Leben
Wird das unsere Nahrung der Zukunft?
Wird das unsere Nahrung der Zukunft?(Foto: REUTERS)
Montag, 05. März 2018

Überschätzte Nahrungsalternative: Esst eure Würmer gefälligst selbst!

Von Kira Pieper

Es heißt, Insekten seien unser Nahrungsmittel der Zukunft. Besonders gesund sollen sie sein - und auch sehr umweltfreundlich. Mag sein. Doch es gibt genügend Gründe, warum die gehypten Krabbeltiere künftig nicht die Norm auf unseren Tellern werden.

Würmer, Heuschrecken und Ameisen auf dem Teller, das kennen die meisten Deutschen nur aus dem Fernsehen. Beim RTL-Dschungelcamp müssen sich die C-Promis regelmäßig lebendiges Krabbelzeug in den Mund stecken. Ohne live dabei zu sein, ohne in diesem Moment zu schmecken und zu riechen, was die Kandidaten schmecken und riechen, läuft manchem Zuschauer beim bloßen Zugucken ein Ekelschauer den Rücken hinunter.

Insekten als Lebensmittel

Erst seit Anfang Januar 2018 gilt in der EU die neue "Novel Food"-Richtlinie. Darin finden sich nun zum ersten Mal auch Insekten als Lebensmittel. Die dürfen auf den Markt gelangen, wenn sie "gesundheitlich bewertet und zugelassen wurden", wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf seiner Webseite schreibt. Zuvor war der Verkauf von Insekten nicht erlaubt.

Nun ist vermehrt zu lesen, dass ausgerechnet diese Viecher unser Nahrungsmittel der Zukunft sein sollen. Im Januar 2018 hat die EU eine Richtlinie geändert, die den Verkauf von Insekten auch in Europa deutlich vereinfacht. Sie dürfen also ab sofort auch in deutschen Supermärkten angeboten werden. In einigen Nachbarländern liegen sie schon jetzt in den Kühlregalen - etwa in den Niederlanden, Dänemark und Belgien. Doch der Markt ist noch jung und ausbaufähig.

Ein idealer Nährboden also für Startups und einige Unternehmer haben das Marktpotenzial bereits erkannt: In Berlin hat sich das Unternehmen "Bearprotein" gegründet, das Snackriegel aus Insekten herstellt. In Osnabrück vertreibt die Firma "Bugfoundation" einen Burgerbratling, der aus zerkleinerten Würmern besteht. Und auch das Kölner Startup "Swarm Protein" hat einen Proteinriegel entwickelt, den es in den Geschmacksrichtungen Schokolade, Nuss und Frucht gibt.

Ganz und gar nicht klimafreundlich

Sie alle argumentieren in gleicher Weise: Ein Großteil der Weltbevölkerung ernähre sich bereits von Insekten - Zeit, dass auch die Deutschen damit anfangen. Und: Die Zucht von Insekten sei viel umweltfreundlicher als bei Rind, Schwein und Huhn. Tatsächlich benötigen die Tierchen viel weniger Futter, können sogar Bioabfälle verzehren. Außerdem brauchen sie weniger Platz und weniger Wasser - sie könnten sogar eine Dürre überstehen. Besonders klimafreundlich sind sie auch: Studien haben bewiesen, dass sie viel weniger CO2 produzieren als andere Nutztiere. Und dank des hohen Eiweiß-Gehaltes sind Insekten auch noch besonders gesund.

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Unerwähnt bleibt hingegen, dass Insekten in der Regel Temperaturen über 25 Grad brauchen, um sich wohlzufühlen und sich fortzupflanzen. Da diese Durchschnitttemperatur in Deutschland nur sehr selten erreicht wird, müssten die Tiere in geheizten Räumen gezüchtet werden. Und Heizenergie kostet nicht nur Geld, sie verhunzt auch die Klimabilanz. Zudem hat sich offenbar niemand Gedanken um den Tierschutz gemacht: Unklar ist etwa, wie die Speise-Insekten getötet werden dürfen.

Auch ist noch nicht hinreichend erforscht, wie krankheitsanfällig die Tiere sind. Können sie überhaupt in Massen gehalten werden? Und es gibt noch ein Problem: Nicht jeder wird sich das kulinarische Abenteuer leisten können. 100 Gramm essbare Buffalowürmer für den menschlichen Verzehr sind derzeit für 49 Euro im Internet zu haben. Die gleiche Menge essbare Grillen kostet sogar 69 Euro. 250 Gramm Bio-Rinder-Hackfleisch kosten im Supermarkt indes 3,99 Euro.

Studie: Viele Deutsche finden Insekten eklig

Das größte Problem für die Deutschen wird allerdings der Ekelfaktor sein. Neben Insekten gelten auch Meerschweinchen oder Hunde in anderen Länder als Delikatesse - hierzulande sind sie trotzdem tabu. Sogar Pferdefleisch hat es schwer. Klar, der Deutsche hat einst auch beim rohen Fisch in Sushi die Nase gerümpft, ebenso bei Algensalat. Heute mag die Akzeptanz für diese kulinarische Exoten größer sein, aber zu den Grundnahrungsmitteln lassen sich beide nach wie vor nicht zählen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat zu diesem Thema eine Umfrage in Auftrag gegeben. Heraus kam, dass sich rund 59 Prozent der Deutschen nicht vorstellen können, Insekten zu essen. Etwa jeder Dritte würde es mal ausprobieren. Nur elf Prozent ziehen Insekten als regelmäßigen Bestandteil ihrer Ernährung zumindest in Erwägung. Der Rest ist unentschlossen. Nach dem Grund für die Ablehnung von Insekten gefragt, gaben die meisten Deutschen an, dass sie Insekten einfach zu eklig finden.

Stellt sich die Frage, warum sich einige Startups dennoch entschieden haben, auf die Snacks mit Ekelpotenzial zu setzen. Die Antwort ist einfach: Die Produkte sind streng genommen Mogelpackungen. Denn von den spinnbeinigen oder gepanzerten Insekten ist in den Produkten nicht viel zu sehen. Die Krabbeltiere sind nur eine äußerst feingemahlene Zutat in Protein-Riegel und Hamburger. Die Optik ist also für die Deutschen nichts Neues. Die Produkte zu essen, kostet deswegen kaum Überwindung.

Eigentlich ein Argument für den Insekten-Burger - doch sogar in einer experimentierfreudigen Stadt wie Berlin ist kein Lokal zu finden, das gegrillte Grillen und Würmer-Quiche auf die Menükarte geschrieben hat. Eine Restaurant-Betreiberin aus Prenzlauer Berg erzählt, dass sie die ausgefallenen Delikatessen einst anbot. Doch das ist vorbei: "Das haben wir schon seit zehn Jahren nicht mehr auf der Karte", sagt sie. "Wir wollten nicht ständig in den Medien mit dem Dschungelcamp in Verbindung gebracht werden."

Quelle: n-tv.de