Leben

One Woman Show Milf - Kompliment oder Frechheit?

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Der Klassiker: Anne Bancroft und Dustin Hoffman in "Die Reifeprüfung".

(Foto: imago images/Everett Collection)

50. Und "fuckable"? Wie es neudeutsch heißt, wenn eine Frau in den Augen gewisser Herren noch attraktiv genug ist, um nicht nur mit der Kneifzange angefasst zu werden - ein durchaus fragwürdiges "Kompliment", aber geil genug, um eine TV-Show darauf aufzubauen. Zeit, sich ein paar Gedanken zu machen.

Meine verehrte Kollegin Verena M. Dittrich hat das Thema erst jüngst in ihrem herrlichen Podcast behandelt, der in eine ähnliche Richtung steuerte; dort ging es vor allem um Frauen in Film und Funk, und ob sie Ü50 noch Rollen bekommen oder durch Jüngere in Skinny Jeans ersetzt werden. Allein anhand der Formulierung "Film und Funk" können Sie jetzt wahrscheinlich schon mein Alter abschätzen, aber was soll's.

Ich bin neulich fast gegen die Glaswand eines Bushäuschens geradelt, weil dort ein Plakat hing - tatsächlich noch immer hängt - mit dem auf eine TV-Sendung hingewiesen wird, die sich mit der Liebe in jedem, also auch im höheren Alter beschäftigt. Schöne Sache grundsätzlich, und das allein hätte mir natürlich nicht fast die Glassplitter ins Gesicht gejagt, sondern eher die Formulierungen "MILF" und "MISSY". Alter Scheiß, denken Sie jetzt, husch in die Urne, Milf, du bist ja noch nicht mal eine "Mother I'd like to Fuck*, du hast den Schuss schon wieder nicht gehört" - is' mir aber ega-ha-hal, denn es regt mich auf. Falsch, es verletzt mich. Ich rege mich über so einen Neandertaler-Flachwichser-Mist echt nicht mehr auf, das macht ja Falten, und ich will jetzt auch gar nicht mehr als nötig auf diese unterirdische Sendung eingehen. Denn let's face it: Joyn macht da nur, was andere Privatsender seit Jahren machen mit ihren Fleischbeschau-Formaten "Germany's Next Top Model", "Bachelor(ette)" oder "Nackte Pussys und Pimmel im Paradies", um nur einige zu nennen. Alles nur Jobbeschaffungsmaßnahmen und Karrierebooster, is' klar.

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Madonna macht es auch - sie nimmt sich, was sie will. Und das mit Ü60!

(Foto: imago stock&people)

Bei der neuen Sendung "MOM - Milf oder Missy" ist es insofern noch schlimmer, als da nicht nur die übliche Warenbegutachtung stattfindet, nein, hier werden auch noch alte gegen junge Frauen aufgehetzt. Gemeinsam ist ihnen immerhin, dass sie den Partner noch lieber nehmen, wenn er ein bisschen was auf der hohen Kante hat (eine "Milf sagt: "So stelle ich mir das Leben vor, das ich führen sollte"), auch wenn die Frauen alle "top ausgebildet" sind und auf "Ich brauche keinen Mann" machen. Warum sind sie dann in der Show? Um sich gegenseitig früher oder später an den Extensions zu ziehen, im Schlamm zu catchen? Brot und Spiele - dabei gibt es doch wieder Fußball in der Glotze.

"Das" = "Ein Ding" = "Eine Milf"

Normalerweise geht das im Fernsehen so: Ein Mann sucht unter vielen Frauen eine Lady zur weiteren Lebensgestaltung (manchmal auch umgekehrt) aus, und sei die folgende, gemeinsame Lebensgestaltungsphase dann auch noch so kurz; oder eine Modelmama sucht Model-"Meedchen", die man dann für Rasierer über die Klinge springen lässt oder in Joghurtwerbung vermanscht. Wie solch menschenverachtende Formate Frauen jemals nach vorne bringen sollen, wie Frauen so jemals sinnvolle Netzwerke, Respekt und eine Gleichheit in der Arbeitswelt erreichen wollen, bleibt schleierhaft. Wie rückständig man doch sein kann - als Sender und als Protagonist(in). Und wie schlecht soll ein Vorbild für jüngere Generationen denn bitte noch sein? Alles nur Spaß? Das ist kein Spaß, das ist scheinheiliger Dreck.

