Leben

Einladung zur Innenschau Männer leiden anders

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"Männer weinen nicht" ist auch heute noch ein präsentes Klischee.

(Foto: imago images/Westend61)

Wenn Männer sich erschöpft und überfordert fühlen, reden sie selten offen über ihre Probleme. Auch Autor Till Raether konnte sich seine Depression lange nicht eingestehen. Nun möchte er anderen Männern Mut machen, nicht immer nur stark sein zu müssen.

"Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?" - so lautet der Titel des aktuellen Buchs von Till Raether. Darin schildert der erfolgreiche Autor, der eigentlich für seine Krimis rund um Kommissar Adam Danowski bekannt ist, sehr offen und persönlich, wie ihm der Umgang mit der leichten bis mittleren Depression gelungen ist, die ihn schon lange begleitet. Obwohl die Idee zum Buch vor der Pandemie entstand, ist die titelgebende Frage jetzt treffender denn je, schließlich ist es in diesen von Unsicherheit geprägten Zeiten oft nicht ganz einfach, sie abschließend zu beantworten.

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Autor Till Raether möchte Männer für das Thema Depression sensibilisieren.

(Foto: Stephanie Brinkkoetter)

Raether plädiert dafür, Niedergeschlagenheit und Überforderung in jedem Fall nicht einfach auszuhalten. "Es lohnt sich wirklich, anzuerkennen, dass es einem besser gehen könnte und dass es Dinge gibt, die man dafür tun kann - das Buch ist im Grunde genommen eine Einladung, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen", sagt Raether ntv.de.

Depressionen bei Männern weniger häufig erkannt

Es ist gut möglich, dass die seelische Gesundheit von Männern in Zeiten von Corona unbemerkt Schaden nimmt - denn Depressionen wurden schon vor der Pandemie bei Männern weniger häufig erkannt als bei Frauen. In einer Auswertung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vom Januar 2020 gaben 6,3 Prozent der Männer an, dass bei ihnen innerhalb der letzten 12 Monate eine Depression oder depressive Verstimmung diagnostiziert wurde, bei den Frauen waren es 9,7 Prozent.

Einen Hinweis darauf, dass Männer mitnichten weniger häufig unter Depressionen leiden als Frauen, sondern es ihnen einfach schwerer fällt, sich seelische Probleme einzugestehen, liefert auch die Suizidrate. In Deutschland ist diese bei Männern dreimal so hoch wie bei Frauen. Die Corona-Krise verschärft psychische Probleme bei vielen, das zeigen erste Studien. So gaben rund 80 Prozent der 150 befragten Psychiater bei einer Umfrage der Betriebskrankenkasse Pronova an, dass sie bei ihren Patienten öfter als zuvor Depressionen und Angstzustände diagnostizieren. Die Zahl der Männer, die solche Leiden aushalten, statt sich ihnen zu stellen, könnte also noch steigen.

Rollenbilder stehen im Weg

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Die mangelnde Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, habe auch mit alten Rollenbildern zu tun, denn Depressionen offen zu thematisieren, werde oft immer noch als ein Zeichen von Schwäche gelesen, sagt Raether, der frühere stellvertretende Chefredakteur des Brigitte-Magazins. "Mir ging es so wie vielen Männern - ich hatte eine traditionelle männliche Rolle, war in einer hohen Führungsposition, wollte mich innerhalb der Hierarchien in der Firma behaupten und einen guten Job machen. Dabei hatte ich immer häufiger das Gefühl, erschöpft und überfordert zu sein." Lange habe er das jedoch nicht zum Anlass genommen, innezuhalten und sein Leben zu hinterfragen. Stattdessen suchte er die Schuld bei sich, dachte, er müsse sich einfach noch mehr anstrengen.

