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Flake erinnert sich an ziemlich viel und hat alles aufgeschrieben.
Flake erinnert sich an ziemlich viel und hat alles aufgeschrieben.(Foto: Markus Werner/Schwarzkopf & Schwarzkopf )
Sonntag, 23. August 2015

Der "Tastenficker" von Rammstein: An was Flake sich so erinnern kann

Von Andrea Beu

Er hat Flugangst, überhaupt viel Angst vor allem Möglichen, und geht sogar Silvester um halb elf ins Bett. Zugleich ist Flake der Keyboarder von Rammstein. Er ist sehr schüchtern, verheiratet und hat Kinder. Wie das alles zusammen geht? Lesen und staunen.

Es kann am 25. Jahrestag des Mauerfalls liegen oder Zufall sein - in den letzten Monaten häuften sich die Autobiografien von "Ost-Promis" aus Politik, Nachtleben, Kunst und Kultur. Also von Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind und es bis heute zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben. Da wäre etwa der "Berghain"-Türsteher und Fotograf Sven Marquardt, der Comiczeichner Ol und die Politikerin Angela Marquardt. Nun also "Der Tastenficker - An was ich mich so erinnern kann" von Flake, mit bürgerlichem Namen Christian Lorenz, von Beruf Keyboarder. Und zwar nicht bei irgendeiner Band, sondern bei den weltberühmten Brachialrockern namens Rammstein.

Spillerig dünn und auf der Bühne mehr unbeholfen-tapsig und komisch als martialisch-brutal wirkend, erinnert er eher an einen der Nihilisten aus "The Big Lebowski" als an einen harten Rocker. Und er tut auch gar nicht so, macht sich im Buch nicht breiter, als er ist. Er schreibt auch gleich im Klappentext: "Niemand, ich betone, niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn ich nicht zufällig in dieser Band spielen würde. Zufall ist auch nicht das richtige Wort, ich bin eher durch eine Folge von Missverständnissen dabei. Bei Feeling B wurde ich als Bassist eingestellt und in der neuen Band wurde ein moderner, technisch versierter Keyboarder gesucht. Da frage ich mich, wie viel von meinem Leben ich selbst bestimmen kann."

Zufälle, Missverständnisse, glückliche Fügungen

Das umreißt den Tonfall und Inhalt des Buches schon sehr genau - Zufälle, Missverständnisse, glückliche Fügungen, sich treiben lassen bestimmen sein Leben. Und siehe da, so landet er auch fast ohne jedes musikalische Talent (wie er selbst schreibt) in einer Band, die in der ganzen Welt bekannt ist und riesige Hallen füllt. Immer wieder bemerkt Flake staunend, mit fast kindlicher Naivität, wie viel besser doch andere Musiker seien und doch sei er so weit gekommen.

Flake liebt Autos über alles und gibt gern viel Geld dafür aus - nur alt müssen sie sein.
Flake liebt Autos über alles und gibt gern viel Geld dafür aus - nur alt müssen sie sein.(Foto: Markus Werner/Schwarzkopf&Schwarzkopf)

Auch der Untertitel "An was ich mich so erinnern kann" spricht Bände. Seine Gedanken mäandern, fließen mal hierhin, mal dahin, und er schreibt das alles auf, kommt von einem Thema zum nächsten, schweift ab und erinnert sich manchmal selbst wieder an den Geschichtsfaden. Seine Kindheit, seine Jugend, seine Familie, die Schule, die DDR, die Wende ... und natürlich die Musik. Neben alten Autos seine große Liebe.

Ach ja, Flake und die Autos. Wenn sie alt sind - und das ist ganz wichtig, denn die neuen findet er alle hässlich - kommt er eigentlich nicht dran vorbei, er kauft eine Menge davon, verkauft ein paar auch wieder und das meistens mit großem Verlust. Er zieht sogar einen Oldtimer-Handel hoch, in einer alten Halle, doch das geht richtig in die Hose und wen wunderts. Flake ist einfach kein knallharter Geschäftsmann. Aber das verlorene Geld erschüttert sein Gemüt nicht lange.

"Bin ich schon dement?"

