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"Genesis" - noch unberührte Natur Salgado zeigt die letzten Schätze der Erde

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Beeindruckende Rückenflosse: Sudkaper-Glattwal (Eubalaena australis) vor der argentinischen Halbinsel Valdes an der Atlantikküste, 2004.

(Foto: Sebastião Salgado/Amazonas images)

Sebastião Salgado ist einer der bekanntesten Fotografen weltweit. Einen Namen machte er sich mit Reportagen über das Leid dieser Welt - bis er sich den letzten unberührten Winkeln der Erde zuwandte. Seine Bilder sind von berückender Schönheit.

Sebastião Salgado ist ein Starfotograf. Er selbst fotografiert allerdings keine Stars - weltberühmt wurde er durch seine Reportagen über die Schrecken dieser Welt, über Kriege, Vertreibung, Völkermord, Hungersnöte, Ausbeutung. Der gelernte Ökonom, geboren 1944 in Brasilien, machte seine ersten Aufnahmen mit der Leica seiner Frau, der Pianistin Lélia Wanick Salgado. Seit 1973 arbeitet er als Fotojournalist.

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Riesige Sanddüne zwischen Albrg und Tin Merzouga in Algerien, 2009.

(Foto: Sebastião Salgado/Amazonas images)

In den folgenden Jahrzehnten machte Sebastião Salgado sich weltweit einen Namen als sozial engagierter Fotograf. In seinen eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern dokumentierte er all die Leiden der Menschheit - bis er Mitte der 1990er-Jahre, nach seinen Reportagen 1994 im Kongo und in Ruanda, über den Völkermord an den Tutsi und die folgende Massenflucht, zusammenbrach. Er hatte, wie er sagte, den Glauben an die Menschen verloren, wurde schwer krank und zog sich nach Brasilien zurück. Dort widmete er sich einem gigantischen Wiederaufforstungsprojekt auf dem Farmland seiner Familie, mit Millionen neu angepflanzter Bäume.

Hinwendung zur unberührten Natur

Und er wandte sich auch fotografisch der Natur zu. Ab 2004 arbeitete Salgado acht Jahre lang an seinem Projekt "Genesis": Bei 32 Reisen - im Ballon, im Kleinflugzeug, im Kanu, per Schiff oder zu Fuß - besuchte er noch unberührte Gebiete der Erde, fernab der Zivilisation.

Laut Salgado sind "rund 46 Prozent des Planeten noch immer in dem Zustand, in dem er sich bei seiner Entstehung befunden hat". In "Genesis" dokumentiert er die Schönheit und Vielfalt der unberührten Tier- und Pflanzenwelt und gibt nie gesehene Einblicke in das Leben indigener Völker. Die Ausstellung zu diesem grandiosen Projekt ist nach ihrem Zug durch viele Städte auf der Welt nun in Berlin angekommen; sie wurde am 17. April im C/O Berlin im Amerika Haus unter Anwesenheit von Sebastião und Lélia Wanick Salgado eröffnet.

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Nenzen nördlich des Flusses Ob, Halbinsel Yamal, Sibirien, innerhalb des Polarkreises, 2011.

(Foto: Sebastião Salgado/Amazonas images)

Etwa 250 meist großformatige Fotografien sind in der Ausstellung zu sehen. Sie ist in fünf Kapitel unterteilt: Amazonia & Pantanal etwa zeigt Alligatoren und Jaguare an Flüssen im Amazonas-Gebiet und das Volk der Zo’é im brasilianischen Dschungel. Auf den Aufnahmen zu Africa sind riesige Sanddünen und der Okavango zu sehen, Elefanten und Tierherden. Salgado nimmt den Betrachter auch mit zum Nomadenvolk der Dinka im Sudan und zum Stamm der Mursi in Äthiopien - dort und bei den Surma leben die letzten Frauen, die noch Lippenteller tragen.

Im Abschnitt Northern Spaces fotografierte Salgado riesige Rentierherden am Polarkreis, die Halbinsel Kamtschatka, die Berge Alaskas sowie die Menschen, die in dieser Eis- und Schneelandschaft leben, mit ihren Schlitten, Hunden und Behausungen. Planet South zeigt Wale im antarktischen Meer und im Atlantik, die Galapagosinseln mit Seelöwen, Echsen und Pinguinen sowie riesige Eisberge. In Sanctuaries schließlich geht es in isolierte Gegenden der Erde auf Madagaskar, Sumatra und West-Papua, zu verschiedenen Naturvölkern.

