Leben
Die Hochzeit von Diana und Charles verfolgten 1981 mehr als 700 Millionen Zuschauer.
Die Hochzeit von Diana und Charles verfolgten 1981 mehr als 700 Millionen Zuschauer.
Samstag, 19. Mai 2018

"Und sie lebten glücklich bis …": Warum uns royale Hochzeiten so faszinieren

Von Judith Görs

Mädchen trifft Prinz, Prinz verliebt sich, Mädchen heiratet Prinz - das ist der Stoff, aus dem Hollywood Drehbücher macht. Doch manchmal übertrifft die Wirklichkeit jede Fiktion. Dann können wir nicht anders als zuschauen. So wie bei den britischen Royals.

Es war einmal ein Prinz,
mit roten Haaren und schelmischem Blick,
der als Kind seine geliebte Mutter verlor,
dessen Trauer Millionen Menschen rührte,
der rebellierte, provozierte, sich verliebte,
und trotzdem stets verloren wirkte.
Es war einmal ein Prinz,
der endlich seine Prinzessin fand.
Und sein Glück war perfekt.

Menschen lieben Märchen. Sie lieben ihren Zauber. Und sie lieben die klare Botschaft. Im Märchen widerfahren schlechten Menschen schlechte Dinge. Und guten Menschen gute. Als etwa Aschenputtel den Königssohn heiratet, stellen sich ihre bösen Schwestern an die Seite des Brautpaares. "Da pickten die Tauben einer jeden [die Augen] aus. Und [so] waren sie für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft." Die beiden Liebenden dagegen bleiben glücklich bis an ihr Lebensende. Genau auf diese Weise müssen Märchen enden: Der Held, der in seinem Leben so viel Leid erfahren hat - und mit dem der Leser Kapitel um Kapitel litt, findet am Ende doch sein Glück. Da kullert schon mal eine Träne.

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Die Geschichte von Prinz Harry ist so ein Märchen - nur eben eines in Echtzeit. Wenn der jüngste Sohn von Charles und Diana vor dem Altar seine Braut empfängt, erinnern sich zig Millionen Zuschauer vor dem Fernseher wieder an den Zwölfjährigen, der hinter dem Sarg seiner Mutter herlief und dessen Trauer zum Medienspektakel wurde. Vielleicht erinnern sie sich auch an seine späteren Fehltritte. An den Auftritt im Nazi-Kostüm zum Beispiel. Oder die Nacktaufnahmen des Prinzen bei einer Party in Las Vegas. Noch stärker als bei seinem älteren Bruder William haben die Menschen - und nicht nur die Briten - Anteil genommen am Leben des heute 33-Jährigen. Vielleicht auch, weil er stets nahbar erschien.

Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Warum interessieren sie sich derart stark für einen jungen Mann, dem sie nie begegnet sind? "Die britische Monarchie ist seit Diana wie eine Show - wie eine Soap in Staffeln", sagt der Diplom-Psychologe Lothar Hellfritsch. "Die Medien befeuern das bewusst, obwohl auch diese Hochzeit kein Ereignis ist, das objektiv wichtig für unser Leben wäre." Die britischen Royals sind eben Quotengaranten. Schon die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton 2011 verfolgten laut Experten weltweit rund zwei Milliarden Menschen vorm Fernseher oder per Livestream. Und auch die Trauung seines jüngeren Bruders übertragen viele Sender live - darunter auch n-tv.

Royale Hochzeiten - larger than life

Manch einer verdreht angesichts des Spektakels genervt die Augen. Doch dass die Aufregung um die royale Hochzeit dieses Jahres eben nicht nur eingefleischte "Bunte"-Leser erfasst, muss niemandem peinlich sein. "Selbstverständlich wissen die meisten: Das ist eine ganz andere Welt, das hat nichts mit mir zu tun", so Hellfritsch. "Aber sie bestaunen es eben - oder schimpfen darüber. Das gibt es ja auch." Royale Hochzeiten, auch das ist ein Grund für das rege öffentliche Interesse, sind immer auch ein bisschen "larger than life". Geheiratet wird nicht etwa auf dem schnöden Standesamt, sondern in der schönsten Kapelle mit der reichsten Geschichte. In der St George's Chapel, wo sich Harry und Meghan Markle das Ja-Wort geben, sind elf Monarchen - darunter Heinrich VIII. - beerdigt. Das sorgt für historische Atmosphäre.

