Leben

Wille plus Liebe "Radio Enzo" - ein Radio, das gesund macht

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Seine Angehörigen nur durch eine Scheibe oder gar nicht sehen und sprechen zu können, ist äußerst belastend.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Seit Monaten liegt Enzo Favaloro im Krankenhaus. Den schlimmsten Teil seiner Covid-19-Erkankung hat er hoffentlich überstanden. Anstatt den Krankheitsverlauf ihres Vaters tatenlos zu verfolgen, haben seine vier Kinder eine "Radiosendung" ins Leben gerufen, die ihn anspornt, weiterzukämpfen.

Die wochen- oft auch monatelange Isolation, in denen die Coronapatienten im Krankenhaus bleiben müssen, sind für die Kranken sowie für ihre Angehörigen und Freunde eine emotionale Herausforderung sondergleichen. Die einen fühlen sich ohnmächtig, andere versuchen doch noch einen Weg zu finden, um mit dem Patienten nicht nur über das Tablet oder das Handy in Kontakt zu bleiben.

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Ihr Radio Enzo soll helfen, den Kontakt zum Vater zu halten.

(Foto: privat)

Auch die Geschwister Carolina, Chiara, Giammaria und Riccardo Favaloro, alle vier zwischen 25 und 30 Jahre, haben sich etwas einfallen lassen: Seit über fünf Monaten können sie ihren Vater Enzo nicht sehen. Er hat sich mit dem Virus infiziert und liegt im Krankenhaus von Legnano, einer Provinzgemeinde Mailands. Lange war er auf der Intensivstation, eine Tracheotomie musste durchgeführt werden. Mittlerweile hat sich sein Zustand so weit gebessert, dass er nicht mehr auf der Intensivstation liegt und auch schon physiotherapeutisch betreut wird. Doch vor Favaloro und seiner Familie liegt noch ein langer Weg - durch das Virus wurde nämlich auch eine andere Krankheit entdeckt, die den Genesungsverlauf stark verlangsamt.

Fantasie anstatt Ohnmacht

"Wir Geschwister wollten und konnten nicht tatenlos zusehen", erzählt Tochter Carolina ntv.de am Telefon. "Das Krankenhaus hatte zwar ein Tablet zur Verfügung gestellt, damit wir mit unserem Vater in Kontakt bleiben konnten, doch das genügte uns nicht." Also setzte sich die Familie zusammen und suchte nach einer Alternative. Und so kamen sie auf die Idee, ein Radio zu gründen. Beziehungsweise eine Art Radio - aufgenommen wird wie bei einem normalen Sender, nur sind es in diesem Fall reine Privataufnahmen, die einzig und allein an den Vater weitergeleitet werden. Genannt haben die Geschwister es "Radio Enzo, das Radio, mit dem du dich zu Hause fühlst".

Die Kreativität liegt in der Familie Favaloro: Der Vater hat sich früher in einer Theatergruppe engagiert und einer der Brüder ist ein großer Musikfan. Keiner von ihnen hatte jedoch Radioerfahrung - also haben sie ihren Freund Alessandro hinzugezogen. Großes Wissen sei aber nicht gefordert, und auch kein großer Geldbeutel, hebt Carolina hervor. Das Mikro habe 30 Euro gekostet, und um die Aufnahme zu bearbeiten, habe man eine Computer-App verwendet. Dann ging es nur noch um die Gestaltung der Sendung, die 20 Minuten dauert.

Als Jingle wählten sie einen Song der Beatles mit dem vielversprechenden Titel "Here Comes the Sun". Und dann bringen die Geschwister den Vater auf den aktuellen Stand seines Krankheitsverlaufs. "Dabei verschönen wir nichts. Radio Enzo ist ja auch dazu gedacht, ihn anzuspornen, besonders bei der Physiotherapie. Wir berichten für ihn über seine Fortschritte, animieren ihn aber auch, sich ins Zeug zu legen. Und damit ihm die Übungen leichter fallen, wählen wir für jede Sendung immer drei Lieder, von denen wir wissen, dass er sie besonders mag."

Ab und zu werden auch Bekannte eingeladen, an der "Sendung" teilzunehmen. Einmal waren es zum Beispiel Freunde vom Vater, die ihn mit gemeinsam erlebten Anekdoten aus ihrer Jugend aufmunterten. "So schwer die Lage auch ist", fährt Carolina fort, "können wir uns dennoch überaus zufrieden schätzen, weil es uns gelungen ist, unseren Vater aktiv zu unterstützen". Ein Vorteil sei außerdem, eine zahlreiche und sehr eng zusammenhaltende Familie zu sein. Denn so könne man sich untereinander auch auffangen, wenn es dem einen oder anderen mal nicht gut geht.

Positive Rückmeldungen spornen an

Die größte Freude bereite es den Geschwistern aber zu wissen, dass "Radio Enzo" dem Vater wirklich hilft. Er lässt es sie durch Gesten wissen, und die Ärzte bestätigen es ihrerseits. Diese sind außerdem dankbar, weil die Sendung sie für eine kurze Zeit das Geräusch der Atemhelme vergessen lässt. Alle zwei Tage setzen sie sich vor das Mikro, um etwas Neues aufzunehmen. Die 20 Minuten Sendung erfordern fast drei Stunden Arbeit. Weil alle vier auch berufstätig sind, wechseln sie sich paarweise ab. Inzwischen beteiligt sich auch ihre Mutter Claudia daran. "Sie hat etwas Zeit gebraucht, bevor sie sich getraut hat", erzählt Carolina.

Nachdem die Medien über Radio Enzo berichtet haben, wurden die Geschwister schon mehrmals aufgefordert, daraus "richtiges Radio" zu manchen, doch das sei nicht der Sinn der Sache, sagt Carolina. Eventuell könnte man an ein Tutorial denken. Aber auch das erst irgendwann in der Zukunft. Im Moment wollen sie sich weiter ganz auf den Vater konzentrieren. "Was mich bei "Radio Enzo" immer wieder erstaunt", fragt sie, "dass es die Liebe zu einem anderen Menschen ist, die dich auf außergewöhnliche Ideen bringt." Man könnte auch sagen, wo ein Wille, dort auch ein Weg - Wille plus Liebe ist aber noch viel besser.

Quelle: ntv.de