Berückende Schönheit

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Sebastião Salgado Auge in Auge mit einem Jaguar.

(Foto: Sebastião Salgado/Andrea Beu)

Salgados Fotografien sind von berückender, überwältigender Schönheit. Die Wüstendünen etwa mit ihrer feinen Struktur erscheinen wie makellose Haut; nur bei ganz genauem Hinsehen erkennt man Spuren im Sand. Die Nahaufnahme der Hand einer Meerechse auf den Galápagosinseln, die an eine Roboterhand erinnert, die eng zusammengerückte Elefantenherde oder der Jaguar an der Wasserstelle, der den Fotografen genau taxiert - die Aufnahmen zeigen ein faszinierendes Bild von der Kraft und Vielfalt der Natur.

Besonders beeindruckend jedoch sind die Einblicke, die Salgados Bilder in die Welt der letzten Naturvölker der Erde gewähren. Ohne jede westlich-zivilisatorische Kleidung, mit Lippenpflöcken oder -tellern, inmitten ihrer Tierherden oder beim Fischfang mit althergebrachten Methoden.

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Zum Projekt "Genesis" ist ein Katalog erschienen.

(Foto: Andrea Beu)

Nach diesen Völkern musste Salgado lange suchen - einige Projekte, wie zum Beispiel in Myanmar, mussten wieder aufgegeben werden, weil die Menschen dort auf einmal doch "Plastikjacken" trugen, wie Salgado erzählt, nicht mehr nur ihre traditionelle Kleidung.

Fotografischer Appell gegen Naturzerstörung

Die Fotografien in "Genesis" (und auch Salgados Arbeiten vorher) sind nicht frei von Pathos. Aber er setzt es ein, um auf etwas aufmerksam zu machen: Seht her, welche Schätze, welche Schönheit. Zerstört es nicht, erfreut euch daran, genießt es. "Genesis" erscheint wie das Gegenprojekt zu all den Reportagen über menschliches Leid, das zuvor Salgados Arbeiten bestimmte. Sie sind ein eindrucksvoller Appell gegen die Zerstörung der noch ursprünglichen Natur, für den Schutz der verbliebenen Naturvölker.

Bei der Eröffnung der Ausstellung in Berlin wies Salgado darauf hin, dass zwar 46 Prozent der Landschaften auf der Erde noch unberührt seien - aber nicht etwa, weil der Mensch sie schützt und bewahrt, sondern weil diese Regionen zu weit weg, zu kalt, zu heiß, zu feucht sind. Schlicht mühsam zu erschließen und zu nutzen, was sie wohl (vorerst) vor menschlichem Einfluss bewahrt.

Salgado sprach bei seiner Eröffnungsrede mit großem Nachdruck über die drastischen Veränderungen durch die globale Erwärmung und den Klimawandel. Ein seiner Ansicht nach ebenso großes Problem wie die Bedrohung des Lebensraums der Ureinwohner in vielen Teilen der Erde, auch in seiner Heimat Brasilien. So gebe es etwa bei den Yanomami und den Awa noch einzelne Gruppen ohne Kontakt zur modernen Welt. Ihr Schutz sei ihm ein großes Anliegen und ein harter Kampf mit der Regierung.

Schutz der Ureinwohner am Amazonas

Das Projekt, an dem der mittlerweile 71-jährige Salgado derzeit arbeitet, widmet sich daher auch der Amazonas-Region und dem Kampf der Ureinwohner gegen die industrielle Landwirtschaft, vor allem gegen die Abholzung des Regenwaldes etwa für Sojafarmen.

"Wir müssen die Ureinwohner schützen, denn sie kümmern sich um den Wald", so Salgados Appell. Im Kapitel Amazonia der derzeitigen Ausstellung sind bereits einige Fotos aus dieser Region zu sehen, die ihm so sehr am Herzen liegt. Eine großartige Ausstellung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Die Ausstellung "Sebastião Salgado - Genesis" ist noch bis zum 16. August 2015 im C/O Berlin zu sehen. Im Taschen Verlag ist ein Katalog erschienen - bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de