wie Rasierklingenschmuggler aufbauten und mit ihren Karren auf Frauenparkplätzen standen, grübele ich weiter über dieses Mann-Frau-Thema nach. Ich erhalte viel Leserpost von Männern. Es sind moderne Männer, feinfühlige Männer, Männer, die den Feminismus unterstützen.

Ich glaube aber auch, dass sehr viele Männer nicht "für die Frauen" sind, weil sie annehmen, "für die Frauen zu sein" bedeute, gegen die Männer zu sein. Was mich umtreibt, ist folgende Frage: Kann es sein, dass viele Männer - ausgenommen die beiden Knallschoten in dem Restaurant - gar nicht um ihre misogynen Tendenzen wissen? Frauenfeindlich? Ich? Spinnst du?

Zwei Beispiele:

Eine Fernsehmoderatorin, die eine Brille trägt, wird von ihrem Vorgesetzten freundlich gefragt, ob sie sich nicht die Augen lasern lassen könnte. Eine Reporterin, die oft via Live-Schalte zu sehen ist, wird vom selben Chef angehalten, mehr Lipgloss und einen schwungvollen Lidstrich aufzutragen. Das hört sich in erster Linie an, als seien die Frauen in den Augen des Chefs nicht genügend schlüsselreizgepimpt.

Beim feierabendlichen Drink in der Stammbar um die Ecke äußern sie ihren Unmut bei den Kollegen. Die meisten meinen, Frauen sollten nicht jeden Satz immer gleich auf die feministische Goldwaage legen, es handle sich bestimmt nur um einen etwas unangemessenen Jargon. Sie sollten sich da jetzt mal nicht "so reinwühlen", das würde nix bringen außer der wahrlich nicht neuen Erkenntnis, dass es in den Medien, genau wie in anderen Metiers, immer wieder Vorgesetzte gibt, die etwas chauvimäßig daherkämen, es im Grunde aber bestimmt nicht so gemeint hätten, wie es rüberkam. Das kann natürlich sein, ja.

Während ein Kollege der beiden Moderatorinnen findet, dass die Frage des Chefs, sich stärker zu schminken oder die Brille wegzulassen, ein denkbar schlechtes Beispiel für Alltagssexismus sei, haben sich alle schnell wieder beruhigt. Denn gerade im Fernsehen gehe es doch in erster Linie um Visuelles. So zu tun, als dürfe ein attraktives Äußeres keine Rolle spielen, sei pure Heuchelei. Das stimmt: Viele Frauen, die vor der Kamera arbeiten, sind schön.

Die Frauenwelt hat sich verschworen

Aber es ist schon verständlich, dass eine Frau sich blöd fühlt, wenn es überhaupt kein Problem ist, dass der männliche Kollege mit Schlumpi-Sakko, ungepflegtem Gesichtsflokati und - oha - Brille vor die Kamera tritt, oder?

Frauen, die den Mund aufmachen und beispielsweise im Job die gleiche Bezahlung fordern wie ihre männlichen Kollegen, gelten gern als Zicken. Unbequem und vorlaut. Und als genüge das nicht, glauben viele Männer, die Frauenwelt habe sich gegen sie verschworen. Dagegen muss man(n) sich natürlich wehren oder aber auch in herrlichster Stammtischmanier rausrülpsen, dass jene Frauen, die das Gender-Topic so aufbauschen, sowieso nur ungefickte Femen-Uschis seien. Auf jeden Fall aber seien diese Weiber meistens hässlich. Hässlichkeit ist eines der Schlagworte. Das wäre fast schon wieder lustig, wenn es nur nicht so unsäglich einfältig wäre!

Seit der Sexismus-Debatte herrscht der vermeintliche Konsens, Frauen mehr wertzuschätzen. Aber ich denke wirklich, dass ganz viele Männer gar nicht wissen oder merken, wenn sie übers Ziel hinausschießen. Hier muss mehr Sensibilisierung erfolgen.

Die Sache mit der Badehose

Kürzlich erhielt ich eine nette Mail von einem Leser. Ein gebildeter Mensch, der sich "für die Frauen" aussprach. Er schrieb, wenn ich mal in seiner Gegend sei, könne man ja mal einen Kaffee trinken, was ich okay finde, denn ich trinke gerne Kaffee.

Aber dann, ich dachte, ich seh nicht richtig, schickte mir der Herr ein Bild von einem Pool. Davor er - in extremer XS-Badehose. Es war wirklich die engste Badehose, die ich je gesehen habe! Ich fragte mich: Wozu dieses Bild? Der war doch sehr nett. Was soll das, warum macht der das? Und das machen übrigens etliche Männer! Aber ich glaube, der wollte mich wirklich nicht verstimmen!

Das Badehosen-Gate wurde im Freundeskreis heiß diskutiert. Einige fanden die Aktion sexistisch, andere lediglich eine Frage mangelnder Kinderstube. Wie sehen Sie das? Schreiben Sie mir gern - von mir aus auch nackig, ich muss es ja nicht erfahren.

Ich finde ja den Schriftsteller Heinz Strunk sehr cool. Der schreibt tolle Bücher. Ich würde mit ihm gern mal einen Kaffee trinken gehen, vielleicht frage ich ihn mal. Aber ich käme im Leben nicht auf die Idee, ihm ein Foto von mir in Badebuxe zu schicken. Und überhaupt: Es ist Winter!

Quelle: n-tv.de