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Die Oscar-Wahl, ein Selfie und die Sklaverei Twitter schlägt alte, weiße Männer

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Das Smartphone wird zum wichtigen Utensil der Oscar-Nacht.

(Foto: REUTERS)

Es war ein tolles Filmjahr: großartige Streifen, brillante Darsteller, bewegende Geschichten. Aber den großen Coup der Oscar-Show landet ein Selfie, das Twitter in die Knie zwingt. Die Preisträger? Gab es auch - verdient, aber vorhersehbar.

Der Altersdurchschnitt der Academy of Motion Picture Arts and Sciences liegt irgendwo jenseits der 60. Die Vereinigung, die über die Vergabe der Oscars bestimmt, ist vor allem weiß und männlich. Wer weiß schon, wie viele der Mitglieder auf Twitter unterwegs sind? Allzu viele werden es nicht sein.

 

Aber Twitter wird der Aspekt der diesjährigen Oscar-Verleihung sein, der am ehesten in Erinnerung bleibt, egal wie gut die geehrten Filme auch sind. Denn die Show schaffte es, mit einem einzelnen Foto den Kurznachrichtendienst vorübergehend in die Knie zu zwingen. Schuld war Moderatorin Ellen DeGeneres, denn sie tat etwas Unerhörtes: Sie twittere live von der Show. Und sie machte immer wieder Fotos mit dem vom Hersteller gesponserten Smartphone - auch das ein PR-Coup.

Der Trend zum Second Screen

Ob es nun ein spontaner Einfall war oder nicht: Als sie Meryl Streep im Saal entdeckte, schlug sie ihr vor, doch ein gemeinsames Foto für Twitter zu machen. Doch es blieb nicht bei Streep. Bradley Cooper gesellte sich dazu, dann Brad Pitt und Angelina Jolie. Bald drängten sich Jennifer Lawrence, Jared Leto, Julia Roberts, Channing Tatum und Kevin Spacey (der die beste Mimik beisteuerte), um noch einen Platz auf dem Bild zu erhaschen.

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Ellen DeGeneres führte brav, aber witzig durch das Programm.

(Foto: REUTERS)

Doch das war noch nicht genug. DeGeneres forderte vor laufender Kamera dazu auf, das Foto zum meistgeteilten des Netzwerks zu machen. Die Zuschauer gehorchten - und sorgten für eine Überlastung von Twitter. Der bisherige Rekord - ein Foto von US-Präsident Barack Obama bei seiner Wiederwahl - wurde in Windeseile eingestellt. Die Oscar-Show hatte ihren Höhepunkt erreicht und das Foto erlebt inzwischen einen Hype im Internet.

Das Foto steht jedoch nicht nur für den Trend zum Second Screen, bei dem Fernsehsendungen ausgiebig bei Sozialen Netzwerken kommentiert werden. Es symbolisiert gleichzeitig, weshalb die Oscar-Verleihung nach wie vor so fasziniert: Selten sieht man so viele Stars, so viele Helden der Leinwand in einem Raum versammelt, so dicht gedrängt auf einem Bild. Das passte auch zum Thema des Abends: "Heroes in Hollywood".

Pizza vom Pappteller

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Picknick im Festsaal: DeGeneres bestellt Pizza und die Stars greifen zu.

(Foto: REUTERS)

Der Auftakt verlief allerdings ungewöhnlich brav. Hatte Moderator Seth MacFarlane im Vorjahr noch in einer aufwendigen Einlage über nackte Tatsachen von Schauspielerinnen gesungen, begnügte sich DeGeneres mit einem Stand-Up-Comedy-Programm. Das wirkte zwar nicht so rasant wie eine Musical-Einlage, stellte dafür aber die Hauptpersonen in den Mittelpunkt: die anwesenden Stars. So witzelte DeGeneres etwa, dass die Nominierte zusammengenommen 1400 Filme gemacht, aber nur sechs Jahre ein College besucht hätten. Sie zog Amy Adams durch den Kakao und Jennifer Lawrence, die im letzten Jahr auf dem Weg zur Bühne gestolpert war.

Zwischendurch bestellte sie dann noch Pizza für das hungernde Publikum. Auch das war eine gelungene Idee, wann sieht man denn schon mal Brad Pitt, Julia Roberts und Co., wie sie Pizza von Papptellern vertilgen? DeGeneres sorgte für eine heimelige Atmosphäre während der Show. Das klingt langweilig, doch sie machte das gut, witzig und elegant. Ihre Idee, live zu twittern, erwies sich als äußerst kluger, verjüngender Schachzug. Das war nicht vulgär und sorgte trotzdem für noch mehr Aufsehen als MacFarlanes chaotische Einlagen. Den älteren Herren der Academy dürfte diese Strategie gefallen.

