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RTL-Serienauftakt "Deutschland 83" Ein Lichtblick am deutschen TV-Himmel

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"Deutschland 83" - nicht nur für die, die Zeit miterlebt haben, sehenswert.

(Foto: RTL/Robert Grischek)

Anfang der 1980er liegt der Schatten des nuklearen Holocaust über der Welt. Es ist die Ära des "Kalten Krieges" und der Geheimagenten. Die Serie "Deutschland 83" versucht diese Epoche fürs Fernsehen wiederzubeleben. Ein Versuch, der gelingt.

Eine junge Frau blickt hektisch um sich. Sie ist mitten auf einem See und droht zu ertrinken. Sie schreit. Doch der Schrei wird vom Wasser verschluckt. Ein junger Mann hört sie. Er hat Angst. Doch er weiß, es ist besser für ihn, wenn die Frau tot ist. Er überlegt. Der Codename des Mannes lautet: "Kolibri". Der Name seiner Tarnung: Moritz Stamm, Oberleutnant der Bundeswehr. Sein richtiger Name: Martin Rauch, Oberfeldwebel der DDR-Grenztruppen. Das Land: Die Bundesrepublik Deutschland. Das Jahr: 1983. Die Frau schreit noch ein letztes Mal. Der Mann muss sich entscheiden.

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Jonas Nay verkörpert den Grenzsoldaten Martin Rauch.

(Foto: RTL / Laura Deschner)

Rückblick: Einige Wochen zuvor ist Martins (Jonas Nay) Welt noch in Ordnung, denn der Arbeiter-und-Bauern-Staat bildet die Grundlage seiner Weltanschauung. Die Bösen leben hinter dem Antifaschistischen Schutzwall, seine Freundin Sonja liebt ihn über alles und zusammen mit seiner Mutter lebt er in einem netten Haus in Kleinmachnow, am Rande von West-Berlin. Die Erwachsenen hören Silly, die Jugendlichen Nenas 99 Luftballons.

Das alles ändert sich, als Pläne für ein geheimes NATO-Manöver in Zusammenhang mit den in der BRD stationierten Pershing-II-Raketen durchsickern. In diesen Raketen sehen die Ostmächte die ultimative Waffe für den atomaren Erstschlag. Martins Tante (Maria Schrader), die als Führungsoffizier beim HVA, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR tätig ist, entwickelt einen Plan, der den jungen Grenzsoldaten plötzlich ins Zentrum des Geschehens zieht - Startschuss für eine der interessantesten Serien der aktuellen deutschen Fernsehlandschaft.

Floppy-Disk? Noch nie gehört!

Mit "Deutschland 83" versucht Filmproduzent Nico Hofmann, der sich in den letzten Jahren mit der TV-Aufarbeitung jüngerer deutscher Geschichte für ein Massenpublikum hervorgetan hat, ein weiteres Kapitel unserer Vergangenheit aufzuzeigen. Einige Szenen der achtteiligen Serie sind - für Hofmann typisch - emotional zu hochstilisiert. Das zeigt sich vor allem in Momenten, in denen der Geheimagent wider Willen Moritz alias Martin in James Bond-Manier über Dächer hechtet oder "Jason Bourne"-mäßig Messerattacken abwehrt. Diese Szenen sind im Grunde unnötig, denn die Geschichte von "Deutschland 83" ist auch ohne diese Ausflüge ins amerikanische Actionkino einen Blick wert.

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Friedensdemo? Ja, das war irgendwie 80er.

(Foto: RTL / Nik Konietzny)

Dieser Umstand ist in erster Linie einer durchweg überdurchschnittlichen Inszenierung und einer hervorragenden Ausstattung geschuldet, auch wenn sich branchenüblich hier und da einige Klischees eingeschlichen haben. Dass der DDR-Geheimdienst 1983 kollektiv eine Diskette (Floppy-Disk) anstarrt, als wäre sie ein Besucher von einem anderen Stern, ist zwar lustig, mutet aber auch seltsam an.