Dies sei klassisches und erlerntes männliches Verhalten, sagt der Berliner Psychologe Dr. Wolfgang Krüger. Männer hätten immer noch häufig den Anspruch, Helden zu sein und wollten alles, nur nicht schwach wirken. "Dafür zahlen wir einen hohen Preis: Wir sterben früher. Männer reden weniger offen über Probleme als Frauen und bekommen so häufig auch erst später die Hilfe, die sie brauchen", so Krüger zu ntv.de. Dabei sei dies ein Schema, das über Jahrhunderte erlernt wurde. "Sprüche wie 'Männer weinen nicht' oder 'Ein Indianer kennt keinen Schmerz' sind auch heute noch sehr präsente Klischees, die Männern vermitteln, sie hätten nicht schwach zu sein. Sie lernen von klein auf, dass sie vieles aushalten müssen, und überfordern sich dadurch häufig", sagt Krüger.

Durch die Pandemie leiden Männer besonders unter dem Verlust sozialer Kontakte, sagt der Psychologe. "Die meisten pflegen Alltagsfreundschaften bei Aktivitäten wie Tennis oder Chor - doch nun fallen die Anlässe weg und folglich sind die Männerfreundschaften sehr viel mehr beeinträchtigt als die der Frauen, denn von diesen haben zwei Drittel eine Herzensfreundin, die sie auch jetzt regelmäßig sprechen", so Krüger.

In der Pandemie seien Menschen mehr auf die Fähigkeit, nach innen zu blicken, angewiesen, die Welt werde kleiner, die Auswahl an Aktivitäten geringer. "Vielen Männern fällt das aber unendlich schwer, sie sind eher darauf gepolt, nach außen zu gehen, und empfinden die Einschränkungen als sehr negativ. Wohingegen die Frauen, die ich in meiner Praxis erlebe, sich leichter damit tun, diese besondere Zeit für die Innenschau zu nutzen und dabei mitunter eine große Quelle für Lebendigkeit und Kreativität sehen", so Krüger.

Schwäche zeigen ist stark

Raether glaubt, dass die Pandemie eigentlich eine Chance geboten hätte, bestehende Strukturen, die zu Überforderung und Niedergeschlagenheit führen, zu hinterfragen. "Stattdessen sehe ich aber, dass das ganz offensichtlich nicht stattgefunden hat. Psychische Leiden werden zwar häufig als politisches Argument gegen die Einschränkungen missbraucht. Aber es ist noch schwieriger geworden, Therapieplätze zu bekommen, und es fehlt an Lösungen, die seelische Gesundheit in den Vordergrund rücken ", sagt Raether.

Er selbst brauchte ebenfalls Zeit, bis er sich seine Depression eingestand und etwas dagegen tat. "Als mein Sohn geboren wurde, war ich zwar noch nicht bereit, mich wirklich tiefgreifend damit auseinanderzusetzen, aber ich merkte, dass ich nicht genug Energie hatte, meine Rolle als Vater und meine Rolle im Beruf gut auszufüllen", sagt Raether. Mit dem Vaterglück begann er auch, sich die Frage zu stellen, warum er häufig so überlastet ist, machte schließlich eine Therapie und nimmt heute auch Antidepressiva.

Über die Depression zu sprechen, war auch für Raether anfangs mit Scham behaftet. Mit seinem persönlichen Bericht möchte er auch andere Männer dafür sensibilisieren, dass Vermeidung eine gänzlich ungeeignete Strategie bei Depressionen ist - und diese aktiv anzugehen mitnichten ein Zeichen von Schwäche. "Das Stigma herrscht aber weiter vor, das sieht man beispielsweise daran, dass es in Deutschland bei einer Verbeamtung problematisch sein kann, wenn man Therapiestunden in Anspruch genommen hat", sagt Raether. Dabei zeuge es von Selbsterkenntnis und Veränderungswillen, diesen Schritt zu wagen. Das unterschreibt auch Psychologe Krüger: "Es ist ein Zeichen von Stärke, auch manchmal schwach sein zu können."

Quelle: ntv.de

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