Darum kann man auch die Frage stellen, ob es überhaupt eine Sensation ist, dass "12 Years A Slave" der beste Film des insgesamt sehr starken Jahrgangs 2013 ist. Immerhin ist das Drama - man glaubt es kaum - der erste große Hollywoodfilm, der sich mit der Sklaverei auseinandersetzt. Und zwar aus der Perspektive eines Sklaven. Die Filmcrew rund um Steve McQueen und Shooting-Star Lupita Nyong'o, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, war jedenfalls ganz aus dem Häuschen, als dem Drama der Preis zuerkannt wurde. Ein Preis, den zuvor noch nie der Film eines schwarzen Regisseurs gewonnen hatte.

Und eine große Prise Geschichte

So verdient und historisch dieser Sieg auch ist - er kommt mit Ansage. Und das nicht, weil DeGeneres zu Beginn der Show gefrotzelt hatte, dass die Akademie-Mitglieder sämtlich Rassisten seien, wenn der Film nicht den Preis bekäme. Vielmehr bestätigt die Entscheidung den Trend der letzten Jahre. Da gewannen Dramen nach wahren Begebenheiten, mit einer großen Prise Geschichte: "Argo", "Lincoln" und "The King's Speech", dazu die Hollywood-Hommage "The Artist". Das bewegende Sklavereidrama passt da perfekt hinein.

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Hüpfend zum Oscar: Regisseur Steve McQueen freut sich besonders über den Oscar, den er als Produzent von "12 Years A Slave" erhält. Ein anderer Preisträger ist Coproduzent Brad Pitt (r.).

(Foto: AP)

Wobei das eigentlich auch für den größten Verlierer des Abends gilt: "American Hustle". Zehn Mal war die Gaunerfarce von Regisseur David O. Russell nominiert - und ging doch gänzlich leer aus. Eine grelle Satire mit tiefen Ausschnitten, Minipli und Christian Bales Halbglatze ist dann vielleicht doch zu viel des Guten. Selbst wenn sie auf wahren Begebenheiten beruht und mit liebevoller 70er-Jahre-Ausstattung und großen Schauspielern glänzt.

Auch "The Wolf of Wall Street" von Martin Scorsese fiel komplett durch. Nochmal: Trotz wahrer Vorlage, 80er-Jahre-Überschwang und glänzend aufgelegten Darstellern. Aber zu viel Sex, Drugs und Elektrobeats kamen in Hollywood noch nie gut an. Und wenn schon Sex und Drugs, dann nicht als Satire, sondern als Drama mit ernstem Hintergrund wie in "Dallas Buyers Club". Mit Matthew McConaughey und Jared Leto gewannen Haupt- und Nebendarsteller des Aids-Dramas die Goldstatue. Nur damit hier keine Missverständnisse entstehen: Sie gewannen die Oscars hochverdient, beide liefern beeindruckende Leistungen in einem mutigen Film ab.

Sieben Preise für ein Weltraumdrama

Auch der andere Gewinner des Abends kam nicht überraschend. "Gravity" erhielt sieben Academy Awards. Kurioserweise sind die Gewinne fast identisch mit jenem Film, der vergangenes Jahr die meisten Preise einstrich: "Life of Pi". Der bekam nicht nur einige weniger bedeutende technische Oscars, sondern auch noch den Regie-Preis für Ang Lee. In diesem Jahr erhielt diesen - ganz richtig - Alfonso Cuarón für das Weltraumdrama.

Auf der Verliererliste steht derweil erneut Leonardo DiCaprio, der die Ablehnung durch die Academy langsam persönlich nehmen dürfte. Dreimal war er bereits als Darsteller nominiert, in diesem Jahr nun sogar zweimal als Produzent und Schauspieler von "The Wolf of Wall Street". Aber wieder nichts. Vielleicht kann ihn Regisseur Martin Scorsese trösten - der musste eine halbe Ewigkeit auf seinen ersten Regie-Oscar warten.

Amy Adams geht ebenfalls wieder ohne Goldjungen nach Hause. Die Allrounderin war zum fünften Mal nominiert, wohlgemerkt innerhalb von gerade mal acht Jahren. Anders als der gleichaltrige DiCaprio ist sie aber noch nicht so lange im Geschäft, ihr Stern fängt gerade erst an, so richtig zu glänzen.

Die Oscar-Verleihung dagegen lebte in diesem Jahr weniger von ihren Preisträgern. Auch wenn sie alle großartige Werke und Leistungen hervorgebracht haben - der ganz große Gewinner ist ein Foto auf Twitter. Das sollte den Mitgliedern der Academy dann doch zu denken geben.

Quelle: n-tv.de

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