Ich will nun auch gar nicht nur über das TV-Format lamentieren, sondern eher über die Grundhaltung, die dahinter steht: Frauen werden aufgeteilt in alte Frauen und jungen Frauen, so weit, so üblich. Sie heißen wie gesagt "Milf" oder "Missy" (auch nicht so schön), und die Begriffe werden auch selbstverständlich von den liebesbedürftigen Männern, übrigens weitaus freundlicher als "Junior" und "Senior" bezeichnet, konsequent so genannt. Felix (von den Frauen auch gern mal Philipp gerufen, weil sie sich seinen Namen nicht merken können), der erfolgreiche "alte" Architekt, wünscht sich während der Sendung zum Beispiel die "Milfs" Natascha und Mariam in sein Team. So alt wie Methusalem, äh Felix selbst, ist übrigens keine der Frauen: 57, boah!

Und Mist, da hat einer nicht aufgepasst! Der "Junior", Personal Trainer und ein echter Draufgänger im Gegensatz zum Oldschool-Konkurrenten - der seine Contenance erst nach ein paar Gläschen Schampus verliert - hätte die eine "Milf" auch gern in seinem Harem gehabt. So gibt er sich denn auch kämpferisch: "Wenn ich etwas haben will, dann nehme ich mir das!" Merke: "Das" = ein Ding = eine "Milf". "Ey, aber gönn' dir, Alter, du hast sie dir zuerst geschnappt, Respeeeekt!" Die Milf juchzt immerhin vor Entzücken, dass sie so begehrt ist von beiden Seiten des männlichen Universums. Übrig bleiben bei diesem entwürdigenden Spiel - und jede(r), der schon in der Schulzeit immer erst als Letzte(r) in das Völkerball-Team gewählt wurde, weiß was gemeint ist** - erstaunlicherweise zwei "Missys". Jung und knackig kackt ab gegen alt und aufgebrezelt? Wow, krass, wer hätte das denn gedacht, dass die männlichen Connaisseure da zwei fesche Fräuleins stehen lassen, huch, was issn da schiefgelaufen? Die "Missys" selbst hätten es übrigens am wenigsten gedacht. Die ersten Kampfansagen fallen dann auch in den Teams ("Jung" zu "Alt": "Nimm das, Bitch!") und los geht's.

Fly me to the Moon!

Ich habe genug gesehen, meine Tochter kommt ins Zimmer und ich will auf keinen Fall, dass sie sieht, was ich sehe. Sie soll weiter in dem Glauben aufwachsen, dass sie großartig ist, so wie sie ist, dass ihr alle Türen der Welt offen stehen, durch die allein nur sie gehen möchte, und dass Männer auch nette Wesen sein können. Das soll sie bitte so lange wie möglich glauben. Denn bis sie in die freie Wildbahn darf, vergeht vielleicht noch ein bisschen Zeit, und die Welt ist wieder zu einem besseren Ort geworden. Ein Ort, an dem Frauen nicht für minderbemittelt gehalten werden. Ein Ort, an dem Männer und Frauen und alle anderen auf respektvolle, wertschätzende und gleichberechtigte Art miteinander umgehen. Ein Ort, an dem das Selbstbild von Frauen nicht dadurch gekennzeichnet ist, dass sie meinen, sich ihr Selbstwertgefühl über die zweifelhaften Komplimente paarungsbereiter Typen abholen zu müssen. Ein Ort, an dem Sprache wieder etwas gilt: Wenn junge Menschen damit aufwachsen, dass bei einer TV-Show die Kommentarstimme aus dem Off den beiden Männern einen "respektvollen, gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen Senior und Junior" zubilligt und den Frauen "Rumgezicke", dann gute Nacht, Deutschland.

Solange Frauen auf Bildschirmen sich hauptsächlich aber dadurch hervortun, dass sie kokett ihre Haare schmeißen, auf den Lippen rumbeißen oder den Lady-Di-Blick (unterwürfig von unten nach oben blicken, scheu) perfektionieren und Männer weiterhin die Welt erklären dürfen, und sei es auch nur anhand von Rotwein ("Die Flasche kostet 1500 Euro", gönnerhaftes Lächeln, Frau kreischt) sind wir noch weiter hinter dem Mond als in den Fünfzigerjahren. Solange Frauen meinen, dass sie "alt gegen jung" kämpfen müssen, so lange dürfen Männer Frauen tatsächlich weiterhin auf ihre Fuckability abchecken. Solange haben es Frauen vielleicht nicht anders verdient.

Fazit: Wir alle müssen zusehen, dass wir unser Geld verdienen, stimmt. Viele Leute verdienen ihr Geld damit, andere zu entertainen, bravo. Aber wenn es Menschen gibt, die sich nicht vor sich selbst schützen können, müssen andere sie beschützen. Wo sind die "Seniors" und "Juniors" also, wenn frau sie wirklich braucht? Ernst gemeinte Frage.

*aber eine Mother auf jeden Fall

** ich nicht

Quelle: ntv.de