Nichtsdestotrotz legt "Deutschland 83" in Bezug auf den Anfang der 80er-Jahre eine zielgenaue Punktlandung hin. Die Klamotten, die Frisuren, die Musik, alles passt! Wenn der Vorspann durch New Orders "Blue Monday" eingeleitet wird und Songs von den Eurythmics, Joachim Witt, The Cure, Tears For Fears und Duran Duran in der Luft liegen, dann fühlt der Zuschauer, der dabei war, sich in diese Zeit zurückversetzt. Eine Zeit, die man teilweise nie richtig erfasst hat und gerade deswegen vermisst. Als Martin im Schutze seiner Tarnung mit seinem Vorgesetzten, Generalmajor Edel (Ulrich Noethen), ins NATO-Hauptquartier nach Brüssel fährt und ihm ein belgischer Straßenhändler seinen ersten "Walkman" verkauft, springt die Freude, die er beim Benutzen dieses Geräts der musikalischen Unabhängigkeit empfindet, förmlich aus dem TV-Gerät. Die 80er waren schon eine verdammt coole Zeit.

Auf den Spuren von "Homeland"

Das größte Aushängeschild von "Deutschland 83" bleiben aber die Schauspieler. Da ist allen voran der 25-jährige Jonas Nay, der zuletzt in "Wir sind jung. Wir sind stark.", einer filmischen Aufarbeitung der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, brillierte. Nay stellt seinen Part des DDR-Grenzers Martin Rauch, der zum Spielball der Staatsmächte wird, mit der nötigen Glaubwürdigkeit dar. Abgebrüht, sensibel, hart, ängstlich, Nays Mimik passt.

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Auch Ulrich Noethen ist als General Wolfgang Edel mit von der Partie.

(Foto: RTL / Nik Konietzny)

Aber auch seine Co-Stars Maria Schrader als seine Tante, Sylvester Groth als Führungsoffizier der HVA, Alexander Beyer als sein Verbindungsmann, Ulrich Noethen als Generalmajor der Bundeswehr und Ludwig Trepte als dessen Sohn füllen den Cast mit Leben und Authentizität. Selbst die kleinsten Nebenrollen sind passend besetzt. Lena Lauzemis, die 2011 in dem RAF-Drama "Wer wenn nicht wir" eine herausragende Leistung mit ihrer Interpretation der Terroristin Gudrun Ensslin ablieferte, hat in "Deutschland 83" nur einen kleinen Auftritt als Attentäterin, doch auch ihr Gesicht bleibt haften.

Alle Akteure agieren miteinander wie ein fein aufeinander abgestimmtes Orchester und brauchen den Vergleich mit amerikanischen Ensemble- und Genre-Vorbildern wie "Homeland" nicht zu scheuen. Zwar ist die Inszenierung um "Kolibri", der als DDR-Spion in die Bundeswehr eingeschleust wird, noch nicht ganz auf dem TV-Niveau der Amerikaner, aber eben doch auf dem besten Weg dorthin.

Aufregender als "House of Cards"?

Als "Deutschland 83" Anfang des Jahres seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte, waren die Kritiker voll des Lobes. Der Kabelsender SundanceTV sicherte sich die Rechte und bescherte dem Format eine Ausstrahlung im US-Fernsehen, in Deutsch mit englischen Untertiteln - ein Ritterschlag, den zuletzt Wolfgang Petersens "Das Boot" (1981) erhielt.

Eine Kritikerin der "New York Times" urteilte, dass "Deutschland 83" "aufregender" sei, als etwa die Netflix-Produktion "House of Cards". Eine Aussage, die es noch zu beweisen gilt, da noch nicht sicher feststeht, ob nach den ersten acht Folgen von "Deutschland 83" die Geschichte fortgesetzt wird. Gerüchten zufolge könnte die zweite Staffel drei Jahre später handeln, ein Umstand, auf den die Einschaltquote hierzulande sicher einen nicht ganz unwesentlichen Einfluss haben dürfte.

Wer an deutscher Geschichte interessiert ist, gute Unterhaltung und interessante Charaktere mag und mit dem einen oder anderen dramaturgisch leicht übertriebenen Kniff leben kann, der ist mit Nico Hofmanns Spionage-Serie bestens beraten. Die Spirale aus Geheimnissen und Konflikten, in die der Stasi-Agent Moritz Stamm hineingezogen wird, zieht ihren Charme aus längst vergangenen Tagen, dennoch ist sie im Angesicht der aktuellen Konfliktlage, in die unsere Welt immer mehr hineinschlittert, akuter denn je.

"Deutschland 83" startet am 26. November um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge auf RTL

Quelle: n-tv.de

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