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Und auch das Kleid der Braut ist keine profane Robe von der Stange, sondern ein sündhaft teures Designerstück. "Allein schon diese alten Kutschen und das viele Gold - da kommt bei Erwachsenen oft unbewusst ein Stück aus den Geschichten der Kindheit wieder hoch", sagt Psychologe Hellfritsch. Wenn Meghan und Harry also in ihrem offenen Ascot-Landauer und gezogen von vier Rassepferden durch Windsor fahren, dürfen sich diejenigen ein bisschen wegträumen, denen solch ein Pomp lebenslang verwehrt sein wird. Noch nicht einmal die Kosten für solch ein Großereignis schmälern die Freude - zumindest im Falle der deutschen Fans des Königshauses. Der britische Steuerzahler ist da weniger fein raus.

Wer erlaubt sich wohl einen Fehltritt?

Zwar finanziert der Palast auch das Hochzeitsfest von Harry und Meghan größtenteils selbst. Doch die Rechnung für die Sicherheitsvorkehrungen übernimmt einmal mehr der britische Staat. Das sorgt auf der Insel immer wieder für Diskussionen. Schon bei der Trauung von William und Kate kamen für die Sicherheit stolze sieben Millionen Euro zusammen. Wer kein Freund der Monarchie ist, dürfte dafür wenig Verständnis aufbringen - auch wenn eine royale Hochzeit zumindest für den Einzelhandel durchaus ein Wirtschaftsfaktor sein kann. Man denke etwa an millionenfach verkaufte bedruckte Tassen und Union-Jack-Fähnchen. Mag die Kosten-Nutzen-Rechnung also für manch einen Briten nicht aufgehen: Die Deutschen können bedenkenlos in schönen Bildern schwelgen. Bezahlen müssen die anderen.

Bleibt noch der Faktor Schmutzwäsche. Schon vor der Hochzeit brodelt die Gerüchteküche. Wer ist eingeladen - und wer nicht? Was spielt sich hinter den Kulissen ab? Jede Kleinigkeit ist von Interesse. Psychologen nennen dieses Phänomen parasoziale Interaktion. "Wir haben unsere soziale Gruppe über die Medien erweitert", erklärt der Würzburger Medienpsychologe Frank Schwab im Gespräch mit n-tv.de. Drehte sich das Stammtischgerede früher nur um die Affären und Skandale in der Nachbarschaft, vermitteln TV und Presse den Menschen heute die Illusion einer Beziehung auch zu berühmten Medienpersönlichkeiten, deren Leben sich ganz woanders abspielt. "Man kennt die Person nicht, interessiert sich aber trotzdem für sie. Das ist nichts viel anderes als Klatsch und Tratsch. Es ist nur alles viel, viel mehr geworden."

Dass sich das Drama um den Vater von Meghan Markle schon im Vorfeld der Hochzeit derart öffentlich abspielte, befeuert diesen Empathie-Effekt noch. Man stelle sich das mal vor! Eine Braut, deren Vater kurz vor der Trauung einen Herzinfarkt erleidet - und sie deshalb nicht zum Altar führen kann: tragisch. Das Leben im britischen Könighaus schreibt scheinbar die besten Drehbücher. Und die Welt schaut mit Begeisterung zu. "Das ist etwas, das einfach zu uns gehört - sich für andere zu interessieren", sagt Schwab. "Das macht uns so sozial. Würden wir das nicht tun, wären wir nahezu Autisten."

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Quelle: n-tv.de