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Deutsches Depressions-Barometer Zweiter Lockdown zieht mehr runter als erster

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71 Prozent der Bundesbürger geben an, die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend zu empfinden - deutlich mehr als im ersten Lockdown.

(Foto: imago images/Action Pictures)

Viele bewegen sich kaum, liegen nur noch auf dem Sofa rum oder länger im Bett. Ängste und Sorgen plagen, wegen der Gesundheit oder wirtschaftlichen Zukunft: Der zweite Lockdown schlägt laut dem "Deutschland-Barometer Depression" deutlich mehr Menschen auf die Psyche als der erste vor einem Jahr.

Was macht der lange Lockdown mit der Psyche? Die regelmäßigen und repräsentativen Umfragen für das "Deutschland-Barometer Depression" verheißen nichts Gutes. Nach der jüngsten Sondererhebung, die an diesem Dienstag veröffentlicht wurde, sind bedrückende Gefühle in der Gesamtbevölkerung deutlich höher als im Frühjahr 2020. Besonders hart aber trifft es all jene, die bereits depressiv erkrankt sind. Es gebe eine bedenkliche Zahl von Suizidversuchen, heißt es in der Studie. Forderungen nach systematischer Untersuchung von gesundheitlichen Folgen der Pandemie-Maßnahmen werden lauter.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33

  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Seit 2017 fragt das "Deutschland Barometer Depression", das von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung getragen wird, regelmäßig nach der psychischen Verfassung im Land. Zuletzt wurden dafür von Mitte bis Ende Februar rund 5100 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren repräsentativ online befragt. Der zweite Lockdown schlägt nach der Umfrage deutlich mehr Menschen auf die Psyche als der erste vor einem Jahr. Dieser begann am 22. März 2020 und wurde bereits von Ende April an nach und nach aufgehoben. Fast drei Viertel (71 Prozent) der Bundesbürger empfinden die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend. Im Vergleich dazu waren es im Frühjahr 2020 weniger als zwei Drittel (59 Prozent).

Fast die Hälfte (46 Prozent) der Bundesbürger hält Mitmenschen für rücksichtsloser als damals (40 Prozent). Das Gefühl familiärer Belastung lag in der Umfrage mit 25 Prozent dagegen nur leicht höher als im ersten Lockdown mit 22 Prozent. Sorgen um die berufliche Zukunft gab es weiterhin bei fast einem Drittel (30 Prozent) - vor einem Jahr waren es 28 Prozent.

"Demoralisierung der Bevölkerung"

Für Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sind die Ergebnisse Ausdruck einer allgemeinen Demoralisierung der Bevölkerung. "Die Menschen bewegen sich nicht mehr, sie nehmen zu, liegen länger im Bett und schlafen dann nachts schlecht", sagt er. "Sie sitzen noch länger vor Bildschirmen. Das ist alles nichts, was einen aufbaut. Dazu kommen ganz normale psychische Reaktionen wie berufliche Sorgen, Ängste und häusliche Konflikte."

Die Umfrage kommt zum selben Ergebnis wie die lange bekannte Annahme der Stiftung, nach der innerhalb eines Jahres rund acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine behandlungsbedürftige Depression haben. Das sind laut Hegerl in Deutschland rund 5,3 Millionen Menschen. Die Pandemie hat nach Hegerls Einschätzung bisher nicht zu einer massenhaften Zunahme dieser psychischen Erkrankung geführt. Habe ein Mensch jedoch eine Veranlagung zu einer Depression, könne durch die Maßnahmen gegen Corona eine depressive Krankheitsphase getriggert werden.

Versorgung depressiver Menschen hat sich verschlechtert

Die Umfrage wirft auch ein Schlaglicht darauf, wie sich die Versorgung depressiver Menschen in der Pandemie verschlechtert hat. Manche bekamen keine Behandlungstermine, andere wagten sich aus Angst vor Ansteckung nicht in Praxen und Kliniken. Eine Reihe von Behandlungen fiel aus, und Selbsthilfegruppen konnten sich nicht mehr treffen. Viele Betroffene haben die Maßnahmen der Pandemie nicht nur deutlich mehr verunsichert und bedrückt als die Gesamtbevölkerung. Sie gaben auch an, dass sich ihre Depression im vergangenen halben Jahr verschlimmerte - zum Beispiel durch Rückfälle oder Suizidgedanken.

Rund ein Prozent der befragten Betroffenen sprach in der Studie von Suizidversuchen. "Diese Zahl in der Umfrage ist schon sehr, sehr hoch", sagte Hegerl. Mangels Erhebungen gebe es keine Vergleichswerte aus der Zeit vor der Pandemie. Die Wissenschaft gehe aber davon aus, dass es 10 bis 20 Mal mehr Suizidversuche als Suizide gebe. "Dann kommt man auf 150.000 bis 200.000 Suizidversuche in Deutschland pro Jahr", erläuterte er. "Hier haben wir allein bei Menschen mit Depressionen, also nur einer Untergruppe der Gesamtbevölkerung, hochgerechnet 140.000 Suizidversuche in einem halben Jahr."

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Für ihn sei dieses Ergebnis eine Aufforderung, Suizidversuche in Deutschland zumindest in einer repräsentativen Stichprobe systematisch zu erheben. "Für mich ist es eine Katastrophe, zu sehen, wie sich die Versorgung von Menschen mit Depressionen verschlechtert hat", resümiert Hegerl. "Nicht bedacht wird dabei oft, dass es sich hier um eine häufige, schwere, und oft auch lebensbedrohliche Erkrankung handelt."

Er könne nicht erkennen, dass diese wichtige Frage in der Pandemie systematisch diskutiert werde und dafür Daten aus allen Bereichen der Medizin zusammengetragen oder auch gezielt erhoben würden, kritisierte Hegerl. "Unsere Daten zu Menschen mit psychischen Erkrankungen liefern hier nur eine Facette. Man bräuchte dazu eine multiprofessionelle Expertengruppe, die sich mit dieser Balance zwischen Vor- und Nachteilen der getroffenen Maßnahmen in systematischer Weise und permanent beschäftigt."

Quelle: ntv.de, Ulrike von Leszczynski, dpa

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