Leben

Aufbrechende Rollenbilder Sind Sie ein moderner Mann?

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Ist das männlich? Und stark?

(Foto: imago images/StudioMAK)

Am Mann wird derzeit viel herumerzogen: Sei stark, aber zeig auch Gefühl, sei cool, aber nicht zu cool. Viele Männer sehen durch die aufbrechenden Rollenbilder ihre gelebte Männlichkeit in Gefahr. Was darf man als Mann denn überhaupt noch?

Der kleine Junge brüllte durch den Gang und war im gesamten Supermarkt zu hören. Er war zwischen vier und fünf Jahre alt und hatte sich offensichtlich an der eckigen Kante eines Regals gestoßen. Die Mutter kniete vor ihrem Sohn und versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. Vielleicht auch wegen der genervten Blicke so mancher Kunden, die an den beiden vorbeigingen, sagte sie schließlich: "Du bist doch mein kleiner, großer starker Mann. Starke Männer weinen nicht." Der Junge hörte daraufhin auf zu weinen. In den kommenden Tagen habe ich über diese Szene im Supermarkt immer wieder nachgedacht.

Ich frage mich nicht, wer damit angefangen hat, seinen Kindern einen solchen Blödsinn zu vermitteln. Es war und ist das evolutionsbedingte Rollenbild aller Gesellschaften: Der Mann ist der Starke, der Ernährer, der Beschützer. Männlichkeit wird mit Coolness, Macht, Überlegenheit und natürlich Stärke gleichgesetzt, obschon in unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung dieses Rollenbild immer mehr aufbricht und Männer längst wissen, dass sie nicht verweichlichte Lappen sind, wenn sie auch mal Tränen vergießen.

Doch viele Männer - und auch einige Frauen - sehen in dieser Entwicklung eine Gefahr für die Männlichkeit. Ich höre dann oft Fragen wie diese: "Was darf man denn als Mann überhaupt noch? Ich habe keine Lust, mir von irgendwelchen Feministinnen sagen zu lassen, wie ich meine Männlichkeit zu definieren habe." Natürlich steht hier niemandes Männlichkeit auf dem Prüfstand. Keiner wird angegriffen, weil er gerne mit einem Fläschchen Bier am Abend sein Länderspiel schaut oder im Spiegel des Fitnessstudios mit Stolz seine Muskeln betrachtet. Und klar, viele Männer holen sich inzwischen das Bier auch selbst aus dem Kühlschrank und bringen ihrer Frau, die neben ihnen sitzt, gleich eins mit.

"Du bist doch kein Mädchen!"

Tatsächlich aber hat es der Mann heutzutage oft nicht leicht. Überall wird an ihm gerüttelt und gezogen. Er ist umgeben von Klischees (auch das oben aufgeführte ist nichts anderes) und dennoch wird von ihm permanent erwartet, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Was noch vor wenigen Jahren als cool und männlich galt, wird heute als mackerhaftes oder sexistisches Verhalten getadelt. Tu dies, aber sag das nicht, sei stark, aber auch weich, sei fordernd und streng, aber gleichzeitig sensibel und nachsichtig. Wenn du aber auf der anderen Seite zu leise, zu emotional, zu feinfühlig bist, bist du kein richtiger Mann, sondern - ein Mädchen.

Diesen Spruch habe ich als Kind auch oft gehört und schon damals gespürt, dass die Jungs, denen er galt, sich deswegen gekränkt fühlten. Er kam - natürlich von anderen Kindern, aber auch von Vätern und Müttern. "Du schaukelst wie ein Mädchen! (…) Du kletterst wie ein Mädchen! (…) Jetzt hör mal auf zu flennen, du bist doch kein Mädchen!" Ich höre den Spruch auch heute noch.

Unter mir wohnt beispielsweise eine Familie mit drei Kindern - alles kleine Jungs. Als sie neulich im Treppenhaus ein bisschen Rabatz machten und laut quiekten, ermahnte sie der Vater ebenfalls mit diesem "Ihr seid doch keine Mädchen"-Spruch. Weil Mädchen eben quieken, während Jungs sich wohl - wie sich das gehört - mit den Fäusten auf die stolz geschwellte Brust zu schlagen haben.

Moderne Männer zeigen Gefühle

Dass man mich nicht falsch versteht: Ich mische mich keineswegs in irgendwelche elterlichen Erziehungsmethoden ein. Jungs dürfen gern Jungs sein und Männer gern Männer. Und sie dürfen und sollen auch all die coolen Sachen ausleben, die Männer eben gerne machen. Was Jungs (wie Mädchen natürlich auch) aber mehr brauchen, sind positive Vorbilder. Eine Mutter, die ihnen beibringt, dass es vollkommen normal ist, zu weinen. Ein Vater, der sie im Treppenhaus toben und quieken lässt und niemand, der ihnen auf dem Spielplatz sagt, wie sie zu rutschen, zu klettern oder zu schaukeln haben. Kinder und Jugendliche sollten in erster Linie zu emphatischen und sozialen Menschen erzogen und nicht in irgendwelche angestaubten oder gar prähistorischen Geschlechterrollen gepresst werden. Stärke ist nicht per se etwas Männliches, und Tränen sind nicht ausschließlich weiblich.

Moderne Männer müssen ihre Männlichkeit nicht pausenlos unter Beweis stellen und sehen sie nicht in Gefahr, wenn sie (vielleicht sogar bei einem Film) ungeniert Tränen vergießen. Moderne Männer lassen sich von Geschlechtsgenossen, die ihre Männlichkeit nur durch Härte definieren und sie als "Luschen" diffamieren, nicht provozieren. Moderne Männer fühlen sich nicht dressiert, wenn sie aus den gängigen, männlichen Rollenklischees ausbrechen. Moderne Männer sind vor allem eines: fantastische, selbstbewusste Kerle.

Quelle: ntv.de