Schließlich geht es ihm ja gut, er bezeichnet sich selbst als glücklich. Was fast an ein Wunder grenzt, denn er rechnet "ja jeden Tag mit einer Katastrophe oder einer tödlichen Krankheit. Oder bin ich schon dement?" Das klingt jetzt komisch und ist es einerseits auch - andererseits sind die vielen Ängste, die ihn plagen, gar nicht lustig. Allen voran die Flugangst, die ihn zum Mitschleppen eines Wrackteils bringt (denn ein Flugzeug kann ja nicht zweimal abstürzen - logisch, oder?)

"Der Tastenficker" ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, gebunden, 392 Seiten, 19,99 Euro.
"Der Tastenficker" ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, gebunden, 392 Seiten, 19,99 Euro.(Foto: Markus Werner/Schwarzkopf&Schwarzkopf)

Ganz ohne Zurückhaltung schreibt er auch über seine Sauferei, über den (all-)täglichen Kneipengang. Über seine große Schüchternheit und wie schwer er es dadurch immer hatte, an Frauen und Sex zu kommen. Und darüber, wie ihm seine Frau über die Tiefen hinweg und aus der Sauferei herausgeholfen hat. Denn aller Unsicherheit und Schüchternheit zum Trotz: Flake hat Kinder und ist seit 2008 verheiratet mit Jenny Rosemeyer (übrigens die Ur-Enkelin von Otto Grotewohl, 1949-64 Ministerpräsident der DDR).

Flake fand die DDR toll

Apropos DDR: An die erinnert sich Flake zwar auch kritisch, aber eher liebevoll und positiv. "Ich fand die DDR ja toll", schreibt er ganz offen. Er hatte alles, was er wollte und brauchte und irgendwie war alles nicht so schlimm, auch die Stasi nicht. Über die macht sich Flake eher lustig - wie "praktisch" er es fand, wenn die IMs (Inoffizielle Mitarbeiter) in Bands spielten, die gegen den Staat ansangen. Die Stasi hätte ja damit ihren eigenen Untergang befördert. Und dann hieß eine Band auch noch "Die Firma" (ein Synonym für die Stasi)! Ihm wird deswegen von verschiedenen Seiten Verharmlosung vorgeworfen - "Dann verharmlose ich eben. Aber ich habe das so erlebt", entgegnet Flake den Kritikern.

Und er beobachtet, wie im Zuge der Ausreisewelle viele Musiker und Freunde in den Westen gehen und dort alle nicht recht glücklich werden. Wie sie mit ihrer Musik "drüben" nicht erfolgreich sind, kein Geld verdienen und sich daher mehr mit Sozialhilfesätzen und Einnahmequellen beschäftigen müssen, als die neue, vorher so ersehnte Freiheit genießen zu können. Flake selbst wollte nie ausreisen - der Sänger seiner DDR-Punkband Feeling B, Aljoscha Rompe, der einen Schweizer Pass hatte und daher den Westen kannte, riet ihnen auch sehr davon ab. Er hätte der Band immer wieder gesagt, sie könnten sich gar nicht vorstellen, wie gut sie es hier hätten.

Vor allem ehrlich

Manches wirkt sehr naiv, manches kindlich, manches schräg und komisch, dann wieder wird Flake nachdenklich, ernst, geradezu philosophisch. Aber zuallererst ist das Buch eines: ehrlich. Nicht anbiedernd, keinem Zeitgeist folgend, nichts verbergend. Er legt Schwächen offen, Peinlichkeiten, die bereits erwähnten Ängste. Aber was in dem Buch eigentlich gar nicht vorkommt, ist Rammstein. Erst auf der letzten Seite fällt der Name: "Jetzt fällt mir auf, dass ich eigentlich gar nichts über Rammstein erzählt habe". Für Rammstein-Fans, die Insidergeschichten erwartet haben, also eine Enttäuschung - für alle anderen eine interessante, spannende, berührende, lustige, schräge, philosophische, blödelnde Geschichte seines Lebens.

Aber warum hat Flake dieses Buch eigentlich geschrieben? "Wenn ich jetzt also etwas aufschreibe, liegt es daran, dass ich wie gesagt etwas hypochondrisch bin und denke, es ist egal, wie alt man ist, wenn man eine Biografie schreibt. Wichtig ist eher, dass man da noch lebt, und da ist es auf jeden Fall klüger, man beeilt sich ein bisschen." Bestechende Logik.

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Quelle: n-tv.de

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